Den Mund aufmachen, so wie es Jesus getan hat – Harald Knorn in Bensberg ordiniert
Harald Knorn vor dem Altar der Evangelischen Kirche Bensberg.

Den Mund aufmachen, so wie es Jesus getan hat – Harald Knorn in Bensberg ordiniert

Das Verhältnis der Kirche zur weltlichen Macht war ein zentrales Thema des Gottesdiensts in der Evangelischen Kirche Bensberg, in dem Harald Knorn zum Prädikanten ordiniert wurde. Ein Zufall war das nicht in diesen aufgewühlten Zeiten, denn der 60-Jährige ist Journalist von Beruf. „Das ist ein ganz wichtiger Aspekt dieses Ehrenamtes: Der Prädikant übernimmt Aufgaben eines Pfarrers, bringt aber aufgrund seines ganz anderen Werdegangs andere Erfahrungen in diese Arbeit ein“, betonte Andrea Vogel, Superintendentin des Kirchenkreises Köln-Rechtsrheinisch, die Knorn in sein Amt einführte.

Den Grundton hatte Pfarrer Wolfgang Graf bereits zu Beginn gesetzt, als er die Gemeinde in der voll besetzten Kirche zu diesem besonderen Gottesdienst begrüßte. Der Chor, unter Leitung von Jörg Golletz, das Gesangsduo Rainer Beerhenke und Björn Hackländer sowie Johannes Lange an der Orgel begleiteten mit feierlicher und aufrüttelnder Musik.

Ein Christ müsse sein „Gewissen schärfen“ und „den Mund aufmachen, so wie du, Gott, es durch Jesus getan hast“, sagte der Wolfgang Graf. Man dürfe nicht ständig andern die Schuld geben und nach Sündenböcken für Missstände suchen, sondern müsse sich selbst engagieren, wo es möglich und nötig ist. „Die Pflichten des Staatsbürgers enden nicht in der Wahlkabine“, so Graf weiter.

Unter Bezugnahme auf einen Teil der Tageslosung, der aus dem Epheser-Brief von Paulus, Kapitel 3,Vers 17 stammte, zitierte Superintendentin Andrea Vogel: „Ich bitte den Vater, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung nimmt und ihr in der Liebe tief verwurzelt und fest gegründet seid.“ Weiter betonte sie, dass Engagement – in Form eines Ehrenamtes etwa – nur gelingen könne, wenn man feste, tragfähige Wurzeln habe. Und die biete der christliche Glaube. „Nur wer fest verankert ist, kann Herausforderungen angehen, Probleme meistern, neue Perspektiven und Fantasie entwickeln.“

Nach der feierlichen Ordination ging Prädikant Harald Knorn ausführlich auf Kapitel 13 des Römerbriefs von Paulus ein. Dort heißt es: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“ Denn die Obrigkeit sei von Gott „verordnet“, und wer sich ihr widersetze, der widerstrebe damit Gottes Ordnung. Diese Forderung sei für Bürger eines demokratischen Staatswesens schwer zu akzeptieren, ja eine Zumutung, zumal nach den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts. Müssen Christen also Duckmäuser sein und sogar Diktatoren, letztlich auch einem Hitler, untertan sein?“, fragte der Prädikant. Und er riet, genauer in der Bibel nachzulesen.

Gewiss, auch in Kapitel 22 des Matthäus-Evangeliums, das Gegenstand der Lesung an diesem Sonntag war, hatte Jesus auf die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Steuern mit dem heute berühmten Satz geantwortet: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Aber die Frage wurde von heuchlerischen Pharisäern gestellt, deren „Bosheit“ Jesus bemerkt hatte, die Antwort war aus der Situation zu verstehen. Vor allem aber belegten andere Bibelstellen zur Genüge, dass Jesus sich grundsätzlich gegen die Mächtigen und auf die Seite der Armen und Machtlosen stellte. Doch auch der Römerbrief selbst sei inhaltlich komplex. „Denn dass eine Obrigkeit ‚verordnet‘ ist, heißt ja auch, dass sie vor einem noch Mächtigeren Rechenschaft ablegen muss“, so Harald Knorn. „Sie ist Gottes Diener.“ Auch sie habe sich in ihrem Handeln an Gottes Regeln auszurichten, nur dann könne sie den Respekt der Bürger einfordern. Deshalb schloss er dieses Kapitel des Römerbriefs auch mit den Worten „Ehre, dem Ehre gebührt.“ Und Ehre gebühre nur dem, der die Gebote der Mitmenschlichkeit einhält. „Schreihälse und Hetzer haben keine Ehre verdient“, sagte Knorn in aller Deutlichkeit.

Der aus dem ostfriesischen Leer stammende frischgebackene Prädikant war bereits im Jahre 2013 von seiner Gemeinde für dieses Ehrenamt vorgeschlagen worden. „Das ist natürlich eine lange Wartezeit“, gab Superintendentin Vogel zu bedenken. „Aber derzeit gibt es in der Landeskirche eben insgesamt eine sehr hohe Zahl von Bewerbungen für das Amt des Prädikanten.“ Dies habe immerhin den Vorteil, dass die Bewerber zusätzliche Zeit erhalten, über ihre Eignung für dieses Amt nachzudenken. Denn zu ihren Aufgaben gehöre es auch, Amtshandlungen wie Taufen, Trauungen und Beisetzungen zu übernehmen.

Der vierfache Familienvater Harald Knorn, der seit 1997 in Bensberg lebt und über die Vorbereitung der Open-Air-Gottesdienste an Heiligabend zur intensiveren Mitarbeit in der Gemeinde gefunden hatte, gibt zu, dass er zu Anfang der Ausbildung seine Zweifel hatte, ob er dem Amt gewachsen ist. „Aber diese zweijährige Zurüstung durch die Landeskirche ist hervorragend, man probiert es aus und man merkt: Es geht.“ Sehr viel habe er seinem Mentor, Pfarrer Wolfgang Graf, zu verdanken, dessen genaue Kenntnis der Heiligen Schrift ihn immer wieder verblüfft habe.

Harald Knorn gestand aber auch, dass er immer noch nicht wisse, was einen „interessanten“ Gottesdienst ausmacht. Es hänge häufig vom Einzelnen ab, der von einem Lied berührt wird oder von Gedanken, die eine Bibelstelle oder eine Predigt weckt. Oder von Gesprächen mit andern Gottesdienstbesuchern. „Manchmal denke ich, dass einfach die Verlässlichkeit wichtig ist, der ‚normale‘ Sonntag, an dem man gemeinsam betet, singt und innehält.“ Vor allem müssten die Gemeindeglieder spüren, dass da jemand ist, von dem sie Respekt und Zuwendung erfahren, gerade bei schwierigen Amtshandlungen wie Trauerfeiern. „Wir sind ja Vertreter der Kirche. Was wir tun, tun wir zur Ehre Gottes.“

Text: Hans-Willi Hermans
Foto(s): Hans-Willi Hermans