Der barmherzige Roboter – Künstliche Intelligenz: Fluch oder Segen?
Superintendentin Andrea Vogel und Stellv. Kreisdechant Christoph Bernards

Der barmherzige Roboter – Künstliche Intelligenz: Fluch oder Segen?

Künstliche Intelligenz (KI) –das ist ein Thema, was inzwischen weit bis in persönliche Lebensbereiche eines jeden Einzelnen vorgedrungen ist. Dabei stellen sich nicht nur technische Fragen. Der moralisch-ethische Aspekt rückt mit der fortschreitenden Perfektionierung der Technik immer weiter in den Vordergrund. Mit einem ökumenischen Gottesdienst und einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde wurden im Rahmen des 24. Altenberger Forums unter dem Thema „Der barmherzige Roboter – Künstliche Intelligenz: Fluch oder Segen?“ verschiedene Aspekte beleuchtet, erläutert und diskutiert.

Ökumenischer Gottesdienst – kann ein Roboter barmherzig sein?

Superintendentin Andrea Vogel und stellv. Kreisdechant Christoph Bernards eröffneten das 24. Altenberger Forum mit einem ökumenischen Gottesdienst. Nach einer Begrüßung durch Christoph Bernhards führte Andrea Vogel in das Thema ein. „Was ist der barmherzige Roboter? Hat er Gefühle? Wo setzen wir Grenzen?“ Schnell ist man hier beim christlichen Menschenbild, daraus könnten Grenzen des Machbaren hergeleitet werden, so die Superintendentin.

Nach einem Gebet und einem Lied las Christoph Bernhards aus dem 2. Kapitel des Markus Evangeliums. Dort wird beschrieben, wie Jesu Jünger am Sabbat Ähren aus einem Kornfeld rissen. Die Pharisäer machten sie darauf aufmerksam, dass das am Sabbat verboten sei, worauf Jesus feststellte, der Sabbat sei für den Menschen gemacht und nicht umgekehrt. Dann kam eine harte Überleitung in die Gegenwart: „Erinnern Sie sich, als der Computer genau wusste, welche Ware Sie gerne einkaufen wollen? Welche Gefühle hatten Sie dabei? Freude, vielleicht Ärger oder gar Beklemmung?“ Hier stelle sich die Frage nach den Grenzen dessen, was Menschen entwickeln dürfen. „Gibt es Vorschriften?“ Genau hier lässt sich das Wort Jesu aus dem Evangelium auf die Gegenwart übertragen: „Vorschriften sollen den Menschen dienen.“

Der Stadtdechant sieht eine grundsätzliche Frage. „Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen. Wie muss KI ausgerichtet sein? Welchen Interessen darf sie nutzen?“ Auch hier habe sich Jesus ganz klar positioniert: „Jesus ist auf der Seite der Schwachen. Technik muss sich an denen ausrichten, die ansonsten keine Lobby haben.“ Mit einem gemeinsamen Segen ging der Gottesdienst zu Ende: „Es geht um das Spannungsverhältnis dessen, was technisch möglich und ethisch vertretbar ist.“ Landrat Stephan Santelmann leitete mit einem kurzen Statement dann zum weltlichen Teil des Forums über.

Diskussionsrunde im Martin-Luther-Haus – Kann Technik menschlich sein?

Ein kleiner Spaziergang bei fast frostigen Temperaturen vom Dom zum Martin-Luther-Haus machte besonders Appetit auf die heiße Kartoffelsuppe, die kurz vor Beginn der Diskussion serviert wurde. Der Altenberger Dom-Laden bot einige Literatur zum Thema KI an. Nach dem kleinen Imbiss begrüßte WDR-Moderator Wolfgang Meyer den Innovationsstrategen und Investor Christopher Peterka, den Direktor der evangelischen Akademie Dr. Frank Vogelsang und den Innovations- und Zukunftsforscher Professor Dr. Axel Zweck, auf dem Podium. Wolfgang Meyer gab eine kurze Einführung in das Thema und fasste die Problematik in einer Frage zusammen: „Wenn der Computer zwischen zwei Menschenleben entscheiden muss – welches soll er nehmen?“ In einer kurzen Keynote stellten die Diskussionsteilnehmer jeweils ihre Sicht der Dinge vor.

