Stadtsuperintendent Rolf Domning und Michael Birgden feierten die Osternacht in der Kölner Trinitatiskirche



Stadtsuperintendent Rolf Domning: „Trotzig in Richtung Morgen blicken“

Stadtsuperintendent Rolf Domning hat zusammen mit Prädikant Michael Birgden und vielen Besucherinnen und Besuchern in der Kölner Trinitatiskirche die Osternacht gefeiert. In seiner Osterpredigt machte er Mut, „trotzig in Richtung Morgen zu blicken“. Das Geschehen von Karfreitag und Ostern soll Mut machen. „Lassen Sie unsere Herzen brennen, für den Himmel auf Erden“, rief Domning die Zuhörerinnen und Zuhörer auf. Dieses „Brennen“ solle unter anderem „ohne Wenn und Aber für den Frieden“ da sein, sich um den Anderen kümmern und „feinfühlig für das Miteinander der Religionen, entschieden gegen Antisemitismus“ sein. Sehen und lesen Sie hier die Osterbotschaft 2019 von Stadtsuperintendent Rolf Domning:

Liebe Gemeinde, es ist dunkel. Absolute Stille. Nur an Schlaf ist nicht zu denken. Die traumatischen Ereignisse blitzen wieder und wieder auf. Die grölende Menschenmasse. Der Hass in ihren weit aufgerissenen Augen. Der Jubel und das Gejohle als das Todesurteil gesprochen wurde. „Du bist doch auch einer von denen?“ Die eigene Haut gerettet. „Hey, ich hab dich doch gesehen, als du mit diesem Jesus zusammen saßt.“ Panik. Angst. Untertauchen. „Du da, ich hab dich doch reden gehört wie diese Jesus Jünger.“ Verstecken. Den Freund verraten – bitter, wie angekündigt. Aber damit war doch nicht zu rechnen, dass sie ihn tatsächlich töten. Der entsetzliche Todeskampf. „Warum hast du mich verlassen?“ Jeder Gedanke an Zukunft: ausgelöscht.

Bei allem Grübeln. In aller Leere. Frauen machen sich auf zum Grab. Vielleicht halten sie die Schwere nicht aus? Vielleicht begegnen sie der Schwere mit Aktionismus? Vielleicht wollen sie ihre Träume einfach nicht begraben? Die Frauen machen sich auf den Weg. Mitten in der Nacht. Beschwert von den Ereignissen. Ausgestattet mit Ölen. Letzte Ehre für den Freund und Rabbi. Sie sind einfach losgegangen. Wie kommen wir überhaupt in das Grab? Wer rollt uns den Stein vom Eingang? Losgegangen in der Morgendämmerung.

Diffuses Licht. Der Horizont zeichnet sich langsam ab. Schemenhaft. Konturen werden langsam sichtbar. Auf dem Weg, ohne Plan. Mit einer vagen Idee, ihren Wegbegleiter, ihren Rabbi im Tod noch einmal zu berühren und nahe zu sein. Diffuse Gedanken. Noch einmal den sehen, der ihre Herzen geöffnet hatte: wenn er von Gott sprach, wenn er zur Umkehr mahnte, Kranke heilte. Wenn er mit Ihnen beim Essen saß und die Schrift auslegte. In seiner Nähe brannte ihr Herz, blühten sie auf. Wenn er mit ihnen redete, waren sie andere Menschen als vorher. Wenn er bei ihnen war, waren sie voller Zuversicht. Mit ihm waren sie gnädig mit sich selbst und mit den Menschen um sie herum. Mit dem Rabbi und den anderen Jüngerinnen und Jüngern brach eine neue, eine erfüllte Zeit an. „Unser Herz brannte, wenn wir mit ihm auf dem Weg waren. Er hat uns den Himmel geöffnet, den Blick geweitet und neue Perspektiven geschenkt.“

