Isländischer Bischof predigte in Altenberg



Isländischer Bischof predigte in Altenberg

„Ich grüße Sie herzlich von Island!“ Diese im Altenberger Dom genauso ungewöhnlichen wie schlichten Worte hallten am Sonntag Judica durch das Kirchenschiff. Die Bänke waren schon früh morgens bestens besetzt, was nicht zuletzt einer Portion Neugier und Ehrerbietung der Gottesdienstbesucher zu verdanken gewesen sein mag.

Schließlich sollte ein außergewöhnlicher Gast die Predigt halten: Kristján Ingólfsson aus Skálholt, Bischof der evangelisch-lutherischen Isländischen Staatskirche. Wer sich im Vorfeld gefragt hatte, wie die sprachliche Kommunikation laufen würde, wurde vom perfekten Deutsch des Geistlichen überrascht.

Evangelische Ökumene
Als „einen besonderen Gast aus der Ökumene“ hatte Claudia Posche, Pfarrerin der Evangelischen Domgemeinde Altenberg, den Bischof vorgestellt und hinzugefügt, dass sein Besuch „ein schönes Zeichen der weltweiten evangelischen Ökumene“ sei. In dem Gottesdienst – angekündigt unter dem Thema „Reformation und die Eine Welt“ – werde über Recht und Gerechtigkeit nachgedacht, so die Pfarrerin.

Isaaks Opferung – „eine unheimliche Geschichte“
Ausgangspunkt für die Predigt des Bischofs war das Evangelium des Judica-Sonntags, ein bekannter Text aus der Genesis: Abraham opfert seinen Sohn Isaak (Gen 22, 1–13). „Eine unheimliche Geschichte“, so Bischof Kristján Ingólfsson. In ihr zeige sich „ein unbegreiflicher Gott“. Schließlich sei es nicht das erste Mal, dass Gott von Abraham Leidvolles verlange. „Gott hat Abraham versucht auf vielerlei Weise.“
Durch den Auszug aus der Heimat habe Abraham bereits seine Vergangenheit verloren und nun solle er auch seine Zukunft verlieren, denn: „In Isaak ist seine Zukunft verkörpert.“ Was besonders schwer zu verstehen sei: Dieses „Verlieren“ geschehe nicht durch die Tat eines anderen, sondern Abraham selbst solle aktiv Hand anlegen – an seinen Sohn. Da der liebende Vater tatsächlich gewillt sei, dies auf Geheiß Gottes zu tun, müsse man fragen: „Ist nicht auch Abraham unbegreiflich?“

„Alttestamentliche Golgatha-Situation“
Der isländische Bischof gestand schmunzelnd, „dass man versucht, etwas Gescheites zu sagen“, wenn man in einem anderen Land sei. Deshalb habe er diverse Theologen im Hinblick auf die Isaak-Opferung zu Rate gezogen, beispielsweise Stählin und von Rad. Der Bischof führte in seiner theologisch kenntnisreichen und von etlichen Zitaten geprägten Predigt aus, dass der Genesis-Text „eine alttestamentliche Golgatha-Situation“ aufzeige. Hier folge – wie im Neuen Testament – ein Mensch gehorsam dem Willen und Weg Gottes und „der Ort, an den Gott ihn führt, ist der Ort der Gottverlassenheit“. „Die Bibel“, so schloss der Bischof, „ist wahrlich ein unheimliches Buch.“

Andreas Meisner spielte Skandinavisches
Das Abendmahl führte der isländische Geistliche gemeinsam mit Pfarrerin Claudia Posche, ihrem Kollegen Pfarrer Stephan Sticherling, Vikarin Julia Rebekka Riedel sowie den Lektoren Ulrike Lindner und Kurt Doktor als Prozessionsabendmahl durch. Währenddessen brachte Andreas Meisner an der – immer noch eingerüsteten – Klais-Orgel eine seiner akustischen Kostbarkeiten zu Gehör, mit denen er den Gottesdienst musikalisch gestaltete. Passend zum Anlass hatte der Domorganist skandinavische Orgelmusik ausgewählt: Kompositionen des Dänen Niels W. Gade aus dem 19. Jahrhundert.
Für die Isländer ist Meisner übrigens kein Unbekannter: Er hat bereits in Reykjavik an der größten Orgel Islands gespielt, die ebenfalls von der Bonner Firma Klais erbaut wurde. „So erinnern uns die Orgeln daran, dass wir alle Brüder und Schwestern sind“, formulierte der Bischof pointiert.

Deutsch in Island gelernt
Wer nach dem auf Deutsch und Isländisch gesprochenen Segen ins Martin-Luther-Haus ging, konnte dort nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch einen bestens aufgelegten Bischof finden. Gern lüftete er das Geheimnis seines guten Deutschs: Nachdem er es vier Jahre lang am Gymnasium gelernt hatte, kam er vor 40 Jahren von Island nach Heidelberg, um als Stipendiat Evangelische Theologie zu studieren. Damals kam er mit der Evangelischen Michaelsbruderschaft in Kontakt, durch die er nun immer wieder nach Deutschland reist. Auch am Tag zuvor hatte er an einer Tagung der Bruderschaft teilgenommen – und die Einladung zur Predigt im Altenberger Dom gerne angenommen. Es war die erste Begegnung des Bischofs mit dem gotischen Gotteshaus, und er zeigte sich sichtlich beeindruckt: „Wir haben in unserem Land keine so große und schöne Kirche!“

Text: Ute Glaser
Foto(s): Ute Glaser