Theologie2go mit Dr. Martin Bock zum Thema Karl Barth

Theologie2go:

kurz, kompakt, kompetent

In unserem neuen Format „theologie2go“ vermitteln und beantworten wir theologische Fragen im Taschenformat.

Kurz und bündig, aber immer theologisch fundiert, bringen wir wichtige Fragen und Fakten rund um das Thema Glaube auf den Punkt.

In Statements, Kurzfilmen, Interviews oder Animationen vermittelt  „theologie2go“  in einfacher und verständlicher Sprache wichtige Sachzusammenhänge oder erklärt Dinge, die man schon immer wissen wollte.

Abwechslungsreich, neugierig und schnell – das ist „theologie2go“

 

Zum Auftakt der Reihe führt uns Dr. Martin Bock, Pfarrer und Akademieleiter der Melanchthon-Akademie durch das Köln Karl Barths.

Er geht der Fragen nach: Was hat Barths Theologie uns heute angesichts neuer „dämonischer Verrücktheit“ (Barth) des Antisemitismus zu sagen?

Denn mitten im Kirchenkampf 1933 „entdeckt“ Karl Barth das Judentum als den Augapfel Gottes. Der Angriff des Antisemitismus auf Gottes Augapfel richtet sich nach seiner Überzeugung auch auf das Sein oder Nichtsein der Kirche.

30 Jahre später „entdecken“ Theologen wie Helmut Gollwitzer, Friedrich-Wilhelm Marquardt oder Bertold Klappert diese tragende Spur in Barths Theologie erneut. Im christlich-jüdischen Dialog ist sie zu einer der Quellen ernsthafter und tiefgreifender Umkehr geworden.

Und doch: Heute fordern nicht wenige einen erneuten Paradigmenwechsel und historisieren jene Entdeckung.

Mehr zum Thema?

Wir laden Sie herzlich zu dieser Studientagung im Karl-Barth-Jahr mit jüdischen und christlichen Referentinnen und Referenten ein und bitten um Anmeldung bis zum 9. September (Seminar-Nummer 1055B) unter anmeldung@melanchthon-akademie.de oder 0221.931803-0.

Tagungsbeitrag: 15 € inkl. Getränke und Imbiss.

Eine Zusammenarbeit mit dem Karl-Barth-Beauftragten des Reformierten Bundes und der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Noch mehr Videos? Klicken Sie sich rein und entdecken Sie viele weitere Filme und unserem YouTube-Kanal:  https://bit.ly/2JDf32o

Den gesamten Text zum Nachlesen:

Herzlich Willkommen zu Theologie2go!

Ich möchte sie heute Nachmittag einladen auf einen kleinen theologischen Spaziergang.

Warum Theologie spazieren führen?

Eigentlich heißt Theologie: „unterwegs zu sein“, „gehen zu müssen“.
Unsere jüdischen Geschwister nennen Theologie überhaupt: „gehen“, „miteinander gehen“.
Das wollen wir heute Nachmittag durch diese Stadt tun und wir haben einen an unserer Seite, Karl Barth, der eigentlich schon nicht mehr lebt aber dessen Gedenken ja in diesem Jahr 2019 im Vordergrund steht.
Karl Barth war von 1930 bis 1935 in der Nachbarstadt Bonn Systematischer Theologe in einer ganz bewegten Zeit. Und weil Karl Barth in dieser Zeit so viel zu tun hatte und so selten in Köln war, wollen wir den Spaziergang mit ihm posthum nachholen und ich lade sie ein, mit dabei zu sein.

