„Brot und Buch” – Buchvorstellungen zum Semesterbeginn der Melanchthon-Akademie
Studienleiter Daniela Krause-Wack und Joachim Ziefle

„Brot und Buch” – Buchvorstellungen zum Semesterbeginn der Melanchthon-Akademie

„Es ist kein schönes Thema, aber ein wichtiges“, sagte Dr. Martin Bock, als er am Dienstag in der von ihm geleiteten Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region das Buch „Die Angstprediger“ von Liane Bednarz vorstellte, das dem Zusatztitel zufolge aufzeigt, „wie rechte Christen Gesellschaft und Kirche unterwandern“.

„Die Angstprediger”

Bocks Präsentation bildete den Auftakt des gut besuchten literarischen Abends unter dem Motto „Brot und Buch“, bei dem Studienleiterinnen und Studienleiter der Akademie zu Semesterbeginn des ersten Halbjahres 2020 ausgewählte Bücher in Form von Zwiegesprächen vorstellten, Bücher, von denen manche als Anregung für Seminare, Vorträge und Workshops gedient haben.

Zur Semestereröffnung begrüßt wurde die neue Studienleiterin Daniela Krause-Wack, die seit dem 1. Oktober 2019 in der Einrichtung am Kartäuserwall die Bereiche Persönlichkeitsentwicklung, Gesundheit, Bildungsurlaube und Sprache betreut. Zuvor war die Sozialpädagogin und Diakonin in Potsdam in der diakonischen Bildungsarbeit sowie in der Kinder- und Jugendarbeit in Kirche und Diakonie tätig.

In ihrer Analyse sei Liane Bednarz „erbarmungslos“, sagt Bock und zitierte in seiner Besprechung Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, der auf der jüngsten Landessynode gesagt habe, die Christen müssten dem „Missbrauch der eigenen Tradition“ mit Bibelfestigkeit entgegentreten. Die Autorin weise nach, dass Teile der evangelischen, evangelikalen und katholischen Christen sich seit Jahren fundamentalistisches, rechtes Gedankengut aneigneten und im öffentlichen Diskurs „Begriffe, die uns lieb und teuer sind, mit neuen Inhalten versehen“, dies stets „im Lichte der Angst“.

So werde zum Beispiel ein Begriff wie Pluralismus mit negativer Bedeutung aufgeladen und stehe dann nicht mehr für Vielfalt und Toleranz, sondern bezeichne eine „Gefahr für den Zusammenhalt“; es füge sich ein in die stereotype Rede vom „Verfall unserer Kultur“.

Für Bock ist das Buch eine Mahnung, auch in den eigenen Reihen „viel genauer hinzugucken“. Daneben stellte er das biografische Porträt „Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit“ des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber vor. Das Buch mache unter anderem deutlich, dass der 1945 von den Nazis hingerichtete Vertreter der Bekennenden Kirche in seiner Einsamkeit und mit seinem konsequenten Glauben „Worte und Themen gefunden“ habe, die nach wie vor bei der Orientierung helfen könnten.

„Seid doch laut! Die Frauen für den Frieden in Ost-Berlin” und „Unbedingt Blau”

Zwei Bücher stellte auch Dorothee Schaper vor: Den von Almut Ilsen und Ruth Leiserowitz herausgegebenen Band „Seid doch laut! Die Frauen für den Frieden in Ost-Berlin“, in dem 18 Frauen, die einer der am längsten existierenden Oppositionsgruppen in der DDR angehörten, Rückschau halten, und „Unbedingt Blau“ von Adnan Keskin. Zu beiden Werken hat Schaper einen persönlichen Bezug.

1986/87 besuchte sie als Studentin regelmäßig das Sprachenkonvikt in Ost-Berlin und kam in Kontakt zu „Frauen für den Frieden“. Und Keskin, den ein „riesiges Herz“ und „stoische Sturheit“ ausgezeichnet habe, lernte sie in Köln kennen, wo er bis zu seinem Tod 2017 im Exil lebte. In seinem autobiografischen Roman schildert er den Aufbruch der revolutionären Bewegung in den 70er und 80er Jahren in der Türkei und den kollektiven Widerstand gegen das Gefängnissystem. Sieben Jahre, nachdem er 1980 erneut inhaftiert worden war, gelang ihm die Flucht durch einen unterirdischen Tunnel.

