Ohne großen Radius, weich und geschmeidig beendete Tuong Phuong mit seiner Performance den letzten „Leise!“-Zyklus vor einem Neustart im Frühjahr 2020. Seine Bewegungen spiegeln wieder, worum es im Rahmen des Kontemplations-Gottesdienstes geht: ganz reduziert und konzentriert bei sich zu sein. Phuong stammt aus Vietnam und unterrichtet u. a. an der Kölner Tanzstation und der Rheinischen Musikschule.



Ich werde sein – Leise!

Stille ist das, was man hört, wenn niemand mehr etwas sagen muss. In der Gottesdienstreihe „Leise!“ der Christuskirche am Stadtgarten ist es genau das: so leise, dass die Stille verbindet – alle miteinander und jeden mit sich. Als besondere Form der christlichen Kontemplation bietet „Leise!“ einen spirituellen Weg durch das Jahr an. Einzige Anforderung an die Teilnehmenden ist, sich darauf einzulassen.

Gemeinsam zu sich selbst finden

Kontemplation „macht“ man nicht. Ist eine Ruhe eingekehrt, die nicht künstlich gefüllt werden muss, verschwindet das Außen, und der Blick kann sich nach innen richten. Nichts denken, nichts wollen, nichts tun heißt: zu sich selbst kommen und genau da erstmal nur „sein“. Dafür braucht es wenig Anleitung oder Vorgaben. „Die Innenschau bekommt zwar Anreize von außen“, erklärt Pfarrer Christoph Rollbühler, „aber Kontemplation hat etwas mit Reduktion zu tun. Wir reduzieren und wir reduzieren immer weiter.“ Rollbühler gibt einige wenige Erklärungen zum Ablauf und drosselt die „Leise!“-Gestaltung ansonsten auf ausgewählte Etappenhilfen auf dem Weg zum sich Versenken. „An den typischen Gottesdienstbesucher richtet sich die Reihe nicht“, sagt er.

Zusammen mit der japanischen Komponistin Shoko Shida am Klavier und der ausdrucksstarken tänzerischen Performance von Tuong Phuong nimmt Pfarrer Rollbühler seine Besucherinnen und Besucher kurz vor Ende des Tages aus ihrer Routine. Er streicht daraus den Lärm und das „Muss“ und hilft, Gedankenchaos zu beruhigen.

Kontemplation: Reduktion & Präzision

Für einen Platz mitten im Großgewusel ist es gleich nach dem letzten Schlag der Kirchturmglocken schon erstaunlich still in der Kirche am Stadtgarten. Schweigen, atmen, hören, beobachten und beten wechseln sich ab, jeder kann mitsingen wie er möchte und wie es gut für ihn ist. Das für diesen Anlass verfasste und von Shoko Shida vertonte Gebet bildet gemeinsam mit dem mehrfach angestimmten Gemeindegesang des „Ich werde sein“ aus dem Buch Mose eindringliche, ritualisierte Abfolgen. „Ich will Intensität“, sagt Christoph Rollbühler. 2017 entstand die erste der Zyklusreihen von jeweils einem Jahr. Die Reihe zu Moses am brennenden Dornenbusch schloss mit Ex. 3,14 ab.

Schweigen herrscht – Stille dient*

„Leise!“ sagt man, wenn man ungestört sein will, und tatsächlich wird es ruhig, wenn Ablenkungen und verquirlte Gedanken verblassen. „Leise!“ ist emotional und ermöglicht Bewusstheit und Echtheit – das dient der Sinnfindung und als christliche Kontemplation der Annäherung an Gott. „Miteinander schweigen muss man aushalten können“, schildert Pfarrer Rollbühler seine Erfahrungen mit der spirituellen Gottesdienstreihe. „Auch wenn man sich gegenseitig gar nicht kennt. Aber ab einem gewissen Punkt passiert etwas Unerwartetes: Das gemeinsame zu sich selbst Finden wird möglich!“

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Die Reihe „Leise! – der kontemplative Gottesdienst“ startet Anfang 2020 neu, nicht nur in der Christuskirche. Die in Köln lebende Professorin für Neue Musik Shoko Shida und Pfarrer Christoph Rollbühler sind mit ihrer wohltuenden Mischung aus Kirche und Kulturveranstaltung eingeladen, an einigen Orten in Japan zu touren. In Köln ist u. a. für die Osternacht ein Gottesdienst geplant.

Text: Claudia Keller
Foto(s): Claudia Keller