"Dies ist eine Zeit, die nach Theologie ruft" - Prof. Dr. Wolfgang Huber in der Melanchthon-Akademie Köln



„Heute und hier über Nächstenliebe reden“ – Prof. Dr. Wolfgang Huber ruft zu öffentlicher Theologie auf

Klimawandel, Digitalisierung, Flüchtlingskrise, Rechtsruck – 50 Jahre nach „1968“ ist es in Deutschland wieder unruhiger geworden. „Dies ist eine Zeit, die nach Theologie ruft“, lautete dann auch folgerichtig das Fazit von Prof. Dr. Wolfgang Huber im Saal der Melanchthon-Akademie Köln. In seinem Vortrag „Protest und Protestantismus: 1968 und 2018“ widmete er sich vergangenen Dienstag der Frage: „Wie kann Theologie öffentlich wirken?“

Einen detaillierten Überblick über die Geschichte verband der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende dabei mit dem steten Blick in die Gegenwart. Immer wieder mischte sich die Evangelische Kirche seit den 1960ern in den politischen Diskurs ein und beeinflusste die Geschichte dadurch entscheidend. So zum Beispiel durch die Ostdenkschrift des Kirchentags 1965, die die spätere Entspannungspolitik vorbereitete, und die späteren Friedensdenkschriften. Oder später die friedlichen Proteste in der DDR, an denen die evangelische Kirche der DDR maßgeblich beteiligt war. Die Einmischung geschah einerseits durch solche Denkschriften und konkrete Mitarbeit, wie etwa an den runden Tischen, die nach dem Mauerfall die Zukunft der DDR berieten – andererseits als Beteiligung am öffentlichen Diskurs, in Form von breitenwirksamen Publikationen oder Auftritten.

Theologen müssten wieder in die Zeitungen kommen und auch vor Auftritten in Talkshows dürfe man nicht zurückschrecken, forderte Huber. Welches Thema im Mittelpunkt stehen solle, war für ihn klar: „öffentliche Theologie, das heißt, heute und hier über Nächstenliebe zu reden“. Größte Aufgabe sei es dabei, sich wieder stärker an den alltäglichen Situationen der Menschen zu orientieren, statt sich auf allgemeine theologische Aussagen zurückzuziehen.

Die Willkommenskultur von 2015 in vielen Evangelischen Gemeinden war für Huber eine wichtige und große Erfahrung und für ihn persönlich „unvergesslich“. Die theologische Kommentierung von kirchlicher Seite nannte er dagegen „hoch problematisch“. Nächstenliebe könne nicht unbegrenzt verfügbar sein, sondern müsse sich nach den drängendsten Nöten und der Leistungsfähigkeit des Helfenden bemessen. Das werde im Gleichnis vom barmherzigen Samariter illustriert. Dort laute die Frage nicht „War der, der unter die Räuber gefallen war, ein Nächster?“, so Huber, sondern umgekehrt „Wer ist ihm zum nächsten geworden?“.

Für Wolfgang Huber leitete sich daraus die Frage ab: „Wem können wir zum Nächsten werden?“ Antworten darauf müssten sozialethisch präzisere priorisierte Unterscheidungen treffen, anstatt pauschal auszufallen. So könne man die sogenannten „Protestwähler“ wieder erreichen, ohne sich in irgendeiner Weise mit den Zielen der AfD gemein zu machen: „Natürlich muss man menschenverachtenden Ideologien mit Klarheit entgegentreten. Natürlich müssen rote Linien gezeigt werden“, machte Huber deutlich. Evangelischer Protest im Jahr 2018, ließ Huber durchblicken, müsse sich von links wie von rechts gleichzeitig abgrenzen. Kirchen und Gemeinden sollten die Menschen dazu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen – „für sich selbst und für andere“.

Text: Felix Eichert
Foto(s): Felix Eichert