Wir befinden uns im Transitbereich. Tod und Leben stehen nebeneinander. Im Zwischendrin spüren wir die Schwere des Abschieds und der Angst – aber gleichzeitig bemerken wir, dass sich etwas in uns dagegen wehrt. Eine Stimme, die leise sagt: Das kann nicht alles sein! Du bist nicht allein auf dieser Welt, du bist ein Teil von alledem, du kannst etwas tun. Eine Trotzreaktion. Die Reaktionen auf den verheerenden Brand von Notre-Dame, ein europäisches Symbol, das Wahrzeichen von Paris ist eine beachtliche Trotzreaktion. Noch während die Kathedrale brannte sangen Menschen Choräle auf den Straßen – ahnend, dass die meisten Kunstobjekte nicht mehr gerettet werden können. 880 Millionen Euro an Spenden sind bisher für den Wiederaufbau zusammengekommen, nicht unrealistisch, dass der Aufbau binnen fünf Jahren bis zu den Olympischen Spielen möglich ist.

Der Anblick zerstörter Kunst mobilisiert manchmal mehr Kräfte und Gelder als menschliches Leid – zumal wenn eine solche Katastrophe auch politisch zum „nationalen Projekt“ instrumentalisiert wird. Für das im September komplett niedergebrannte Nationalmuseum von Rio de Janeiro sind bisher 225.000 € eingegangen. Die Dresdner Frauenkirche hätte mit dem Spendenaufkommen fünfmal wiederaufgebaut werden können. Die Bilder der lodernden Flammen, die Verlustangst, dass in heutigen Zeiten Geschichte und geistliches Erbe vernichtet werden können, schrecken auf. Menschen, die von sich sagen, dass sie nicht religiös sind, kommen die Tränen und sie fühlen sich bis ins Herz getroffen. Ist da auch mehr als die Angst um den Verlust kulturellen Erbes? Möge allen Beteiligten am Wiederaufbau in Paris, Hoffnung und Zuversicht zuteilwerden.

Wenn das, was wir lieben, fehlt, erscheint das, was wir haben oder in 5, 10, 20 Jahren erst wieder haben, in einem neuen Licht. Darin liegt immer auch eine Chance, dass neben Rekonstruktion und Wiederaufbau eines Bauwerks auch neue Wege beschritten werden. Letztlich stimmt es doch: Gott braucht keine Dome, wie es einst Peter Beier bei der Wiedereinweihung des Berliner Doms provokant formulierte. Wir müssen uns heute mehr denn je aufmachen, hinaus aus dem, was gestern war, auf die Straßen! Gotteshäuser entfalten erst dann ihre Kraft, wenn in ihnen Gottesdienste gefeiert werden, die Teil des gelebten Glaubens sind, wenn sie Menschen berühren und Impulse für den Alltag und für die Gesellschaft geben.

Wo immer wir dies tun, machen wir uns auf den Weg! Denken wir neu. Spinnen wir andere Ideen. Wenden wir das Blatt. Was hindert uns, es morgen anders zu machen? Gehen wir los! Zetteln wir etwas Neues an. Gehen wir los, das Licht der Sonne streift schon die Erde und die Dämmerung setzt ein.

Lassen Sie uns als Christinnen und Christen trotzig in Richtung Morgen blicken. Lassen Sie unsere Herzen brennen, für den Himmel auf Erden:

  • leidenschaftlich ohne Wenn und Aber für den Frieden, dem Wahnsinn von Rüstung und Krieg entgegentreten,
  • sorgsam für den Anderen, ideenreich, dass jeder und jede einen erfüllenden Gestaltungsraum für diese Gesellschaft finden kann,
  • genügsam und bescheiden in unserem Verbrauch, weil wir auch unseren Kindern und Enkeln den kommenden Generationen ein Leben auf diesem Planeten ermöglichen UND kämpferisch, der Vernichtung von Gottes Schöpfung entgegentreten, zu mitfühlenden Bewahrern und Hütern werden,
  • feinfühlig für das Miteinander der Religionen, entschieden gegen Antisemitismus,
  • revolutionär und still, dass wir uns mit dem Hier und Jetzt noch nicht zufriedengeben.

Es wird Zeit. Nicht erst morgen. Jetzt. Lassen Sie uns losgehen. Im Morgengrauen. Zuversichtlich und voller Mut. Martin Luther King, der dieses Jahr 90 Jahre alt geworden wäre, beschreibt es so: „Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt die große segnende Kraft Gottes gibt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“ Amen.

 

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Text: APK
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