Weihnachtsgottesdienst im Südstadion?
v.l. Arnd Henze, Msgr. Robert Kleine, Bernhard Seiger, Prof. Claudia Nothelle

Weihnachtsgottesdienst im Südstadion?

Stadtsuperintendent Bernhard Seiger und Stadtdechant Robert Kleine beim ökumenischen Kölner Stadt-Kirchen-Gespräch

Vorsicht sei das Gebot der Stunde. Da waren sich Stadtsuperintendent Bernhard Seiger und Stadtdechant Robert Kleine vollkommen einig. Letzterer brachte es auf den Punkt: „Wir dürfen jetzt nicht fahrlässig werden.“ Seiger und Kleine saßen auf einem Podium im Museum für angewandte Kunst und diskutierten mit den Journalisten Professorin Dr. Claudia Nothelle (Hochschule Magdeburg-Stendal) und Arnd Henze (WDR) beim ökumenischen Kölner Stadt-Kirchen-Gespräch über das Thema: „Kirche und Gesellschaft in der Corona-Krise: Eine Frage der Relevanz?!“

Distanz ist eine neue Form von Liebe

Zunächst stand ein kurzer historischer Abriss auf der Tagesordnung. Am Abend vor dem sogenannten „Lockdown“ im März hatten Kleine und Seiger entschieden, die Gotteshäuser während der „Langen Nacht der Kirchen“ zu öffnen. „Wir wollten den Menschen ermöglichen, in unseren Kirchen Ruhe zu finden und eine Kerze anzuzünden. Danach ging alles ganz schnell“, erinnerte sich der Stadtdechant. „Als alles geschlossen war, hatten die Kirchen auf. Shutdown hieß ja nicht, dass die Kirchen die Schotten dicht gemacht hat“, fuhr Kleine fort. Vielleicht seien die Kirchen in der Öffentlichkeit nicht genügend präsent gewesen. Aber die Situation habe auch die Seelsorger unvorbereitet getroffen. „Es war extrem schwierig, Menschen in Pflege-Einrichtungen seelsorgerlich zu betreuen. Wir kamen schlicht nicht rein.“

Seiger verwies auf einen weiteren Aspekt: „Die Gottesdienste sind bis heute geprägt von einem Suchen und Tasten. Das halte ich auch für angemessen. Der Glaube ist eine Beziehung, in der man behutsam schauen muss und fragen ,Was trägt mich gerade?‘ Es ist schon seltsam: Distanz ist eine neue Form von Liebe.“ Viele Gemeinden hätten kreative Lösungen gefunden. Gottesdienste seien digital gefeiert worden. Kleine bedauerte, „dass Gemeinschaft verunmöglicht worden sei“.

„Systemrelevanz“

Das Bild von Kirche habe sich womöglich dauerhaft verändert. „Die Menschen haben erlebt, dass sie auch zu Hause beten und eine Kerze anzünden können, während auf dem PC der Gottesdienst erlebt wird. Zurzeit kommen weniger in die Gottesdienste als Anfang März. Es gibt aber auch Menschen, die gerade merken, dass ihnen Gottesdienste nicht fehlen. Aber die Kirche ist ja kein Verein, dessen Mitgliedschaft mal ein bisschen ruhen lässt.“

Arnd Henze fragte in die Runde, ob die Kirche beim Lockdown den Menschen etwas schuldig geblieben sei. Als systemrelevant sei die Seelsorge schließlich nicht betrachtet worden. „Wir haben versucht, relevant für die Menschen zu sein. Aber wir haben es nicht immer geschafft, da zu sein“, räumte Kleine ein. Seiger ging auf die Situation in den Pflege-Einrichtungen ein: „Es gab ein ethisches Dilemma. Einerseits stand die Gesundheit der älteren Menschen im Fokus. Das bedeutete aber auch Isolation. Und auch das Pflegepersonal war hoch belastet. Die Kirche hat die seelische Lage von vielen aus dem Blick verloren. Es gab da Versagen, aber auch Gelingen.“