Christoph Peterka – wir müssen neu denken und neu handeln

„Wer von Ihnen benutzt Siri?“ Es war die Mehrheit der Zuhörer. „Die KI ist schon mitten in Ihrem Leben, ohne dass Sie das vielleicht bewusst wahrnehmen.“ Wie soll man mit KI umgehen? „Ich wehre mich gegen die Zuspitzung Fluch oder Segen. Muss man Phänomene nicht erst anschauen bevor man sie bewertet?“ Er berichtete von einem Kongress, auf dem maschinelle Pflegekräfte vorgestellt wurden, die einfache Tätigkeiten übernehmen. Damit bleibe den menschlichen Pflegerinnen und Pflegern mehr Zeit für den Menschen. KI werde helfen, Ressourceneinsätze schonender zu steuern. „20 Prozent aller Berufsbilder können ersetzt werden.“ Um das alles zu verarbeiten, verlangt er ein völliges umdenken. „Wachstum ist eine Zeitbombe, wir brauchen eine neue Einstellung, wir müssen neu denken und handeln. Die Zukunft wird Form annehmen – wer wird sie formen?“

Axel Zweck – die Super-Intelligenz steht nicht kurz bevor, aber sie wird kommen

„Von jeher war es der Wunsch des Menschen ebenbürtige Maschinenwesen zu schaffen“, läutete der Professor seinen Vortrag ein. Bereits 1956 sprach man erstmals von KI. „KI ist ein Teilgebiet der Informatik, was sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens befasst.“ Auch er machte auf den schon heute alltäglichen Gebrauch von KI aufmerksam. „Wir sind täglich mit KI befasst. Selbst Fotos, die man hier jetzt schießt, sind KI.“ Allerdings relativierte er den KI-Hype: „Heutige Systeme sind Fachidioten, sie müssen mit unendlichen Datenmassen trainiert werden.“ Seine Prognose in Sachen KI: „In den nächsten zehn Jahren ändert sich nicht viel.“ Die Super-Intelligenz stehe nicht kurz bevor, aber sie werde kommen. Weiter stellte er die Frage nach dem Warum „Unsere Gesellschaft verarbeitet immer mehr Daten, KI erkennt Muster in großen Datenmengen, die wir als Mensch nicht mehr handeln können.“

Frank Vogelsang – die große Herausforderung ist die Weltanschauung

Frank Vogelsang sieht den KI-schaffenden Menschen in der Hauptverantwortung. „Wir werden mit Dingen konfrontiert, von denen wir gar nicht wissen, ob wir sie wollen.“ Für ihn ist da auch eine unheimliche Komponente: „Wenn Maschinen selber lernen, weiß irgendwann kein Programmierer mehr, warum die Maschine etwas tut.“ Auch er sieht die Super-Intelligenz in weiter Ferne. „Auf ein künstliches Wesen, was alles kann, warten wir noch lange.“ Für ihn stellen sich ganz klare ethische Fragen, die der Mensch beantworten muss. „Die Mustererkennung ist nicht neutral, sie lebt von den menschlichen Vorgaben. Wie soll man programmieren, wenn die Maschine zwischen dem Leben zweier Menschen entscheiden muss?“ Hochproblematisch sei KI auch heute schon im militärischen Kontext eingesetzt. „Tötungsmaschinen mit Handy und Gesichtserkennung sind ganz leicht zu bauen. Aber wie nutzt man sowas?“ KI benötige sehr viele hochqualifizierte Menschen. „Was passiert dann mit den nicht so qualifizierten Menschen?“

Diskussion – Fragen wurden gestellt, Fragen blieben offen

Zu der kurzen Diskussionsrunde mit dem Publikum wurden die Fragen zentral gesammelt. Die Zuhörer stellten ähnliche Fragen wie sie zuvor schon auf dem Podium angerissen wurden.

Kann KI Umweltprobleme lösen? Axel Zwick: Nein, KI kann nur helfen. Wer profitiert am Ende? Frank Vogelsang: Wir müssen uns darauf einlassen die Systeme aktiv zu gestalten. Sonst geraten wir in technologische Abhängigkeit. Viele Fragen gab es in Sachen Arbeitsplätze und Manipulation. Christoph Peterka wies auf die im letzten US-Wahlkampf aufgeflogene offensichtliche Wählermanipulation durch KI hin. Axel Zwick forderte, in Europa ein eigenes Konzept zu entwickeln. „Die Menschen in China sind von ihrem Konzept der totalen Überwachung überzeugt, sie denken aber anders als die Europäer.“ Alle wiesen darauf hin, dass die Technologieentwicklung ein politischer Prozess sei. „Wir müssen unsere Politiker permanent fragen, wir müssen Datenautonomie verlangen. Wie wollen sie uns vor Missbrauch schützen?“ Was ist mit den Menschen, die mit der Technik nicht umgehen können? Axel Zwick sieht KI hier als hilfreich an, spricht von einer „künstlichen Prothese“. Das gelte auch für den Bildungsbereich, in dem heute ein eklatanter Mangel an Ausstattung und Angeboten herrsche.

Im Schlusswort waren sich alle einig: Man muss irgendwo hin wollen, nicht den Status quo zementieren. Mit einem Dank des Moderators war die viel länger als geplant dauernde Veranstaltung beendet. Das Interesse am Thema war groß, niemand ist trotz der späten Stunde vorzeitig nach Hause gefahren.

Text: Dr. Klemens Surmann
Foto(s): Dr. Klemens Surmann