Bilder ja – aber den Rahmen immer ein Stückchen offenlassen

Bilder ja – aber den Rahmen immer ein Stückchen offenlassen

„Welche Bilder prägen uns?“ Dieser Frage geht Pfarrerin Simone Drensler in der ersten von insgesamt sieben Passionsandachten nach und lädt die Zuschauerinnen und Zuschauer erst einmal ein, darüber nachzudenken, ob wir „eine Anleitung zum Unglücklichsein“ brauchen. Die stellvertretende Superintendentin aus dem Evangelischen Kirchenkreis Köln-Süd zitiert damit den Psychotherapeuten Paul Watzlawick. Er hatte einen Millionenbestseller zu diesem Thema geschrieben. Doch die Botschaft in diesem Buch ist klar: Paul Watzlawicks Anleitungen nicht zu befolgen, ist der erste Schritt zum Glück.

Manchmal sind es die Bilder im Kopf, die andere Menschen festlegen. „Das können wir sehr gut in den Sozialen Medien beobachten“, sagt Simone Drensler. „Zeige mir deine Timeline und ich sage dir, wer du bist. – Ich sehe dein Profilbild – danke das reicht – Konversation beendet.“ An Stellen, wo Bilder die Herrschaft übernehmen, da endet Kommunikation und versiegt das Miteinander. „Und dabei brauchen wir doch genau das: das miteinander Reden, das aufeinander Hören, das zueinander in Beziehung bleiben auf ganz persönlicher, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene.“ „Bilder ja – denn wir brauchen sie“, schließt die stellvertretende Superintendentin ihre Gedanken ab. „Aber den Rahmen immer ein Stückchen offen zu lassen, das ist weise.“

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Hier können Sie den gesamten Text der Passionsandacht nachlesen:
Es gibt tausende von Anleitungen. Es gibt sogar eine Anleitung zum unglücklich sein. Paul Watzlawick, seines Zeichens Psychotherapeut, hat dieses Buch herausgegeben. Darin erzählt er die Geschichte eines Mannes, der ein Bild aufhängen möchte. Er hat das Bild, er hat den Nagel, aber leider keinen Hammer. Da liegt der Gedanke nahe, zum Nachbarn rüber zu gehen und sich dort einen zu leihen.

Auf dem Weg zur Tür allerdings das Kopfkino: Der Nachbar, der war doch vor ein paar Tagen so kurz ab, der hat mich noch nicht mal richtig gegrüßt, der hat was gegen mich – garantiert! Ende vom Lied: Unser Heimwerker stürmt zum Haus nebenan, klingelt und als die Tür sich öffnet, blafft er sofort den Nachbarn an, er könnte sich seinen dämlichen Hammer an den Hut stecken. Totale Blockade mit entsprechendem Ergebnis. Kein Hammer und wahrscheinlich ein höchst ratloser und sehr verärgerter Nachbar.

Keiner von den beiden hatte eine Chance. Der Nachbar hatte keine Chance, sich anders zu verhalten, als von ihm erwartet wurde. Vielleicht hätte er gesagt, na klar einen Hammer habe ich. Kommen Sie rein, hier ist meine Werkzeugkiste, suchen Sie sich einen aus. Und auch unser Heimwerker hatte keine Chance, eine andere Erfahrung zu machen, nämlich dass dieser komische und unfreundliche Nachbar eigentlich gar nicht komisch und unfreundlich ist, sondern sehr nett und sehr hilfsbereit.

Das Bild, in das sich unser Heimwerker so rein gesteigert hat, hat nichts zugelassen. Zugegeben, wir machen uns immer Bilder. Jede Erfahrung, die wir machen, produziert in uns ein Bild und das ist auch gut so. Denn Bilder sind hilfreich, sie helfen uns, Erfahrungen zu ordnen und zu sortieren. Wir können uns in der Welt orientieren. Aber Bilder können uns auch blockieren. Immer dann, wenn wir sie absolut setzen, wenn ich sage: „Die eine Erfahrung, die ich da gemacht habe, das ist die Wahrheit!“ Dann ist der andere nämlich plötzlich gefangen in dem Rahmen, den ich ihm setze.

Das können wir sehr gut in den Sozialen Medien beobachten. Zeige mir deine Timeline und ich sage dir, wer du bist. Ich sehe dein Profilbild – danke das reicht – Konversation beendet. Da, wo Bilder die Herrschaft übernehmen, da endet Kommunikation, da versiegt das Miteinander und es vertiefen sich Gräben. Und dabei brauchen wir doch genau das: das miteinander reden, das aufeinander hören, das zueinander in Beziehung bleiben auf ganz persönlicher, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Wie viele Familien reden schon seit Jahren nicht mehr miteinander, weil beide Seiten nicht mehr bereit sind, sich aus dem Bild heraus zu lassen. Wie polarisiert ist unsere Gesellschaft an vielen Punkten, weil dort die wie in Stein gemeißelten Bilder in den Köpfen herrschen. Deshalb gilt es klug mit unseren Bildern umzugehen. Wie das gehen kann, dazu gibt uns die Bibel im Buch der Sprüche im achten Kapitel einen, wie ich finde, sehr weisen Rat. Und wie es so zum guten Ton in der Bibel gehört, wird auch dort mit unseren Bildern gebrochen. Nicht weiße Haare, Falten oder eine Fülle an Lebensjahren kommen uns dort als Weisheit entgegen, sondern dort wird das Bild eines versonnen spielenden Kindes gezeichnet.

Die Weisheit ist neugierig, sie will begreifen, sie will erleben, sie will hinter die Dinge schauen und alles für möglich halten – jeden Tag neu. Heute entsteht ein Bild, aber morgen schon entsteht es wieder neu und wahrscheinlich ganz anders. Das ist eine Weisheit, die den Geist Gottes atmet. Neubeginn ermöglichen, Anfänge schenken, Freiheit geben – das ist eine Weisheit, die uns Gott schenkt. Wir müssen uns aber auch entscheiden, diese Weisheit anzunehmen. Bilder ja – denn wir brauchen sie. Aber den Rahmen immer ein Stückchen offen zu lassen, das ist weise. In diesem Sinne: Seien Sie behütet und bleiben Sie offen!