„Was wir tun können”

Man wisse jetzt mehr als im März, so der Stadtsuperintendent. Deshalb werde man bei steigenden Infektionszahlen differenzierter handeln und mehr den einzelnen Menschen im Blick haben. Dem pflichtete Kleine bei: „Wir wirken auf unsere Träger von Pflege-Einrichtungen ein, Besuche zu ermöglichen. Vor allem ist uns wichtig, dass Sterbende menschenwürdig Abschied nehmen können.“ Dr. Seiger ergänzte: „Wir konnten im März ja nicht vollmundig auftreten. Mit welcher Legitimation und in welche Richtung. Die Freiheit des Einzelnen findet seine Grenze im Lebensrecht des anderen.“ Es gelte, die Balance zwischen Freiheit und Veranwortung zu finden. Und: „Wir tun nichts, um relevant zu sein: Alles, was wir tun ist ja auf Menschen ausgerichtet. Was wir tun können, ist in großer Ehrlichkeit und Offenheit zu gucken, was nötig ist.“

Es gelte, den Hunger nach Lebensbegleitung zu stillen. In der Krankenhausseelsorge, in Gottesdiensten in den Gemeinen, bei Einschulungen und Konfirmationen. Die Pflege-Einrichtungen seien aktuell besser vorbereitet als im März. Sowohl was die Mitarbeitenden angehe, als auch wegen der technischen Möglichkeiten. Aber man solle jetzt nicht so tun, als ob vor dem März alles gut gewesen sei. Die Parkplätze vor den Pflege-Einrichtungen seien samstags und sonntags ziemlich leer gewesen. Jeder und jede trügen die Verantwortung, Einsamkeit zu verhindern. Darüber gehöre es zur Kernkompetenz der Kirchen, über das Sterben zu sprechen.

Hospizarbeit und Weihnachten

„Es gibt mittlerweile so viele ambulante und stationäre Hospize. Wir müssen erzählen, was da geschieht“, forderte der Stadtsuperintendent. „Sterben ist eine Lebenssituation, die uns an Grenzen führt. Wir müssen das Thema aus der Nische des Tabus holen.“ Auch das Thema Weihnachten wurde angesprochen. „Es wird ein anderes Fest. Wir überlegen, Gottesdienste unter freiem Himmel zu feiern. Das ist dann zwar unbehaust. Aber das war die Geburt im Stall ja auch. Vielleicht ist unbehaust sein ja ein Zeichen für Weihnachten“, sagte Seiger. Als Ort zum Feiern käme beispielsweise das Südstadion in Frage. „Es wird auf jeden Fall ein Weihnachten, das in Erinnerung bleibt. Wir stehen da zusammen und vertrauen darauf, dass der Glaube uns trägt.“

Kleine nannte den Roncalliplatz und die Poller Wiesen als Beispiele: „Kindergottesdienste und Krippenfeiern würden open air etwas kürzer und knackiger. Es werden nicht alle kommen. Aber alle, die kommen wollen, müssen die Chance haben.“ Konkrete Entscheidungen für katholische Open-Air-Gottesdienste gibt es bislang allerdings noch nicht. Seiger schlug vor, dass man auch in kleinen Gruppen zu Hause feiern könne. In dem Zusammenhang erinnerte er an die christliche Urgemeinde, die sich ja auch in Kleingruppen sozusagen privat getroffen habe. Kleine wie Seiger bedauerten, dass Gottesdienste wie früher auf absehbare Zeit wohl nicht gefeiert werden können. Der Stadtsuperintendent: „Es gibt Dinge, die brauchen Leiblichkeit. Wir brauchen beim Abendmahl das Schmecken von Brot und Wein. Wir brauchen dabei die körperlich sichtbare Zuwendung. Es muss stimmig sein. Zurzeit sind wir vor allem darauf konzentriert, alles richtig zu machen.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann/APK