Antisemitische Straftaten werden auf die Antoniterkirche in der Kölner Innenstadt projiziert.



Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und AntoniterCityKirche: Öffentliche Projektion antisemitischer Straftaten. Ein Zeichen gegen Antisemitismus und für eine offene Gesellschaft.

Ungewöhnliche Aktionen an belebten öffentlichen Orten erregen in der Regel Aufmerksamkeit. Genau darauf zielte auch die von der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit abermals mit der Evangelischen Gemeinde Köln/AntoniterCityKirche durchgeführten öffentlichen Projektion antisemitischer Straftaten und Vorfälle auf der Schildergasse ab: Aufmerksam machen auf den hierzulande verstärkt auftretenden Antisemitismus. Und zugleich „den einzelnen Menschen, gegen den sich der Antisemitismus richtet, sichtbarer zu machen“.

50 antisemitische Straftaten auf der Antoniterkirche

Präziser gesagt: Nach Einbruch der Dunkelheit wurden mit einen Beamer nacheinander fünfzig kurze Beschreibungen von ausgewählten antisemitischen Taten auf die Wandfläche über dem Hauptportal der AntoniterCityKirche „geworfen“. Es war nicht nur zu lesen, was geschehen ist, sondern auch wann und wo.

Mitorganisator Pierre Klapp, in der Kölnischen Gesellschaft mit politischer Bildungsarbeit befasst, machte deutlich, dass es sich nur um eine kleine Auswahl von bundesweit registrierten antisemitischen Taten aus der von der Amadeu Antonio Stiftung zusammengestellten Chronik des laufendes Jahres handelt. Und die Zahl der polizeilich nicht gemeldeten antisemitischen Taten wie Vorfälle, so Klapp, falle sicher deutlich höher aus.

Viele der Teilnehmenden hatten eigens für diese Veranstaltung im Rahmen der „Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus“ und des Projekts „Rote Karte gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus“ den Platz vor der evangelischen Kirche aufgesucht. Aber auch Passanten auf der Einkaufsstraße blieben stehen und widmeten sich mehr oder weniger intensiv den gut lesbaren Texten.

Beispiele antisemitischer Straftaten

In ihrer Gesamtheit verdeutlichen sie die Vielfalt der Übergriffe, Attacken und Verbrechen. Sie dokumentieren, dass in Deutschland Juden und Jüdinnen verhöhnt, diskriminiert, massiv beleidigt, bedroht und körperlich angegriffen werden. 2019 wurden Gedenksteine in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald mit Hakenkreuzen, der Briefkasten der Kölnischen Gesellschaft mit SS-Runen, jüdische Einrichtungen und andere Gebäude mit „Scheiß Jude!“ beschmiert. In Niedersachsen erlebte ein jüdisches Ehepaares einen Brandanschlag auf sein Haus. Die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde in Freiburg wurde mit üblen Beleidigungen und Vernichtungsdrohungen – „Ich schlag Dich tot!“ und „Mich wundert nicht, dass Hitler Euch vergast hat!“ – attackiert.

In Dortmund hatte ein Fernbus-Fahrer vier israelischen Kindern und Jugendlichen verboten, ihr Essen mit auf die Reise zu nehmen, während andere Fahrgäste ihren Proviant verzehren konnten. In Berlin beschimpfte eine Flughafen-Mitarbeiterin einen Gast, dessen Halskette ein Davidstern ziert, wegen eines zu großen Gepäckstücks auf Englisch und Arabisch. Zudem wurde er von seinem Flug ausgeschlossen. Ein junger Mann, der sich am frühen Morgen vor einer Berliner Diskothek auf Hebräisch unterhielt, wurde von einem Unbekannten mit der Faust ins Gesicht geschlagen.

Eintreten für eine offene und pluralistische Gesellschaft

Vor dem Start der Projektion begrüßten Markus Herzberg, Pfarrer an der AntoniterCityKirche, und Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft. Beide betonten die gute Kooperation. Beide kommentierten mit deutlichen Worten die steigende Zahl an antisemitischen Straftaten und (strafrechtlich nicht verfolgten) Vorfällen. Und beide forderten vehement zu Zivilcourage auf. Es gelte einzutreten „für eine offene und pluralistische Gesellschaft“.

Am liebsten wäre ihm, man müsse diese Projektion nicht zeigen, schickte Herzberg voraus. Aber leider ereigneten sich hierzulande täglich circa fünf Straftaten mit antisemitischem Hintergrund. Tendenz steigend. „Das ist eine Schande für uns alle in unserem Land.“ Er habe vor zehn Jahren nicht geglaubt, dass eine politische Lage wie gegenwärtig es möglich mache, Dinge auszusprechen, die es sich nur zu denken schon nicht gehöre. Dazu trage nicht zuletzt die AfD bei. Sie schüre durch ihre Sprache Hass und Verachtung. Sie gebe Raum, solche Gedanken zu Worten werden zu lassen. Damit, wie unlängst in Halle geschehen, solche Gedanken nicht zu Taten würden, müssten wir alle dem Antisemitismus entschieden entgegentreten. „Insbesondere als Kirche tragen wir eine große Verantwortung in unserer Gesellschaft.“

Antisemitismus heute

„Antisemitismus ist Alltag in Deutschland geworden“, sprach Wilhelm. „Bedrohungen, Beleidigungen, Ressentiments prägen die Erfahrungswelt von Juden und Jüdinnen in Deutschland und schaffen ein Klima der Angst“, in dem jüdische Identitäten gewaltsam unterdrückt würden. Dass Antisemitismus heute wieder potentiell mörderisch sei, habe vor allem der rechtsterroristische Anschlag in Halle verdeutlicht. In ihm sieht Wilhelm den „traurigen Tiefpunkt einer jahrelangen Entwicklung“. Der Kampf gegen Antisemitismus dürfe kein Lippenbekenntnis bleiben, sondern müsse in konkrete Aktionen auf allen Ebenen einfließen, forderte er.

Viel zu lange sei die rassistische und antisemitische Gefahr entweder kleingeredet, totgeschwiegen oder auch unterschätzt worden, stellte Wilhelm fest. Dadurch sei die Gefahr von rechts zu einer Normalität geworden, „wie jede andere Gewalttat auch“. Systematisch und gezielt nutze die AfD Tabubrüche, „um ihre rechtsradikalen und rassistischen Meinungen immer weiter ins Zentrum des öffentlichen Diskurses zu rücken“. Leider funktioniere es fast jeden Tag. Wilhelm hält die „immer wieder zu hörende Parole ´Wehret den Anfängen´“ für vollkommen überholt: „Die Neonazis sitzen in fast allen Parlamenten, was bedeutet – und dies meine ich wortwörtlich –, dass wir mitten in der Auseinandersetzung zur Verteidigung unserer Demokratie sind.“

Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten

Schließlich beklagte der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft das Versagen eines großen Teils der politischen Elite, des Verfassungsschutzes und der Polizei. Er empfindet es als so massiv, dass wir als Zivilgesellschaft gefordert seien. Als Bürger und Bürgerinnen Kölns und der Region müssten wir zumindest alles uns Mögliche versuchen, „den Widerstand gegen Neonazis und Rechtsradikalismus so kraftvoll und so vernehmlich wie möglich zu organisieren, um Demokratie und Menschenrechte eigenständig und wirkungsvoll zu verteidigen“.

Im Anschluss an die Projektion leitete Manfred Höffken einen Gedenkgang zum Thema „Jüdisches Leben in Köln“, der in der Antoniterkirche startete.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich