Mut zum Glauben? Wilfried Schmickler hatte seine Premiere als Prediger – bei der Beatmesse in der evangelischen Johanneskirche.



Mut zum Glauben? Wilfried Schmickler hatte seine Premiere als Prediger – bei der Beatmesse in der evangelischen Johanneskirche.

Es steht nicht gut um das Land. Und auch nicht um die Kirche. Ganz und gar nicht gut. Das hat jedenfalls der Kabarettist Wilfried Schmickler festgestellt. Und dieses Ergebnis seiner Analysen brachte der aus den WDR-Mitternachtsspitzen bekannte Fernsehstar gewohnt wortgewaltig unter die Leute bei der Beatmesse in der evangelischen Johanneskirche von Sülz-Klettenberg.


Der Zusammenhang zwischen Show-Business und katholischer Liturgie
Dort trat Schmickler als Prediger auf. „Mut zum Glauben“ hatte ihm Pfarrer Ivo Masanek als Thema vorgegeben. Aber dieser Mut war für Schmickler offensichtlich schwer aufzubringen. Allein schon die Begrüßung „seiner“ Gläubigen wies darauf hin, was die in der kommenden Viertelstunde zu erwarten hatten. „Liebe Gläubige, liebe Scheinheilige, Hadernde, Schwankende, Zögernde, liebe Profis im Glauben und liebe Laien“, begann Schmickler seine Ausführungen und überraschte mit dem Geständnis, in frühester Jugend als Vorleser in einer katholischen Gemeinde tätig gewesen zu sein – sehr zur Freude seiner „Tante Longerich“, die bei diesen Auftritten regelmäßig Tränen der Rührung und Verzückung vergossen habe: „Soviel zum Zusammenhang zwischen Show-Business und katholischer Liturgie.“ Eine Predigt in einer Kirche sei auch für ihn eine Premiere, räumte Schmickler ein.

„Glaube ja, aber nicht an Hokuspokus“
Einen Unterschied zwischen den pastoralen Leitworten hat er allerdings schon mal vorab festgestellt: „Während die katholischen Priester ihre Gemeinde nach Lust und Laune eher wahllos zusammenstauchen, brauchen die evangelischen immer eine Bibelstelle.“ Da ihm das Auffinden einer solchen, die auch noch zum Anlass gepasst hätte, zu schwierig erschien, wandte sich Schmickler an seinen Schwiegervater, einen pensionierten evangelischen Pastor. Und der hatte beim Suchen weiß Gott keine Probleme. „Nach ein paar Tagen hatte ich so viele Bibelstellen. Ich hätte das Buch der Bücher komplett neu schreiben können“, erinnerte sich der Kabarettist. Darunter auch etliche Stellen, die Wunder beschreiben, die Jesus gewirkt habe. „Ja, ja“, ereiferte sich Schmickler: „Blinde sehen, Lahme gehen und die wundersame Brot- und Fischfabrik. Das ist doch alles Mumpitz!“ Diese „Taschenspielertricks“ habe Jesus nicht nötig gehabt. „Glaube ja, aber nicht an Hokuspokus“ empfahl Schmickler der Gemeinde. Und mit den Wundern tue sich ja noch nicht einmal die katholische Kirche sonderlich leicht. Das sehe man aktuell bei dem Versuch, Johannes Paul II. heilig zu sprechen, wofür man Wunder nachweisen müsse, die man ihm zuschreiben könne: „Da wühlen die jetzt seit Monaten in der Wunderkiste und finden nichts. Na ja, das ist ja wohl auch kein Wunder.“

„Ein ganzes Volk ertrinkt im eigenen Angstschweiß“
Und wo blieb die Zeitansage? Kein Problem für Schmickler: „Die Kirchen wetteifern im Moment mit den Gewerkschaften um die höchsten Austrittszahlen.“ Und Christus hielten viele für einen amerikanischen Verpackungskünstler. Angst präge die gesamtgesellschaftliche Befindlichkeit, „Angst vor orientierungslosen Sondereinsatzkommandos und freilaufenden FDP-Vorsitzenden“. Ein ganzes Volk ertrinke im eigenen Angstschweiß, Geiz sei geil, „und wer nicht zahlen kann, der ist als nächster dran“. Orientierungslos seien natürlich auch die, die über die Müllhalden irrten, ihr Leben lang auf der Suche nach dem ultimativen „Dauerniedrigpreis“.

„Die kleinste Einheit des Menschen ist zwei“
Und die Kirchen? Typisch sei der Dialog: „Grüß Gott.“ „Gern. Aber welchen?“ Die Wege seien so verschieden wie nie zuvor. Früher hätte es geheißen „Katholisch oder Scheiterhaufen“. Da sei die Wahl eher leicht gefallen. Und heute? „Stellen Sie sich mal vor, Sie glauben daran, in den Himmel zu kommen. So mit Manna und Hosianna, das volle Programm. Und dann werden Sie wiedergeboren – als Pillendreherkäfer. Das wäre doch ein Flop sondergleichen.“ Einen ähnlichen Flop könnten laut Schmickler im Übrigen auch die muslimischen Gotteskrieger landen, wenn sie nach ihren Selbstmordattentaten auf das Paradies hofften. Schwierig sei es natürlich, sich auf eine Religion zu einigen, wenn jeder etwas anderes glaube: „Einer reicht nicht für eine Messe, erst recht nicht für eine Prozession.“ Man müsse mit einer ausgefeilten Marketingstrategie um Mitstreiter werben. „Ich glaube gern! Wer’s glaubt, wird selig. Heute schon geglaubt?“ seien passende Slogans. Auch eine TV-Show würde das Vorhaben stützen, vielleicht mit einen Titel, der die Quote fördere und gleichzeitig Spannung aufbaue, wie etwa „Einer wird dran glauben!“ Sein eigentliches Credo verkündete Schmickler am Ende der Predigt in drei Sätzen: „Glauben Sie doch, was Sie wollen. Hauptsache, Sie glauben nicht, dass Sie es alleine schaffen. Die kleinste Einheit des Menschen ist zwei.“

Mit tosendem Applaus bedankten sich die 500 Gäste für den engagierten Vortrag. Dann nahm die Beatmesse ihren gewohnten Gang (seit 1979 gibt es sie – immer kommen ein paar hundert Menschen in die Kirche). Für die Liturgie der – wie immer ökumenischen – Beatmesse-  zeichneten die Pfarrer Ivo Masanek und Jürgen Dreyer sowie der Dominikanerpater David Michael Kammler verantwortlich, die Band „Ruhama“ sorgte für die musikalische Begleitung.

    

Text: Rahmann
Foto(s): Ruhama