„Das Netz trägt auch in schweren Zeiten“ – Digitale Seelsorge im 21. Jahrhundert
Die digitale Pfarrerin – Josephine Teske betreibt einen erfolgreichen Internetaccount

„Das Netz trägt auch in schweren Zeiten“ – Digitale Seelsorge im 21. Jahrhundert

Josephine Teske ist in der Szene bekannt. Sie betreibt den Instagram-Account @seligkeitsdinge und hat dort inzwischen fast 24.000 Abonnenten. Josephine ist evangelische Pfarrerin in der Kirchengemeinde Büdelsdorf im hohen Norden. Daher weiß Teske ganz genau: Eigentlich lebt Seelsorge vom persönlichen Gespräch und von der persönlichen Begegnung. Doch durch Corona wurde alles anders, das gewohnte Leben hat sich komplett verändert, das Miteinander findet, wenn überhaupt, nur online statt. Das bekommen viele Pfarrerinnen und Pfarrer auch gerade in der Seelsorge zu spüren, egal, ob auf der empfangenden oder gebenden Seite. Auf einer gemeinsamen Tagung von Melanchthon Akademie, des Dezernates Politik und Kommunikation der Ev. Kirche im Rheinland und der Evangelischen Akademie Rheinland gab es unter dem Titel „Das Netz trägt auch in schweren Zeiten“ einen online-Erfahrungsaustausch über die Seelsorge in der digitalen Welt. In Vorträgen, aber vor allem in verschiedenen Workshops kam es zu angeregten Diskussionen zwischen Menschen, die schon in diesen Medien aktiv sind sowie Anbietern entsprechender Plattformen.

@seligkeitsdinge – Seelsorge über Instagram

In ihrem Workshop berichtete Josephine Teske von ihren Erfahrungen in analoger und digitaler Seelsorge. Auf dem Papier ist sie zu 75 Prozent Pfarrerin und zu 25 Prozent Instagram-Seelsorgerin. „Das ist aber rein symbolisch, ich bin zu 100 Prozent in der Gemeinde und zu 100 Prozent im Netz“, berichtete sie aus ihrem Alltag, den sie zusätzlich noch mit zwei Kindern alleine meistern muss. Was unterscheidet Seelsorge im Netz von analoger Seelsorge in der Gemeinde? „Seit ich hier Pfarrerin bin, hatte ich vielleicht drei Anfragen zur Seelsorge in der Gemeinde, auf Instagram habe ich im Schnitt bis zu fünf Anfragen täglich. Je nach Thema geht das aber auch auf 100 und mehr hoch.“ Ihre Erfahrungen sind eindeutig: Im Netz wird man eher wahrgenommen, das Publikum ist deutlich jünger, die Hemmschwellen sind erheblich niedriger. Das wirkt sich sogar auf die Gottesdienste aus, auch hier werden die Besucher deutlich jünger, da viele Instagram-Nutzer aus ihrer Gegend in den Gottesdienst kommen.

Seelsorge im Netz – anonym und doch vertraut

„Die meisten Leute lerne ich nie persönlich kennen“, ist sich Josephine bewusst. Trotzdem entsteht eine große Nähe. Sie setzt Themen aus ihrem Leben, beschreibt ihre Gefühle und zeigt sich in Bildern – nicht hoch gestylt, sondern mit allen Macken und Schönheiten, die sie zu bieten hat. Viele seelsorgerische Anliegen werden unter den Followern diskutiert, oft greift Josephine nur moderierend ein. Für direkte Seelsorge hat sie sich auch in der digitalen Welt eine Struktur geschaffen. „Ich kann nicht Tag und Nacht verfügbar sein, das sprengt meine Grenzen.“ Eine praktische Erfahrung hat sie mit einer jungen Frau gemacht, die sie selbst Nachts mit ihren Suizidgedanken geweckt hat und das Gespräch gesucht hat. „Ich vereinbare jetzt Termine über maximal 90 Minuten per Telefon oder Video, nur dann kann ich professionell begleiten.“ Auch orientiert sie sich dabei an den Regeln zur Gesprächsführung aus der analogen Welt. Zur Struktur gehört auch, Nachrichten zu ignorieren oder gar nicht zu lesen. „Unter den Followern ist eine Gemeinde entstanden, die zwar anonym ist, wo aber sehr vertraut und offen geredet wird.“

Der Bedarf an digitaler Seelsorge sei enorm, gerade in Corona-Zeiten gebe es kaum eine andere Möglichkeit des Beistands. Was fehlt, sei die Anerkennung der Amtskirchen. So langsam sehe man dort die Notwendigkeit ein, doch Stellen würden dafür noch lange nicht geschaffen. „So nebenbei kann man das nicht leisten, das ist eine Vollzeitarbeit.“ Auch ihre eigene Gemeinde hat oft Probleme damit, dass Josephine zeitlich eng getaktet ist und die Seelsorge im Netz genauso ernst nimmt, wie die Seelsorge vor Ort. Abends zieht sie dann oft nur das eine Fazit: „Manchmal bin ich übervoll mit Kommunikation, dass ich zuhause nicht mehr reden kann.“

Einander im Blick behalten – Möglichkeiten von Videochat und Videotelefonie

Wie kann man ohne großen Aufwand sicherstellen, dass auch in Pandemiezeiten Beratung und Kontakte aufrechterhalten werden können? Heike Ickler, Diplom-Sozialberaterin an der Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien-, Ehe- und Lebensfragen im Kirchenkreis an der Agger, berichtete in einem anderen Workshop von ihren durchweg positiven Erfahrungen in der Videoberatung. „Dann kam Corona und wir waren mittendrin.“ Schnell war die Idee der Videoberatung geboren, es wurde ein Testzugang zum Beratungstool Elfi gebucht und schon konnte es losgehen. „Wir haben durchweg gute Erfahrungen gemacht. Durch das aktive Tun wurden wir immer sicherer, die ganze Sache fühlte sich sehr gut an.“ Problematisch ist die schlechte Internetanbindung auf dem Land, hier sucht man jetzt nach einem Tool, was mit einer schwächeren Verbindung auskommen kann. „Wir bieten die Möglichkeit des Telefons, wenn die Verbindung abbricht, um das Gespräch aufrechtzuerhalten.“ Allerdings sind Beratungen per Video die erste Wahl, „Gestik und Mimik sind beim Gespräch nicht zu ersetzen.“ Alles in allem zieht Heike Ickler ein durchweg positives Fazit in Sachen Videoberatung: „Konfliktberatung geht gut, man spart Anfahrtswege, man kann spontan bei akutem Bedarf reagieren.“

Unkompliziert und persönlich – der Videobesuch im Pflegeheim und Apps im Alltag

Besuchsverbot im Pflegeheim – wie kann man den Menschen trotz Isolation Kontakte ermöglichen? Jaye Pharrell stellte dazu die von ihrer geschaffene Plattform videobesuch.de vor. Einfach und unkompliziert, ohne großen Aufwand für die Pflegerinnen, können Angehörige Besuche per Videochat auf ein beliebiges Endgerät buchen und direkt reden. „So können wir Menschen verbinden, die vorher nur telefonieren konnten.“

Pastor Achim Blackstein, Beauftragter für digitale Seelsorge und Beratung am Zentrum für Seelsorge der Landeskirche Hannover, stellte in einem weiteren Workshop Apps vor, die er auf Alltagstauglichkeit in der Seelsorge getestet hat. „Apps können Sie für Ihre seelsorgerliche Arbeit nutzen, aber auch und erst recht für Ihre persönliche Selbstfürsorge.“ Die Apps und Tipps dazu findet man auf seiner Internetseite: www.achim-blackstein.de,

Alles in allem gingen die Teilnehmer mit einer geballten Ladung Informationen und praktischen Tipps aus dem virtuellen Zoom-Workshop wieder in ihr reales Zuhause. Alle waren sich einig, dass die Seelsorge im digitalen Umfeld angekommen ist und man darauf Antworten finden muss.

Text: Dr. Klemens Surmann
Foto(s): Dr. Klemens Surmann