„Eine sehr stille Nacht“ – Heiligabend 2020 in der Krankenhausseelsorge am EVK in Bergisch Gladbach
Pastor Dr. Rainer Fischer beim Erntedank-Gottesdienst im Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach

„Eine sehr stille Nacht“ – Heiligabend 2020 in der Krankenhausseelsorge am EVK in Bergisch Gladbach

Sonore Stimme, ruhiges Auftreten, warmer Blick und ab und zu ein verschmitztes Lachen: Pastor Dr. Rainer Fischer ist einer, dem Menschen leicht etwas anvertrauen. Und allein schon deswegen ist er genau da richtig, wo er seinen Arbeitsplatz hat – am Evangelischen Krankenhaus (EVK) in Bergisch Gladbach. Als Krankenhausseelsorger ist er dort für Freud und Leid Ansprechpartner auf allen Stationen für Patienten, Angehörige und Mitarbeiter, egal welcher Religion – oder auch keiner. Zuständig ist er auch für das zum EVK-Komplex gehörende Seniorenheim, die Psychiatrie und – ganz neu seit 2020 – für das stationäre Hospiz – auch in dieser Weihnachtszeit inmitten der Corona-Pandemie.

„Es war schon eine sehr stille Nacht“, fasst Pastor Dr. Rainer Fischer den Heiligabend 2020 zusammen. Lediglich im Seniorenhaus ‚An der Jüch‘ durfte er noch Auge in Auge mit den Bewohnern zusammen sein, allerdings gewissermaßen in Portionen: „Ich habe viermal hintereinander einen halbstündigen Gottesdienst gehalten.“ Dies war auf jeder Etage einen – stets mit FFP2-Maske. Die Lieder zum Thema Hoffnungsschimmer kamen aus dem Handy, verstärkt von einer Bluetooth-Box. Singen war verboten, nur Summen war erlaubt.

Viele Bewohner hätten sich fein gemacht und „eine große Dankbarkeit“ sei zu spüren gewesen, berichtet Dr. Fischer, der abends auch den traditionellen Heiligabend-Gottesdienst im EVK hielt. Dabei sah er dieses Mal jedoch statt in die Augen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer nur in eine Kameralinse. Die Worte und Gebete aus der EVK-Kapelle konnten nur virtuell über den Hauskanal verfolgt werden, live als Audio- oder TV-Übertragung. Die Situation sei schon etwas „absurd“ gewesen, kommentiert der Pastor im Nachhinein, der zudem ganz alleine zum eigenen Gitarrenspiel sang, da er auch den Organisten ersetzen musste.

Auch beim ersten Weihnachtsgottesdienst im vergangenen Jahr eröffneten stationären Hospiz „Die Brücke“ fehlte der unmittelbare Kontakt zu den Menschen. Das Mikrofon, an dem der Pastor nach einem Schnelltest sprach und zu seiner Gitarre sang, stand im gut durchlüfteten Flur. Die Türen zu den Zimmern standen offen. Diese Feier habe er jedoch als „sehr positiv“ empfunden, sagt Dr. Fischer, denn das gesamte Personal und auch die Angehörige in den Zimmern waren festlich gekleidet. „Das hat mich sehr gerührt.“

All die anderen sonst üblichen Gottesdienste zu Weihnachten im Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach, sei es in der Psychiatrie oder bei den Demenzpatienten im Haus Quirlsberg fielen für den EVK-Seelsorger aus Corona-Sicherheitsgründen vor Ort aus. „Doch ich habe einen Lese-Gottesdienst gemacht und geliefert“, erzählt Dr. Fischer weiter. Konkret bedeutete dies, dass er für die Menschen mit Demenz einen „Komplett-Gottesdienst in einfacher Sprache“ inklusive Lied-Audio-Dateien und Fürbitten entwarf, den ein Mitarbeiter des Sozialdienstes halten konnte. Der Psychiatrie-Abteilung lieferte er einzelne Gottesdienst-Elemente als Bausteine, die sich bei den Feiern auf den einzelnen Stationen von den Mitarbeitern frei kombinieren ließen. „Die Weihnachtsgeschichte ist auf jeden Fall immer mit dabei!“ Die wollten die Menschen hören.

Durch das Coronavirus in den vergangenen Monaten habe sich dieser Schwerpunkt seines Arbeitsalltags allerdings ein wenig verändert, erzählt der Seelsorger weiter: „Während der Pandemie war ich oft länger im Dienstzimmer beim Personal als am Bett beim Patienten.“ Den Mitarbeitern machten Überlastung sowie die Angst vor Ansteckung und Viren-Übertragung zu schaffen. Gedanken, die auch den Seelsorger bisweilen umtreiben. „Und was mich missmutig macht, sind die zurzeit eingeschränkten Möglichkeiten.“ Denn statt Abstand ist normalerweise Nähe angesagt. Menschen wünschen sich das Halten der Hand oder das Spenden des Abendmahls.

Zu schaffen macht Dr. Rainer Fischer bisweilen auch das krasse Umschalten von Freud auf Leid – oder umgekehrt. Eben noch ein lustiger Nachmittag mit Demenz-Patienten, dann ein Sterbegespräch. „Diese Fallhöhen auszugleichen“, sagt er, sei eine der Herausforderungen seiner Arbeit. Ein Beispiel aus seinen 16 Dienstjahren am EVK? Da braucht Dr. Rainer Fischer nicht lange nachzudenken, denn die Erinnerung an Weihnachten 2019 noch relativ frisch: „An Heiligabend – gerade hatten wir noch „O du Fröhliche“ gesungen – wurde ich fünf Minuten später auf die Intensivstation gerufen und musste einer Frau mit ihren beiden kleinen Töchtern sagen, dass der Ehemann und Vater mit Anfang 40, der beim Baumschmücken einen Herzinfarkt hatte, verstorben war.“

Wie lässt sich in solch einer Situation oder auch im Sterben selbst trösten? „Mir ist sehr wichtig, Seelsorge in Bildern zu betreiben“, sagt der EVK-Seelsorger. Das heißt? „Ich gucke, welche Bilder bietet mir jemand an.“ Entweder entwickelt er sie weiter oder er bietet andere Bilder als positive Gegenbilder, als Trost- und Hoffnungsbilder an. Ein Schlüssel sei oft die Frage: „Wo fühlen Sie sich geborgen und zu Hause?“ Eine Frage, die sich im Grunde jeder zwischendurch stellen sollte – gerade auch zu Beginn eines neuen Jahres.

Die Arbeitsstelle des Pastors hat zwei ungewöhnliche Facetten: Zum einen wird seine Stelle nicht von einer Kirchengemeinde unterhalten, sondern vom Krankenhaus selbst – unmittelbar an die Geschäftsleitung angebunden. Ungewöhnlich ist zudem, dass solch eine Vielzahl von Arbeitsbereichen in einer Seelsorge-Stelle vereint sind. Der Pastor hat sich daher vielfach weiterqualifiziert, unter anderem zum zertifizierten „Ethikberater im Gesundheitswesen“.

„Die Ethik hat am EVK einen hohen Stellenwert“, sagt Dr. Rainer Fischer. Bei Fallbesprechungen oder der Diskussion über Therapieabbrüche wird er von Ärzten hinzugezogen. „Als Seelsorger ist man meistens sozusagen geborenes Mitglied im Ethik-Komitee.“ Hinzu kommen natürlich noch Gottesdienste, Ausschüsse und Gremien. Kurz: Der Kalender des Geistlichen ist meist randvoll. „Aber das ist eigentlich nur das Gerüst für das, was dazwischenkommt“, gesteht er schmunzelnd. „Ich weiß eigentlich nie, wie der Tag verläuft, und es kommt immer anders als geplant.“

Dazu tragen zum einen die Tür-und-Angel-Gespräche mit Patienten und Mitarbeitern bei – wenn auch weniger zu Corona-Zeiten. Und dann gibt es noch die plötzlichen Sterbefälle und die akuten Notlagen, bei denen der Pastor zuhört, tröstet, berät, ermutigt, ein Gebet spricht oder einen Segen spendet. „Haben Sie mal kurz Zeit?“ ist die klassische Türöffner-Frage, an die sich oft ein mehrstündiges Gespräch anschließt, in dem es um persönliches Leid, Therapieabbruch oder Gott geht. Oder des Pastors Notfallhandy bimmelt, das Tag und Nacht – außer zu Gottesdienstzeiten – eingeschaltet und über die EVK-Telefonzentrale erreichbar ist. Für Dr. Rainer Fischer ist diese Zeit, in der er unmittelbar für die Patienten oder ihre Angehörigen – im Gottesdienst oder im Gespräch – da ist, die wertvollste Zeit. Denn seine einfache Maxime lautet: „Ich achte immer darauf, mehr am Bett zu sitzen als in Gremien.“

Das Fazit des Krankenhaus-Seelsorgers zu Weihnachten 2020 in Corona-Zeiten fällt nachdenklich aus: „Es war anders, sehr besinnlich. Aber mir fehlte der Kontakt zu den Menschen. Sonst schaue ich in die Gesichter der Menschen und weiß, ob wir am Ende tatsächlich „O du Fröhliche“ singen oder etwas anderes.“

Weitere Informationen: www.evk.de/spezielle-versorgung/seelsorge

Text: Ute Glaser
Foto(s): Ute Glaser