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Cornelia Enax zeigt in der Lutherkirche „Kriegskinder-Bilder“

Sie sind wortwörtlich vielschichtig, die Porträts, die derzeit in der Lutherkirche in der Kölner Südstadt präsentiert werden. 24 Bildnisse von Kindern, die bewusst mal mehr, mal weniger deutlich erkennbar gestaltet wurden. Als Vorlagen dienten der Malerin Cornelia Enax Fotografien ihres Großvaters.

Zerstörung im Bild festgehalten
Als Soldat im Zweiten Weltkrieg, hatte dieser bei seinen Einsätzen in Nordfrankreich, Polen, Litauen, Weißrussland und Russland stets eine Kamera dabei. Mit ihr dokumentierte (oder sollte man besser sagen, verarbeitete) er „gewöhnliches“ Wehrmachtsleben, Sehenswürdigkeiten in Paris und Begegnungen mit Zivilisten, offenbar ebenso „alltägliche“ Kriegsereignisse und Kampffolgen. Er lichtete Landschaften, Ortsansichten und immer wieder Menschen ab – und hielt damit gleichzeitig Zerstörung, Tod und Trauer fest. Trümmer und Ruinen, Flüchtlinge, die im Straßengraben umgekommen sind, Ghetto-Insassen, Hungernde, die sich auf einfache Nahrung stürzten, Verzweifelte… – auch jene, die ein Lächeln trugen, erwartungsvoll schauten oder angesichts der Geschehnisse äußerlich erstarrten. Darunter zahlreiche sehr junge Menschen. Ihnen hat sich Enax mit der Serie „Kriegskinder“ eingehend gewidmet.

„Die vergessene Generation“
Anlass der Ausstellung „Erbschaften – Die Kriegskinder“ ist der Gottesdienst, der seit 2007 um den Jahrestag des Kriegsendes in Europa (8. Mai) herum in der Lutherkirche zum Thema „Die vergessene Generation“ stattfindet. Ausgelöst wurde die vom Lutherkirchen-Pfarrer Hans Mörtter initiierte Reihe durch den Irakkrieg. Kennzeichnend für diese Gottesdienste ist das Mitwirken eines oder mehrerer Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges. Ende April gab es die sechste Auflage. Mörtter konnte dabei Gisela Sandrock (Jahrgang 1935) und eben Cornelia Enax (Jahrgang 1955) zu zwei „sehr offenen bis sogar fröhlichen“ Gesprächsrunden begrüßen. Gleichzeitig wurde im Rahmen des Gottesdienstes die Ausstellung eröffnet.

„Wir haben das Grauen geerbt“
Zu verdanken ist die Schau in der Südstadt einer Empfehlung des Journalisten und Theologen Curt Hondrich. Er sitzt dem wesentlich in der wissenschaftlichen Friedensarbeit engagierten Förderverein Kriegskinder für den Frieden e.V. vor. Zudem gastierte Hondrich 2010 als Betroffener beim „Kriegskinder“-Gottesdienst. Seinem Hinweis mochte und konnte Mörtter sich nicht verschließen. „Es sind auch unsere Erbschaften. Wir haben die Geschichte, das Grauen geerbt“, so der Pfarrer. „Die von Cornelia Enax gemalten Kindergesichter reden zu mir. Das Fassungslose, dem ich in ihnen begegne, fordert heraus, schreit nach Behütung. Wir kommen von der Geschichte nicht los. Krieg wird als Konfliktlösungsmöglichkeit gesehen. Das ist sie aber keineswegs.“ Über Jahre des Redens vom Krieg hat Mörtter gemerkt, „dass das Thema eine Öffentlichkeit braucht“. Noch gebe es zahlreiche Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges. „Die ältere Generation will reden und wir müssen ihr zuhören, mit ihr in Dialog treten. Jetzt, nachdem die Älteren lange verzweifelt geschwiegen und wir lange verzweifelt gefragt haben.“

Reden über die Traumata
Die Nachgeborenen sollten das Erzählen der Zeitzeugen dankbar annehmen. „Sie machen uns nachdenklich über unsere Geschichte.“ Ihre Erfahrungen führten zur Auseinandersetzung mit Ohnmacht und Kraft. Das berühre auch die heutigen Kriege ganz nah, setze hinter diese ein noch größeres Fragezeichen. „Das ist Arbeit für die Gegenwart und Zukunft“, freut Mörtter sich über die gute Resonanz, die die Gottesdienste und Veranstaltungen zum Thema erfahren. Auf diese Weise erhielten die Älteren zudem „eine ganz andere Dimension in der Kirchengemeinde. Sie werden zu Impulsgebern. Viele von ihnen sind überrascht, dass die jungen Menschen das interessiert.“ Und letztlich, hat Mörtter erfahren, könne ihr Reden über die Traumata auch bei diesen Gelegenheiten zum Lösen eigener „seelischer Knoten“ beitragen.

