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Aktualisierte Fassung: Ausstellung erinnert an Unfall auf der A57

Die deutschen Botschaften von Talinn, Kairo, San Salvador, Hanoi und dem jemenitischen Sanaa besitzen Kunstwerke von ihm. Er hat über 40 Jugend-Kunstprojekte gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen oder Konfirmanden realisiert, das Bühnenbild zu einem Programm von Hanns Dieter Hüsch im Kölner Theater Senftöpfchen gemalt, in New York, Hanoi, Paris und verschiedenen niederländischen Museen ausgestellt, in Krankenhäusern, Kirchen und Schulen – und immer wieder im Rhein-Erft-Kreis. Denn Holger Hagedorn ist in Pulheim-Sinnersdorf zu Hause. Die evangelische Friedenskirche in der Horionstraße kennt ihn und seine Arbeiten schon lange. Doch selten war die Kooperation zwischen Hagedorn und der evangelischen Kirche thematisch so naheliegend, inhaltlich so zwingend, in ihrer Wahrnehmungs- und Assoziationsfülle so dicht wie jetzt: Noch bis zum 7. Juli sind in und vor der evangelischen Friedenskirche Sinnersdorf, Horionstraße 12, Arbeiten mit dem Titel „Korpus Delikti A57“ zu sehen.

Die Ausgangssituation: gewaltsam gestörtes Gleichgewicht
Steht ein Betrachter vor den Skulpturen im Garten hinter der Kirche – und weiß, was er da vor sich hat, kann ihm leicht ein kalter Schauer über den Rücken laufen. Denn was er sieht, sind im wahrsten Sinn des Wortes steingewordene Mahnungen: verklumpte, verschmolzene Materie, die allein aufgrund ihrer nicht homogenen Zusammensetzung ahnen lässt, welche Kräfte da aufeinandergeprallt sind: Feuer und Stein, Metall und Kunststoff, von Menschen hinterlassene Substanzen, wie es sie in jeder Zivilisation gibt – ein empfindliches Gemisch, das durch einen Gewaltakt jederzeit aus seinem scheinbaren Gleichgewicht gebracht werden kann: In der Nacht vom 14. Februar 2012 wurden durch Unbekannte unterhalb der Autobahnbrücke über die A57 bei Dormagen darunter gelagerte Kunststoffrohre entzündet. Der Qualm führte auf der Autobahn zu Sichtbehinderungen und einer Massenkarambolage mit einem Todesopfer und mindestens 13 Schwerverletzten. Im Kirchraum sind Fotos jener Fundstrücke zu sehen, die für den Transport zu groß und zu schwer waren.

Eine „soziale Plastik“
Nach dem schweren Unfall blieben diese verkohlten Stücke Materie übrig, Mahnungen gegen den blinden Fortschrittsglauben, gegen unseren Mobilitätswahn, Mahnungen, die Vergänglichkeit allen Lebens, die Möglichkeiten von Zerstörung und Vandalismus nicht zu ignorieren. Spricht er über diese Fundstücke, die Hagedorn mit Freunden eigenhändig aus dem Schlamm unter der Brücke geborgen hat, möchte er am liebsten seine künstlerische Rolle bei diesem großen Projekt kleinreden: Er habe den vorgefundenen Skulpturen nur den Rahmen gegeben, sie gewissermaßen inszeniert, an anderer Stelle schreibt er von „poetischer Transformation“. Der Plan dahinter ist weit größer, nicht umsonst spricht Hagedorn in Bezug auf diese Installationen von einer „sozialen Plastik“. Grundlage und sozusagen „ausführendes Organ“ der Idee einer sozialen Plastik – einem der zentralen Gedanken im Werk von Joseph Beuys – ist der Mensch, der durch (künstlerisches) Handeln, Denken und Darüber- oder Miteinander-Sprechen soziale Strukturen entwickeln kann. Genau darum geht es auch Hagedorn: „Es geht viel weniger um meine Arbeit als um alle Gespräche, die wir im Zusammenhang mit dieser Installation führen.“ Und darum ist die evangelische Kirche auch ein so guter Partner für seine Aktion. Die soziale Plastik ist lange nach dem Tod von Beuys noch immer in manchem Engagement heute sehr lebendig, und so ist es naheliegend, dass die Friedenskirche Sinnersdorf die Ausstellung in ihre schon seit vielen Jahren bestehende Veranstaltungsreihe „Samowar“ eingebettet hat – ein Debattierangebot, das sich thematisch weit fächert. In diesem Rahmen diskutierten unter der professionellen Moderation von Anglika Knapic, Amt für Presse und Kommunikation des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region, der Leiter der Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region, Dr. Martin Bock, die erfahrene Trauerbegleiterin und Pfarrerin Kristiane Voll, der Leiter des Kulturbüros Rhein-Erft-Kreis, Engelbert Schmitz, sowie natürlich Holger Hagedorn.

Versöhnung zwischen Tätern und Opfern durch Kunst
Das Fazit des Diskussions-Abends kam aus den Reihen der Zuschauer: Ein Teilnehmer betonte, wie sehr es ihn beeindruckt habe, dass es Hagedorn durch die „Transformation“ eines Akts der Zerstörung in einen fruchtbaren Dialog mit und über Kunst, sozusagen durch die Vermittlung der Kunst gelungen sei, Täter und Opfer miteinander kommunizieren zu lassen. Denn über das relativ große Medienecho auf die Ausstellung hatten sich bereits Angehörige des Unfallopfers bei Hagedorn gemeldet, die seine Installation als Würdigung ihrer Trauer verstanden haben. Und – so die Vermutung – auch die Täter dürften Hagedorns Aktion mittlerweile wahrgenommen haben. So also finde eine indirekte Kommunikation zwischen Tätern und Opfern statt, ein Akt der „Versöhnung“, und zwar wirklich im biblischen Sinn, wie Pfarrer Martin Bock betonte. Ansonsten fiel bei der gut besuchten Diskussion auf, wie bereitwillig sich die Teilnehmenden auf die vielschichtigen und doch an allen Stellen miteinander verwobenen Botschaften und die der Kunst innewohnenden Symbolik von Hagedorns Installation einlassen konnten – das ging von allgemeinen Betrachtungen zu so konkreten Vorschlägen wie der Bildung von Fahrgemeinschaften zur Reduzierung des Verkehrsaufkommens, von Fragen nach Trauer und den Bezug zwischen Religion und Kunst bis zu Überlegungen zur Entschleunigung.

Drei Teile sind, an schwarze Schwingen erinnernd, in einem 3,60 Meter hohen Dreibeinrahmen beweglich aufgehängt.

Der Rhein-Erft-Kreis und die Folgen der Mobilität
Bei der Pressekonferenz war auch Landrat Werner Stump anwesend, unter dessen Schirmherrschaft die Ausstellung steht. Er hat mit seiner nachdenklichen Silversteransprache bereits Impulse geliefert, die Hagedorn aufgriff – etwa dessen Gedanken über die Beschleunigung in allen Berufs- und Lebenssparten: „Mobilität gibt zwar Freiheit, es muss aber auch gelernt werden, sie nicht nur als Getriebenheit wahrzunehmen, sondern nachdenklich zu bleiben, zu reflektieren“, sagte Stump. Und genau das will Hagedorn mit seinen Arbeiten erreichen. Was dem Landrat völlig klar war, wie er betonte: Genau in der Entdeckung der eigenen Nachdenklichkeit liegt die Chance dieser Ausstellung.“ Mit „Nachdenklichkeit“ meinte Stump nicht nur, seine eigene „Philosophie“ zu finden, sondern vor allem auch, die Fragen nach Sicherheit jetzt und für die Zukunft verantwortungsvoll zu stellen und zu beantworten – etwa im Hinblick auf die Prognose, dass sich der Schwerlastverkehr auf unseren Straßen bis zum Jahr 2035 verdoppelt haben wird. „Da geht es um Fragen nach Sicherheit, nach Unversehrtheit. Und nach Verantwortung“, sagte Stump. „Auf diese Fragen müssen wir kluge Antworten finden – und bereit sein, neue Wege zu gehen, Anstöße aufzunehmen“, brachte Martin Bock dieses Thema auf den Punkt, darin völlig einig mit Hagedorn und Stump. Alle drei sahen auch gerade den Rhein-Erft-Kreis als von dieser Entwicklung besonders betroffene Region, führen doch die Autobahnen zu und von den größten Hafenstädten Europas Zeebrugge, Rotterdam, Amsterdam und Antwerpen, durch den Kreis.