„Herkunft”

Um den Verlust der Heimat und die Folgen geht es ebenfalls in „Herkunft“ von Saša Stanišić, der 1978 in Višegrad, einer Kleinstadt in Bosnien, geboren wurde und 1992 mit seinen Eltern zu einem Onkel nach Heidelberg flüchtete. Das Buch, für das Stanišić 2019 den Deutschen Buchpreis erhalten hat, nannte Studienleiterin Leonore Kampe „ein bisschen sperrig“ in seiner Mischung aus „Roman, Autobiografie und Essay“, doch sie war voll des Lobes; dem Autor gelinge es, über sich zu schreiben, ohne um seine „Ich-Befindlichkeit“ zu kreisen. Unter anderem zitierte sie diese Stelle: „Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Višegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss.“

„Die kompakte Stadt der Zukunft. Auf dem Weg zu einer inklusiven und nachhaltigen Stadtgesellschaft”

Ein Sachbuch hatte Joachim Ziefle mitgebracht: „Die kompakte Stadt der Zukunft. Auf dem Weg zu einer inklusiven und nachhaltigen Stadtgesellschaft“, herausgegeben von Nina Berding, Wolf-Dietrich Bukow und Karin Cudak. Stadtgesellschaften spiegelten exemplarisch, wie sich das Zusammenleben in einer globalisierten Welt gestalte, sagte Ziefle. Die Autoren und Autorinnen des Bands setzen sich theoretisch und empirisch damit auseinander, was bei der Stadtplanung und Quartiersentwicklung etwa mit Blick auf zunehmende Mobilität und Diversität zu beachten ist.

„Digital Mensch bleiben”

Die Frage, wie in Zukunft das Zusammenleben gelingen kann, stellt auch Volker Jung in seinem Buch „Digital Mensch bleiben“, das Daniela Krause-Wack präsentierte. Die Abfassung des EKD-Medienbischofs ist eine Art Replik auf den Bestseller „Homo Deus“, in dem Yuval Noah Harari behauptet, die Digitalisierung werde auf lange Sicht den Tod besiegen und die Menschen götterähnlich machen.

Jung hält dagegen, in Zeiten rasanter naturwissenschaftlicher und technischer Entwicklung gelte es, die Endlichkeit des Menschen neu zu erkennen und zu verstehen, was ihn von Maschinen und künstlichem Leben unterscheidet. Es gehe nicht darum, die „positiven Aspekte des digitalen Wandels“ auszublenden, sagte Daniela Krause-Wack, sondern darum, nicht aus dem Blick zu verlieren, dass das, „was uns Mensch bleiben lässt“, von der Entwicklung der Persönlichkeit abhänge und diese wiederum davon, welche Werte und Fähigkeiten der nachfolgenden Generation vermittelt würden.

„Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich”

Passend dazu sprach Dr. Martin Horstmann im Anschluss daran über „Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich“ von Charles Eisenstein. Der US-Autor mache als Grundübel das gängige Weltbild der „Separation“ aus, etwa die Trennung von Mensch und Natur sowie von Vernunft und Gefühl, und stelle als Alternative das von ihm so genannte Interbeing (Zwischen-Sein) dagegen, die wechselseitige Abhängigkeit, die Verbundenheit allen Seins.

Dieses Konzept sei nicht „esoterisch“ aufzufassen, sagte Horstmann; was man Eisenstein allerdings zuschreiben könne, sei eine „säkulare Spiritualität“, frei von religiösen Traditionen. Die Vision einer „schöneren Welt“, das Ideal eines Zustands der Versöhnung, wecke freilich Assoziationen an das Wort von der „Nähe des Reiches Gottes“. Das Buch sei denen zu empfehlen, „die sich engagieren und die Welt verändern wollen“.

Zum Schluss kam Fotografin Nicole Compère zu Wort, denn zurzeit ist in der Akademie die Ausstellung „Kölner Läden – gestern und heute“ zu sehen: Schwarz-Weiß-Fotografien, die Compère von inhabergeführten Geschäften in der Stadt gemacht hat.

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