Vor ein paar Jahren hat eine Künstlerin hier vor dem Hauptbahnhof ganz viele Menschen ein einziges Wort gefragt: „Wohin?“
Sie können sich denken, dass die Menschen darauf sehr unterschiedliche Antworten gegeben haben. Nahe liegend: Woher sie gerade kommen, wohin sie reisen und die Lebensreise als Thema aufgenommen haben und sehr viel dazu erzählt haben. Wenn man in Köln aus dem Hauptbahnhof kommt, sieht man sofort den Dom das Zeichen der Katholischen Kirche hier in Köln. Mit der leben auch wir evangelischen Christen zusammen und Ökumene ist heute eine Selbstverständlichkeit. Zur Zeit von Karl Barth um 1930 war das noch überhaupt nicht so, da hatte jede Konfession ihre Eigentümlichkeit, ihr ganz bestimmtes Milieu und das gemeinsame Gehen, Aufbrechen, Suchen war noch überhaupt nicht angesagt.

Das hat Karl Barth zu seiner Zeit schon sehr genervt und er hat auch in der Katholischen Kirche nach Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern gesucht, die nach Christus fragen, die sich auf den Weg machen wollen, die auch unzufrieden sind mit der Kirche in ihrer Zeit und die mit der Bibel einen neuen Anfang machen wollen.
Und er hat auch welche gefunden.

Wir stehen jetzt hier vor dem Kölner Domherrenfriedhof und ich möchte ihnen erzählen von Robert Grosche, einem der wichtigen katholischen Gesprächspartner für Barth in dieser Zeit von 1930 bis 1935.

Robert Esche war ein katholischer Theologe den Barth schon vorher in Münster kennengelernt hatte und er war ganz begeistert von der Frische und Offenheit, mit der Robert Grosche mit ihm über die wichtigsten theologischen Themen, völlig unabhängig vom konfessionellen Hintergrund, diskutieren konnte und sie gründeten einen theologischen Arbeitskreis.

Dann wurde Grosche Pfarrer hier in Brühl und folgte gewissermaßen Barth nach Bonn und jede Woche pilgerte Robert Grosche mit anderen in Barths Vorlesungen ins nicht weite Bonn.

Nach dem zweiten Weltkrieg, als Karl Barth dann schon wieder Professor in Basel war, wurde Grosche Stadtdechant von Köln und die ökumenischen Früchte dieser Begegnung vorher zeigten sich. Grosche gründete 1946 den ersten ökumenischen Bibelkreis und machte überhaupt in jeglicher Hinsicht einen Neuanfang in der Ökumene. Er merkte, dass der Anfang der Kirche in diesen Trümmerzeiten nur gemeinsam gehen kann.

Wir stehen jetzt hier auch über dem Baptisterium, dem ältesten Kölner Taufort, den es seit ein paar Jahren jetzt wieder in neuem frischem Glanz gibt und seit zwei Jahren finden hier ökumenische Gottesdienste am 24. Juni statt am Gedenktag Johannes des Täufers. Und es ist eine wunderbare Neuentdeckung der Gemeinsamkeit die für alle Christen von der Taufe ausgeht.

Und ich glaube, einerseits würde sich Karl Barth darüber sehr freuen.
Auf der anderen Seite, und das muss ich ihnen jetzt auch noch erzählen, hat Barth mit der Selbstverständlichkeit mit der in seiner Zeit und auch heute immer noch, die Kinder und die Säuglingstaufe eigentlich der gegebenen Zeitpunkt zum Taufen ist, in Frage gestellt.

Und kurz nach Barths Tod hat es in der Rheinischen Kirche dazu einen richtigen Taufstreit gegeben. Warum fremdelte Barth so mit der Kinder- und Säuglingstaufe? Nach seiner Überzeugung ist die Taufe eigentlich der Anfang eines Weges. Eines Weges zu dem wir zu Zeuginnen und Zeugen von Gottes Anfang mit uns werden. Und Zeugen, die müssen reden können, die müssen antworten können, die müssen von etwas begeistert sein. Ein Säugling kann nur empfangen kann nur hinnehmen.

Das ist auch etwas, was in der Taufe drin steckt. Aber Barth war immer viel wichtiger, dass wir zu lebendigen Zeugen werden, dass wir was draus machen. Heute in einer Zeit, in der die Volkskirchen wahrscheinlich bald hinter uns sind, wird diese Antwort, die die Taufe in sich schließt, immer wichtiger. Und vielleicht fängt ja Barths Fragezeichen an der Säuglingstaufe noch mal neu an Konjunktur zu machen.

Die eigentliche ökumenische Frage ist das Verhältnis der Christen zu den Juden. So hat Barth zugespitzt, was uns eigentlich als Christen heute herausfordert. Er hat das in einer Zeit getan, in der die Kirche im Begriff war, sich von ihren Wurzeln vom jüdischen Volk vom Alten Testament zu trennen und zwar nicht unter Druck sondern freiwillig. Das hat Barth so provoziert, dass er seine ganze Theologie von der gemeinsamen Wurzel, die für Israel und Kirche in Gottes Wort liegt, entwickelt hat. Ich habe Sie deshalb hier hin mitgenommen, wo im künftigen Museum Miquwe von 1.700 Jahre Judentum in Köln erzählt wird und damit auch von 1.700 Jahren Glauben an Gott in den zwei Gestalten als Israel und als Kirche.

Von daher theologisch zu denken, das ist bis heute immer noch eine große Herausforderung für uns als Christen. Denn wie oft reden wir distanziert oder aburteilend vom jüdischen Volk, von Israel, als Volk als Start, und glauben auf der richtigen, auf den besseren, auf der friedlichen Seite zu stehen. Was für ein Irrtum von Anfang an von der Wurzel an.

Wer mit Barth Theologie treibt, kann so nicht sprechen, sondern muss anders in eine Empathie, in einer Gemeinsamkeit hineingehen und nach dem fragen, was uns gemeinsam ausmacht, was uns gemeinsam herausfordert auch als politische Gruppen und Gemeinschaften. Ich glaube, dass es bis heute die größte Herausforderung ist, die
Barths-Theologie für uns als Kirche und vielleicht auch für uns als Stadtgesellschaft bietet. Aus diesen Urteilen, aus dieser Distanz heraus zu gehen und zu einem wirklich gemeinsamen Leben zu kommen.

Würde ich mit Karl Barth heute durch Köln gehen, würde ich ihm als letzte Station Alt Sankt Alban zeigen. Diese Ruine, die seit über 60 Jahren an die Opfer von Krieg und Vertreibung erinnert. Sie ist bis heute eine Lehrstelle für all das, was Kriege anrichten. Und ich würde mit Karl Barth darüber sprechen, was sein Bekenntnis zu Jesus Christus als Ort und Wort der Versöhnung denn heute bedeuten kann.

In seiner Zeit hat Karl Barth immer wieder versucht Schneisen zu schlagen zwischen die Freund-Feind-Schemata und Versöhnung ausmachen wollen als neuer Anfang, als Geste und als Öffnen von Türen. Was kann das in der Welt des Jahres 2019 bedeuten, in einer Welt, in der Friede oft ein kalter Begriff geworden ist, in der Rüstungsabkommen nicht mehr gehalten werden und ein neues Wettrüsten beginnt?

Karl Barth war ein politischer Theologe und auch da möchte ich ihn fragen, nach seinem politischen Wort für heute. Und er war jemand, der sehr aufmerksam dafür war, dass Gott die Geschichte, die konkrete, die verworrene, den ganzen Quark begleitet, aufmerksam begleitet, und sein Wort des Friedens an uns richtet. Ich glaube, wir kämen in ein lebendiges Gespräch mit ihm und seine Theologie ist deshalb bis heute nichts Abständiges, sondern lädt uns ein, uns als Christen und als Bürgergemeinde mit einzumischen.

Ich hoffe es hat ihm Spaß gemacht, auf diesem kleinen, theologischen Weg durch Köln mit diesem anregenden Theologen Karl Barth. Wenn sie dazu mehr wissen wollen, besuchen sie doch unsere Webseite  www.melanchthon-akademie.de
Da gibt es noch mehr zu hören, zu lesen und zu lernen.