„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“
Dr. Holger Pyka im Altenberger Dom

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“

Bei der Reformationsfeier im Altenberger Dom fordert der Prediger Dr. Holger Pyka ein Ende der vermeintlichen Sicherheit vergänglicher Privilegien und lähmenden Routinen

Die Reformationsfeier des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region war mal wieder ganz großes Kino. Die Fenster des Altenberger Doms strahlten in der milden Herbstsonne und sorgten für ein besonderes Licht im Inneren. Mit dem Blechbläserensemble Harmonic Brass aus München hatte man ausgezeichnete Musiker gewinnen können, die im perfekten Zusammenspiel mit Domorganist Andreas Meisner die Feier auch zu einem konzertanten Erlebnis werden ließen. Aber schon das Lied zu Beginn des Gottesdienstes machte deutlich, dass diesmal alles anders werden würde.

Die Gemeinde durfte nämlich nicht singen. Mitglieder der Domkantorei Altenberg sangen die erste Strophe, die Gemeinde sprach die zweite, die dritte sang dann wieder der Chor. So ging es weiter während des gesamten Gottesdienstes. Auf jeder Kirchenbank saßen zwei Menschen mit Abstand. Man hatte sich vorher anmelden müssen. Stadtsuperintendent Bernhard Seiger begrüßte die Gäste. Er wünschte allen einen „gesegneten Gottesdienst in der Erwartungsfreude und in der Wachsamkeit für das, was uns in der Unsicherheit den Blick weitet“. Seiger war gemeinsam mit Superintendentin Andrea Vogel, Dom-Pfarrerin Claudia Posche und Pfarrer Christoph Rollbühler für die Liturgie verantwortlich.

Taucherziel: Altenberger Dom

Die Predigt hielt Dr. Holger Pyka, Pfarrer aus Wuppertal. Der hatte allerdings erstmal keine guten Nachrichten für die Altenberger und erst recht nicht für den Dom. „Dieser Dom wird nicht ewig stehen. Vielleicht wird er in zweihundert Jahren ein beliebtes Taucherziel sein, wenn der Klimawandel das Tal geflutet hat und die höher gelegenen Ortsteile von Odenthal als Rheinisch-Bergische Riviera bekannt geworden sind.“

Dr. Pyka predigte über Hebräer 13, 14 „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Auch die Kirche an sich werde es nicht ewig geben. Niemand könne sagen, wie die Gemeinden nach Corona aussehen werden. Und auch die Prognosen über die Zahl der zukünftigen Kirchenmitglieder seien eindeutig: „Wir werden kleiner, wir werden weniger, wir werden ärmer, wir werden mancherorts vielleicht sogar aus dem Stadtbild verschwinden – aus dem Blickfeld vieler Menschen sind wir es schon längst.“

Zur Zeit des Hebräerbriefes hätten sich die Christen wohl kaum vorstellen können, dass sie mal Sitze in Rundfunk-Räten innehaben und Kirchensteuer sowie staatliche Dienstleistungen erhalten würden. Damals habe Christ zu sein bedeutet, sich ins soziale Abseits zu stellen. Der Verfasser des Briefes habe die Situation nicht beschönigt. Er lenkte den Blick der Gemeinde vor die Stadttore, wo die neben den Christen anderen Randgestalten des damaligen Lebens ihr karges Dasein gefristet hätten. „Draußen vor dem Tor hat Jesus gelitten. Draußen, außerhalb der Stadt, steht das Kreuz. Als Erinnerung daran, dass Tod und Sterben und Vergehen und vermeintliches Scheitern dem Christentum ins Stammbuch geschrieben sind.“

„Ich stelle mir eine Kirche vor“

Dr. Pyka forderte die Gemeinde auf, raus zu gehen. Raus aus der vermeintlichen Sicherheit vergänglicher Privilegien und lähmenden Routinen. „Ich stelle mir an diesem Reformationstag eine Kirche vor, die diesen Weg mit hocherhobenem Haupt, geradem Rücken und ein bisschen Restwürde geht.“ Der Prediger stellt sich eine Kirche der Zukunft vor, die eher am Rand sitzt, statt wie bisher mit den Mächtigen zu tanzen. „What would Jesus do? Tische umschmeißen und rumbrüllen steht doch auch ihr sehr gut. Zumindest manchmal. Zumindest dort, wo es sonst keiner tut.