Kunst als Zuspruch für Opfer und Angehörige
Pfarrerin Kristiane Voll verwies auf die Vergesslichkeit, der sich Trauernde, Angehörige von Straßenverkehrstoten und Menschen, die schwere Unfälle erlitten und überlebt haben, immer wieder ausgesetzt sehen. „Das ist einige Tage öffentlich und gerät dann meist schnell wieder in Vergessenheit.“ Unter diesem Aspekt sieht sie in Hagedorns Arbeit einen wichtigen Zuspruch für alle Betroffenen – wider das Vergessen. Und nur die Kunst könne hier einen Weg gehen, den Menschen sonst gar nicht ertragen könnten, meinte sie: „Die ständige Konfrontation mit Unfällen, Tod und Trauer ist für die Öffentlichkeit nicht länger als einige Tage zu ertragen.“ Diese Gedanken waren auch das Anliegen der Sinnersdorfer „Ortspfarrerin“, Maike Pungs, als sie der Ausstellung bereitwillig zustimmt. Sie zeigte sich sofort überzeugt davon, dass die Themen „Umgang mit Tod und Opfern“ ebenso wichtig für und in einer Kirche seien wie die Auseinandersetzung mit der täglichen „Gefährdung, der man sich im Straßenverkehr aussetzt“.

„Moderne Wallfahrten“ und „Scheinsicherheit“
Martin Bock fand bereits in der Pressekonferenz die deutlichsten Worte zu der Ausstellung: Er sprach von der „alptraumhaften Realität“ dieser „giftigen Substanzen“, die auf unseren „technisch beschleunigten Wegen“ – die er „moderne Wallfahrten“ nennt – übrigbleiben. Schlacke, schwarze Lava, bedrohliche, eben „alptraumhafte“ Bilder. Und er sprach von der „Scheinsicherheit“, in die sich Verkehrsteilnehmer tagtäglich begeben, wenn sie ihr Auto besteigen. Wobei immer wieder „ausgeblendet“ werden müsse, welchen Gefahren wir uns dabei aussetzen, wie die Natur dabei verdrängt werde, und welche Angewiesenheit auf andere Menschen wir dabei entwickeln müssen – spätestens dann, wenn „etwas passiert“. Er spitzte zu: Unser Begriff von „Mobilität“ habe sich längst verselbstständigt, sei zum „Fetisch“ geworden.

„Das Material ist hochsensibel“
Dass alle Worte zu diesem enorm breiten Themenkomplex durchaus ein Abbild in der Realität haben, zeigt sich dem Betrachter, der nach allen mündlichen Ausführungen noch einmal die Plastiken in Ruhe betrachtet. Die folgenden Beschreibungen stammen von Hagedorn und sind dem Katalog entnommen, der zur Ausstellung erscheint (Preis: 10 Euro, erhältlich in der Friedenskirche, herausgegben von der Melanchthon-Akademie – dort ist der Katalog ebenfalls erhältlich – und dem Rhein-Erft-Kreis): „Drei Teile sind, an schwarze Schwingen erinnernd, in einem 3,60 Meter hohen Dreibeinrahmen beweglich aufgehängt, ganz klar zu verstehen als Hinweis auf die Fragilität unserer Existenz. Das Material ist hochsensibel, dies bestätigte sich bereits in Gesprächen mit den Bauarbeitern und Verantwortlichen an der Unglücksstelle. Aufgeladen mit mythologischer und krimineller Energie verbietet sich jegliche kommerzielle Nutzung. Aber der übliche Verdrängungs- und Entsorgungsumgang wäre sicherlich auch der falsche Weg. Eine offene und diskursive Herangehensweise mit den Themen Gewalt, Unglück, kriminelle Energie, im Grunde genommen dem Bösen, scheint mir geboten.“

Naheaufnahme einer der großen, stehenden Figuren.

Geld und Ausblick
Finanziell unterstützt wurden die Ausstellung wie auch das Symposium natürlich von der Friedenskirche Sinnersdorf, vom Evangelischen Kirchenkreis Köln-Nord, von der Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region, wie auch vom Rhein-Erft-Kreis, der Kulturstiftung der Kreissparkasse Köln, den Stadtwerken Pulheim und anderen mehr. Und für die Zukunft träumt Hagedorn davon, diese Ausstellung auch an anderen Orten in der Region rund um die Unglücksstelle zu zeigen. Wer daran Interesse hat, kann jederzeit mit ihm Kontakt aufnehmen: hh@holger-hagedorn.de

Die Pfarrerin und der Künstler.

Text: AL
Foto(s): AL