NS-Dokumentationszentrum zeigt Ausstellungen zum Ghetto Litzmannstadt

NS-Dokumentationszentrum zeigt Ausstellungen zum Ghetto Litzmannstadt

In der polnischen Metropole Lodz, 1940 von den deutschen Besatzern in Litzmannstadt umbenannt, befand sich nach Warschau das größte von den Nationalsozialisten für die jüdische Bevölkerung eingerichtete Ghetto. Insgesamt wurden über 180.000 Juden aus West- und mehrheitlich Osteuropa sowie 5.000 Sinti und Roma nach Litzmannstadt deportiert. Darunter 2.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Köln und Region. Ihre Transportzüge gingen am 22. und 30. Oktober 1941 vom Bahnhof Deutz-Tief ab. Von diesen 2000 überlebten 23 Menschen die entsetzlichen Zustände inklusive Zwangsarbeit im vier Quadratkilometer großen Ghetto, schließlich ihre Verschleppung in Vernichtungslager. Anlässlich des 70. Jahrestages dieser Deportationen richtet das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln nacheinander zwei Ausstellungen aus.


„Das Gesicht des Gettos“
Bis zum 4. September läuft in Köln die Wanderschau „Das Gesicht des Gettos. Bilder jüdischer Photographen aus dem Getto Litzmannstadt 1940-1944“. Konzipiert haben sie Mitarbeitende des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors in Berlin in Kooperation mit dem Staatsarchiv Lodz. Zentral enthält diese Ausstellung auf rund 65 Tafeln vergrößerte Aufnahmen jüdischer Fotografen. Gemeinsam mit zusätzlich 160 abwechselnd projizierten Fotos decken sie laut Werner Jung, Direktor des Kölner NS-Dokumentationszentrums, „nahezu alle Bereichen des Ghettolebens ab“. Darunter befinden sich Lichtbilder von Ghettoinsassen bei der Zwangsarbeit, zusammengepfercht in dunklen Räumen, spielend auf der Straße, bei der Aufnahme spärlicher Nahrung. Deutlich wird die alltägliche Ghetto-Situation. Dazu zählten unfassbar schlechte Wohnverhältnisse, unglaubliche hygienische Missstände, eine unzureichende Lebensmittelversorgung und unmenschliche Lebensbedingungen. Diejenigen, die nicht in den Vernichtungslagern Kulmhof und Auschwitz-Birkenau ermordet worden sind, starben an Entkräftung, Hunger oder Krankheiten.

Juden selbst haben die Fotos gemacht
Die Fotografien bilden eine Auswahl aus einem viele tausend Kontaktabzüge zählenden Bestand des Staatsarchivs Lodz. Ihre besondere Bedeutung liegt darin, dass sie eben nicht von Tätern „oder zufälligen Zeugen“ angefertigt worden sind, sondern von Leidensgenossen der Gefangenen. Es waren die jüdischen Fotografen Mendel Grosman, Henryk Ross und wenige andere. Ihre Aufnahmen von den „wichtigsten Arbeitsstätten“ entstanden zunächst noch auf Aufforderung der Ghetto-Verwaltung, bald jedoch im Auftrag des von ihr eingesetzten „Judenrates“ in Litzmannstadt. Die Ansichten sollten insbesondere die Produktivität des Ghettos, den „Nutzen der jüdischen Arbeitskräfte für die deutsche Kriegswirtschaft“ demonstrieren. Doch die Fotografen beließen es nicht bei den „unverfänglichen“ Aufnahmen, bei „offiziellen“ Passbildern und Judenrat-Porträts. Andere kamen hinzu. Unter Lebensgefahr fotografierten sie etwa Erschossene, Hingerichtete und die Menschenmassen vor den Zügen, mit denen diese aus dem Ghetto in die Vernichtungslager deportiert wurden. Ihre Innensicht auf den Alltag der Verschleppten, ihr Aufzeigen des Spannungsverhältnisses von Überlebenswille und Todesangst ist im Ergebnis eine einfühlsame, würdevolle Fotografie. Besucherinnen und Besucher der Ausstellung sehen Gedemütigte, Entrechtete, zur Arbeit Gezwungene, Verhungerte, Ermordete – trotzdem bleiben die Menschen in diesen Fotografien Individuen. Und mittels dieser Aufnahmen erhalten viele der nach Litzmannstadt Verschleppten, von denen die wenigsten überlebt haben, ein Gesicht. „Den Menschen ihre Würde zurückgeben, ein Gesicht und keine Fratze zeigen – das ist eine der Grundideen der Ausstellung“, bestätigt Jung. „Mit den Abbildungen wird die Würde der Menschen auch an einem Ort wie dem Getto erhalten.“

Eine einzigartige Dokumentation
In den eindringlichen Schilderungen seien Gefangene zu sehen, die trotz der Drangsale Lebensmut offenbarten, die Hoffnung auf ein Überleben und ihre Befreiung zeigten, kommentiert Karola Fings, stellvertretende Leiterin des Kölner NS-Dokumentationszentrums und Kuratorin der Ausstellung. „Vermutlich ist kein anderes Ghetto auf diese Art und Weise fotografiert worden“, spricht Fings dieser Überlieferung des Ghettolebens und Dokumentation eines unvorstellbaren Verbrechens einen unschätzbaren Wert zu. „Merkwürdig, dass es diese Ausstellung erst heute gibt“, ergänzt Jung auch mit Blick auf die Fotografie als eine besondere, unverzichtbare historischen Quelle.

Vorschau: Mit den „Deportationen der Juden aus dem Rheinland“ beschäftigt sich die nächste Ausstellung
Zwei Vitrinen mit Kopien von Briefen und weiteren schriftlichen Dokumenten von jüdischen Kölnerinnen und Kölnern, die nach Litzmannstadt deportiert wurden, ergänzen die laufende Ausstellung. Sie sind auch als Hinweis auf die kommende Schau zu verstehen: Auf „Das Gesicht des Gettos“ folgt vom 9. September bis 23. Oktober die Wanderausstellung „Deportiert ins Ghetto – Die Deportationen der Juden aus dem Rheinland im Herbst 1941 ins Ghetto Litzmannstadt“. Sie widmet sich der Geschichte der 3000 aus Köln, Düsseldorf und deren Regionen nach Litzmannstadt Deportierten. Erarbeitet haben die Ausstellung des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW Mitarbeitende der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln in Kooperation mit dem Staatlichen Archiv Lodz.
Am Schlusstag (23. Oktober) der Schau lädt die Stadt Köln um 11 Uhr im EL-DE-Haus in Kooperation mit der Synagogen-Gemeinde Köln und der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zu einer Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer der Deportationen in das Ghetto Litzmannstadt ein. An ihr wird auch der 1928 in Köln geborene Henry Oster teilnehmen. Mit seinen Eltern wurde er nach Litzmannstadt deportiert, wo sein Vater starb. Seine Mutter sah er das letzte Mal 1944 auf dem gemeinsamen Transport nach Auschwitz-Birkenau. Er selbst wurde im KZ Buchenwald befreit.

Lebenswege jüdischer Menschen aus Köln und Düsseldorf
Von den 2000 aus Köln und Umland nach Litzmannstadt Deportierten überlebten nach aktuellem Forschungsstand 23 Menschen ihren Leidensweg. Die anderen wurden ermordet, starben an Unterernährung oder Krankheiten. In der Ausstellung werden erstmals in dieser Breite anhand konkreter biographischer Beispiele die Lebenswege von jüdischen Kölnerinnen und Düsseldorfern geschildert, deren Alltag und Überlebenskampf im Ghetto sowie deren weiterer Transport in Vernichtungslager wie Kulmhof und Auschwitz-Birkenau. Die vor Jahren begonnene Recherche im Staatsarchiv Lodz habe zahllose Dokumente von und über Kölner Juden zutage gefördert, so Kuratorin Fings. Gemeinsam mit immer noch von Nachfahren zur Verfügung gestellten Dokumenten ergebe das eine große Menge von aussagekräftigen Dokumenten. „Wir zeigen in keinem anderen Archiv versammeltes, bislang unveröffentlichtes Material.“ Interessierte erführen nun erstmals anschaulich darüber, was die Deportation für einzelne Betroffene bedeutete. „Für die Mehrheit der Bevölkerung damals waren die Deportierten einfach aus dem Alltag verschwunden. Die meisten hatten überhaupt keine Vorstellung davon, was Deportation tatsächlich heißt, was mit den Deportierten passiert ist. Das ist oft ausgeblendet worden.“ Noch heute sei das Wissen darum ausbaufähig.

„Der Mensch muss hoffen, solange er atmet“
Die Schau gliedert sich in sechs Themen. Informiert wird über die Vorgeschichte, die Fahrt ins Ungewisse, die Situation im Ghetto, über den Alltag, die Arbeit und Vernichtung sowie letzte Spuren. Das über Jahre zusammengetragene Material wie Korrespondenzen, Briefe, Karten, Fotografien und Lagerdokumente vermittelt einen Eindruck vom Leben von Deportierten vor und während ihres Ghettoaufenthaltes. Beispielsweise wird das Schicksal von Thekla (geboren 1889) und Alfred (geboren 1886) Salmony in den Blick genommen. Am Vorabend des Tages, an dem das Kölner Ehepaar sich zunächst in der Messe Köln zur Deportation am 30. Oktober 1941 einfinden mussten, schreiben die Eltern an ihren Sohn Hansjörg, der 1940 als 20-Jähriger in die Schweiz flüchten konnte. „Der Mensch muss hoffen, solange er atmet und wir hoffen. Mein starkes Gottvertrauen wird uns alle stärken und uns glücklich zusammen führen“, heißt es in dem Brief, in dem mit der Zuversicht auch eine Ahnung vom bevorstehenden Ende anklingt. Die Salmonys verbrachten zunächst sechs Monate „in der Sammelunterkunft des Kollektivs Köln II in Marysin“, gelegen im nordöstlichen Ghettoteil. Alfred Salmony starb am 11. August 1942, Gattin Thekla am 27. April 1944.

(Öffnungs-)Zeiten und Begleitprogramm
Geöffnet ist das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln im EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23-25, dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 16 Uhr, jeden ersten Donnerstag (außer Feiertag) im Monat bis 22 Uhr. Die Ausstellung „Das Gesicht des Gettos“ läuft bis zum 4. September. „Deportiert ins Ghetto“ ist vom 9. September bis 23. Oktober zu sehen. Im umfangreichen Rahmenprogramm finden sich unter anderem Führungen und Vorträge. So zeigen am 13. Oktober, 19 Uhr in ihrem Bildvortrag „Was geschah im Ghetto?“ Barbara Becker-Jákli, Karola Fings und Nina Matuszewski Spuren von deportierten Kölnerinnen und Kölner auf.