Kiste von der Mutter geerbt
„Erbschaften“ nennt Enax das Kunstprojekt, das sich in den letzten Jahren zu einer bestimmenden Größe in ihrem Werk und Leben entwickelt hat. Erst nach Abschluss ihres Studiums der Betriebswirtschaftlehre an der Uni Köln hatte sie ihre privaten Studien auf dem Gebiet der Malerei intensiviert, Unterricht etwa bei Markus Lüpertz, Thomas Lange und Salomé genommen. 2007 begann ihre bewusste Auseinandersetzung mit dem Inhalt einer Jahre zuvor von der Mutter geerbten Kiste. Darin befanden sich die beschriebenen großväterlichen Schwarz/Weiß-Fotografien, auf dunkle Pappen gebracht und mit knappen Kommentaren versehen. „Ähnlich wie man Fotos einer Urlaubsreise archiviert“, entfährt es Enax. „Mit dem Öffnen der Kiste habe ich die Büchse der Pandora geöffnet. Selbst wenn ich sie schließen wollte, das ginge nicht mehr“, verdeutlicht sie das Ausmaß der persönlichen Betroffenheit und Berührung, den der Fund bei ihr anhaltend bewirkt.

Klatschmohn für den gefallenen Soldaten
Bislang hat sie innerhalb der „Erbschaften“ drei Projekte realisiert. Zunächst digitalisierte sie einige der Fotografien und bemalte sie mit Mohnblumen. Das Motiv der tiefroten, zarten Pflanze zieht sich durch das gesamte Kunstprojekt. Hintergrund ist die Symbolik, die der Klatschmohn seit Ende des Ersten Weltkrieges im angelsächsischen Raum besitzt: Mit dieser Blume wird der gefallenen und vermissten Soldaten gedacht. So tauchen das Symbol respektive die Farbe Rot auch in der der zweiten Phase auf, „Graupappen“ genannt. Dabei überzog Enax Fotografien weitaus freier, spontan und großzügig mit Ölfarben und Wachs. Die „Kriegskinder“ bilden die dritte Phase. In ihr beschäftigte sich Enax mit einzelnen der abgelichteten Heranwachsenden. „Ich habe ihre Bilder stellvertretend für alle auf den Gruppenfotos Abgebildeten ‚herausgeholt‘, sie vergrößert und Skizzen angefertigt.“ Schließlich stand die freie Übertragung auf Leinwand. In diese Bilder sind zusätzlich Papierabzüge eingearbeitet, die das Gesicht des jeweils dargestellten oder eines anderen Kindes tragen. Manchmal sind die kleinen Fotos eingegraben in die Malschichten, versteckt und konserviert. Zuweilen liegen sie offen zutage oder bleiben unter einer transparenten Folie zumindest schemenhaft erkennbar.

Beim Malen gealtert
Die Porträtierten sind beim Malen offenbar gealtert: Ein Verweis darauf, wie sich Krieg auswirkt auf Körper und Seele. Wie gravierend die Traumata der (überlebenden) Betroffen ausfallen können. Mit ihrer Arbeit verleiht Enax einzelnen Kindern nicht nur ein Gesicht. Sie gibt den Namenlosen auch (fiktive) Namen, etwa Anjuta, Anthony, Georgij und Mégane. Ebenso in diesen Werken fällt der großzügige Einsatz insbesondere von Rot, fällt die Verwendung des Mohnblumensymbols auf. Es sind keine glatten Bilder. Vielmehr zeugen die Spuren, Kratzer, Schlieren vom Ringen der Künstlerin mit dem großen Thema Krieg, das Unterthemen wie Gewalt, Verletzung und Tod birgt. Themen, die nach einer intensiven Beschäftigung verlangen. So verwundert es nicht, dass die Arbeiten einen häufig „unfertigen“ Eindruck machen. Dabei fällt die Würdigung der Individuen weder beliebig, noch gefällig aus.

Bilder entlang der Route des Großvaters
„Krieg ist leider nichts Einzigartiges. Gewalt und Schrecken hören nicht auf“, nennt Enax ihre Triebfeder. Darauf gelte es hinzuweisen. Unverändert bewirkten nicht nur vergangene Kriege bei den damals Heranwachsenden langfristige Traumata. Auch gegenwärtige und zukünftige Kriege würden seelische und körperliche Schäden verursachen, die sich mutmaßlich in die nächste(n) Generation(en) fortsetzten. „Stellung beziehen“, scheint Enax die Betrachtenden ihrer Arbeiten aufzufordern. Stellung beziehen gegen kriegerische Handlungen, gegen Gewalt allgemein. Einer der Träume von Enax‘ lautet, entlang der Route, die ihr Großvater als Kriegssoldat hat absolvieren müssen, zu reisen und auch an den in seinen Fotoalben vermerkten Orten ihre Bilder auszustellen.

Die Öffnungszeiten:
Geöffnet ist die Ausstellung „Erbschaften – Die Kriegskinder“ in der Lutherkirche, Martin-Luther-Platz 2-4 in der Kölner Südstadt, bis einschließlich Samstag, 19. Mai 2012, mittwochs bis samstags von 16 bis 19 Uhr.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich