Experimentierfreude und Innovation in der rheinischen Kirche – Förderung für „Beymeister“ und die „EisHeiligen“
Pfarrer Sebastian Baer-Henney und Miriam Hoffmann sind beymeister

Experimentierfreude und Innovation in der rheinischen Kirche – Förderung für „Beymeister“ und die „EisHeiligen“

Die Evangelische Kirche im Rheinland hat zehn Initiativen als Erprobungsräume anerkannt, darunter sind zwei Projekte aus den Kirchenkreisen Köln-Nord und Köln-Rechtsrheinisch. In der ersten Bewerbungsphase des Projekts hatten sich 17 unterschiedliche Teams mit ihren Ideen um eine Förderung der Landeskirche beworben. Die Gründerinnen und Gründer werden für einen bestimmten Zeitraum finanziell, fachlich und beratend gefördert. Die rheinische Kirche möchte mithilfe von Erprobungsräumen für die Kirche der Zukunft lernen.

Erprobungsraum: Die Eisheiligen

Die EisHeiligen aus Ehrenfeld
Mit der Initiative die EisHeiligen hat sich in Köln-Ehrenfeld ein Urbanes Familienkloster gegründet, das miteinander und im Stadtteil verortet Kirche gestalten will – in der Kinder nicht nur geduldet sind, sondern prägen. Die Klostergemeinschaft ist erst vor einigen Wochen in das umgebaute Gemeindehaus eingezogen, das sonst von der Kirchengemeinde Ehrenfeld an einen Investor verpachtet worden wäre. Doch dann hat sie diese zunächst verrückte Idee des Vikars Stefan Dross, so sehr begeistert, dass sie ihre Pläne geändert und sich auf dieses Experiment nicht nur eingelassen, sondern es konkret unterstützt haben.

Diese Idee war nicht Stefans Idee, er war vielmehr derjenige, der die Prozesse zusammenbrachte: Diejenigen, die schon länger an der Vision eines Urbanen Familienklosters feilten und sich fragten, wie man einen geeigneten Ort finden könnte. Und die Kirchengemeinde, die sich fragte, was sie mit ihrer Raumressource machen soll. Man könnte es „kairos-Moment“ nennen – auf jeden Fall ist es besonders, wenn solche Ideen Raum in der Kirche finden und Menschen mit Wagemut. Nur knapp ein Jahr nach diesem „kairos-Moment“ leben nun insgesamt elf Personen im ehemaligen Gemeindehaus als Klostergemeinschaft zusammen.

Die beymeister aus Mülheim

Die vor fünf Jahren gegründete Initiative beymeister sucht nach ihrem festen Platz in der Kirche und versteht sich als Lernstätte für die Entwicklung von Spiritualität mit Menschen, die am Rande von Kirche stehen. Das Projekt Erprobungsräume fördert nicht nur Gründungsprozesse, sondern Initiativen bei ihrem nächsten Innovationsschritt. Wir beymeister gestalten Kirche mit Menschen, die am Rande der Kirche stehen, sagen sie über sich selbst. Alles, was wir tun, ist Kirche. Und wird auch so wahrgenommen. Ziel ist es, für die Zielgruppe die Relevanz des Evangeliums in ihrem Leben begreif- und erlebbar zu machen, Zugänge zu eröffnen, wo diese durch Milieugrenzen bisher versperrt waren, und Freiräume dafür zu geben, die eigene Spiritualität in den Kontext des Evangeliums zu setzen. Das gilt nicht nur für die Gemeinschaft der beymeister, sondern auch für unsere Wirkungsweise im gesamten Viertel. Die Spiritualität ist dabei aus der Gruppe erwachsen, so dass die Veranstaltungen keinen künstlich oktroyierten Charakter haben, sondern organisch aus dem Miteinander heraus bestimmt werden. Wir können so völlig neue und traditionelle Formen miteinander entwickeln und erproben. Es entstehen Liturgien, Mediationen und neue Anforderungen an „sowas wie Gottesdienst“.

Weitere Erprobungsräume

Die weiteren Erprobungsräume sind die Initiative „die dorf.kirche düsseldorf“, eine sozialraumorientierte Gemeindegründung in Düsseldorf-Benrath, Die Kirchengemeinde Solingen-Widdert bei der Erprobung einer ehrenamtlich verantworteten Ortsgemeinde mit geringer pastoraler Versorgung, die Weiterentwicklung der ehrenamtlich verantworteten Initiative freiraum+ als Familiengemeinde innerhalb der Kirchengemeinde Solingen-Rupelrath, die Weiterentwicklung und gesamtkirchliche Verortung der Initiative Ökumenische Segensfeiern an der Lebenswende Geburt, ein Kooperationsprojekt von evangelischem Kirchenkreis Essen und katholischem Bistum Essen, die Erprobung von Formaten der Kinderpartizipation in der Kindergemeinde kidscom in Cochem, die Gründung einer internationalen Gemeinde im Kirchenkreis an Nahe und Glan, die Erprobung der virtuellen Gemeinde Lorenz*Space an der Schnittstelle zur Kirchengemeinde Schafbrücke bei Saarbrücken und die Erprobung des Kirchenkreises Niederberg als gemeinwesenorientierte Kirche in der Region.

Neue Ideen verändern die Kirche
Präses Manfred Rekowski zeigte sich beeindruckt von den geförderten Erprobungsräumen, die von internationalen, über gemeinwesenorientierte bis zu virtuellen Gemeinden reichen. „Diese Vielfalt und Experimentierfreude in unserer Kirche zeigen, dass wir eine veränderungsbereite Kirche sind. Ich wünsche den von der Evangelischen Kirche im Rheinland unterstützten Initiativen, dass sie unsere Kirche verändern, Prozesse anstoßen, in denen Bewährtes um Neues ergänzt wird. Eine veränderungsbereite Kirche muss dabei konstruktiv mit Bedenken umgehen. Aber sie muss vor allem Ideen eine Chance geben. Unser Ziel ist es, auf neuen Wegen Menschen zu erreichen, die sich in unseren Angeboten bisher nicht beheimatet fühlen“, sagt der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Wie geht es weiter?
Während sich die ersten zehn Erprobungsräume nun auf den Weg machen, dürfen sich andere von deren Experimentierfreude inspirieren lassen. Am Reformationstag, 31. Oktober 2020, beginnt die zweite Bewerbungsphase. Für alle, die Experimente wagen und Ideen entwickeln, wie neben dem Vertrauten noch Ungewohntes erprobt werden kann, steht Projektleiterin Rebecca John Klug begleitend und vernetzend zur Verfügung. Zudem hat die rheinische Kirche eine Kooperation mit der CVJM-Hochschule in Kassel aufgenommen und ein Stipendium für fünf Plätze in der Pionierweiterbildung aufgelegt. Über 18 Monate werden Pionierpersönlichkeiten begleitet und befähigt, Kirche und Mission in der Gesellschaft neu zu denken und missionale, innovative Formen des Kircheseins zu entwickeln sowie Transformationsprozesse zu gestalten. Die Erprobungsräume laden zum Experimentieren ein: Wie kann Kirche neu Gestalt gewinnen? Die Evangelische Kirche im Rheinland macht Platz für neue Ideen und fördert im Sinne der mixed economy ergänzende Formen kirchlichen Lebens, die zusätzlich zur traditionellen Wohnortgemeinde entstehen, um Menschen unterschiedlicher Kontexte und Milieus Zugänge zu einem alltagsrelevanten christlichen Glauben zu eröffnen. Die Landessynode hat dazu 2019 ein umfassendes Förderprogramm für zehn Jahre aufgelegt.