Ich stelle mir eine Kirche vor, der das leichter fällt. Die ungeniert weint mit denen, denen zum Heulen ist. Die laut lacht und mit dem Finger auf den Kaiser zeigt, der gar keine Kleider trägt. Die vielerorts nicht mehr so ganz reinpasst, weil sie so verschroben und derangiert aussieht. Aber das ist nicht schlimm. Das bringt sie leichter ins Gespräch mit denen, die selber nirgendwo so richtig reinpassen. Ich stelle mir eine Kirche vor, die draußen vor der Stadt, am Rand der Gesellschaft, die große Narrenfreiheit entdeckt und nutzt. Die ausprobiert und experimentiert und darüber lacht, wenn es schiefgeht.

Und ich stelle mir eine Kirche vor, die weiß, dass sie nicht ewig leben wird. Die weiß, dass sie sterblich ist, dass sie irgendwann austherapiert sein wird, dass sie aus Staub geformt ist und zu Staub zurückkehrt.“ Denn die Geschichte, die das Christentum erzähle, handele vom Sterben und Scheitern, aber auch vom Aufstehen, von neuem Leben, von Herrlichkeit, die mit nichts Bekanntem vergleichbar sei. „Und wir werden, auch, wenn wir ohne festes Dach über dem Kopf zwischen zugigen Zeltplanen im Regen stehen, erfahren, erzählen und singen: ,Ein feste Burg ist unser Gott‘.“

Landrat Santelmanns Grußwort

Nach dem Segen, den Superintendentin Vogel den Gläubigen gespendet hatte, sprach Stephan Santelmann ein Grußwort. „Altenberg ist nicht nur ein touristisches Ziel, sondern auch ein beispielhafter Ort für das Christentum“, sagte der Landrat des Rheinisch-Bergischen Kreises. Er erinnerte an die Geschichte des Doms, der mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. einen bedeutenden Fürsprecher gehabt habe. Den Preußen sei es zu verdanken, dass der Dom als Simultaneum eingerichtet worden sei. Dem verdanke nicht zuletzt der Ökumeneausschuss im Rheinisch-Bergischen Kreis seine Entstehung und das Altenberger Forum, in dem einmal jährlich Vertreter von Kirche und Politik sowie andere Gäste über aktuelle Themen diskutieren.

Altenberger Forum zum Thema „Demokratie in Gefahr?“ – digital

In diesem Jahr laute, so der Landrat, am 17. November das Thema „Demokratie in Gefahr?“ Santelmann freut sich, das Professor Dr. Norbert Lammert, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestags, zugesagt hat. Die Veranstaltung wird digital übertragen. Santelmann sprach die Herausforderungen der Gegenwart an. Dazu zählten die Globalisierung, die Digitalisierung, social media: „Das alles vollzieht sich in einer hohen Gleichzeitigkeit und mit einer hohen Geschwindigkeit.“ Die Pandemie-Krise stelle auch die Globalisierung in ein anderes Licht. Wichtig sei es, in Zeiten der Digitalisierung die soziale Nähe nicht zu vernachlässigen. „Ich bin ein großer Befürworter von Homeoffice. Aber die Arbeitgeber dürften die Menschen nicht vergessen, die zu Hause arbeiten. Homeoffice darf nicht zur Vereinsamung führen. Zusammenhalt hat viel mit Rückhalt zu tun.“

Video

Die Reformationsfeier wurde live auf YouTube und Bibel TV übertragen. Hier können Sie das Video sehen:

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Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann