Friedrich Schorlemmer in der Melanchthon-Akademie

Friedrich Schorlemmer in der Melanchthon-Akademie

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Grenzen überwinden“ sprach der Publizist und Pfarrer Friedrich Schorlemmer in der Melanchthon-Akademie des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region über „Das Erbe der Bürgerbewegung im vereinten Deutschland“. Am 9. November, in den Geschichtsbüchern als Datum des „Mauerfalls“ verzeichnet, fiel noch keine deutsch-deutsche Grenze. Die Grenzen, die ihnen der SED-Staat in Meinungsäußerung, Information und politischer Beteiligung setzte, hatten die DDR-Bürgerrechtler und alle, die im Herbst 1989 auf die Straßen gingen, damals bereits überwunden. Schorlemmer, in den 70er und 80er Jahren Studentenpfarrer in Merseburg und Dozent am Predigerseminar in Wittenberg, gehörte zu den „streitbaren Protestanten“, die in der Kirche jahrelange Vorarbeit geleistet hatten. Aber was ist davon noch übrig, was zeichnet Bürgerbewegungen aus und welche Aufgaben gibt es heute für sie? Schorlemmer sprach in der Evangelischen Erwachsenenbildungsakademie Kölns über eigene Erfahrungen, seine Vorstellungen von heutigen Bürgerbewegungen und geizte nicht mit Anekdoten.

Bürger brauchen Brot und Freiheit
„Ich bin sehr froh, dass Sie mich nicht als ehemaligen Bürgerrechtler vorgestellt haben“ würdigte der Gast des Abends die Anmoderation von Pfarrerin Dorothee Schaper, in der Melanchthon-Akademie unter anderem für die interreligiöse Begegnung zuständig. „Ehemalig hieße, man wäre nie einer gewesen“. „Bürgerlich“ – im SED-Staat ein Schreckwort – definierte Schorlemmer als einen Zustand, in dem die individuellen Rechte auf Freiheit und soziale Sicherheit gewahrt blieben; ganz im Sinne des Existenzialisten Albert Camus, der die Freiheit in Gefahr sah, wenn Menschen kein Brot mehr hätten – und umgekehrt.
Schorlemmers Rückblick auf 20 Jahre Deutsche Einheit fiel bildreich und polemisch aus: „Es wurde Wunderbares geleistet. Aber hinter mancher schönen Fassade gähnt der Leerstand, gut ausgebildete junge Frauen ziehen weg, doofe Männer, leicht entflammbar von rechts, bleiben“. Im Westen dagegen bleiben Kommunistenangst und Antikommunismus – als würde die Mauer noch existieren. Versäumt wurde, so Schorlemmer, das gemeinsame Bekenntnis zum Grundgesetz durch die Bevölkerung beider Staaten bei der Wiedervereinigung ebenso wie die Ausarbeitung einer gemeinsamen, neuen Verfassung nach Artikel 146 des Grundgesetzes.

„Ohne den 9. Oktober kein 9. November“
Unsentimental gab sich Schorlemmer in seinem Rückblick: „Ich komme aus einem Land mit viel Anpassung und ein bißchen Widerstand“. Umso gewaltiger war das Erlebnis des 9. Oktober 1989, als rund 70.000 Menschen auf der Montagsdemonstration durch Leipzig zogen. Dass kein Schuss fiel und das Geschehen nicht eskalierte, „kann man erklären – letztlich war es ein Wunder“ist Schorlemmer überzeugt. Dass es nicht gelungen ist, den 9. Oktober als Feiertag und Tag der „Peripetie, des Umschwungs“ zu etablieren, bedauert er bis heute. „So einen gewaltigen, gewaltlosen Aufbruch gibt es nur alle 500 Jahre. An diesem Tag war ich stolz auf ein Volk, zu dem ich gehörte, und das bisher wenig Anlass dazu geboten hatte.“ Der Stolz sei Lohn der Angst gewesen: „Man ging dahin, ungewiss, wieder nach Hause zu kommen“. Einen Umschwung markierte der 9. Oktober nicht nur für die DDR-Staatsmacht, die vor den Massen kapitulierte, sondern auch innerhalb der Bürgerbewegung, die damals zur Volksbewegung wurde.

Unerledigtes Erbe
Bürgerrechte, so Schorlemmers Fazit aus dem Geschehen vom Herbst 1989, sind etwas, was man einfordern müsse. Aus seinem Bedauern über ehemalige Mitstreiter, die so „an der Vergangenheit hängen, dass sie nicht sehen, was heute notwendig ist“, machte Schorlemmer keinen Hehl. „Ich hätte gerne von DDR-Bürgerrechtlern einen Satz über Guantanamo gehört“, brachte er seine Erwartung auf den Punkt, begleitet von Applaus. Der „Kriterienkatalog“ für heutige Bürgerbewegungen, den er anschließend präsentierte, fiel kurz und bündig aus: Der Einsatz gelte Brot und Freiheit, sozialer Sicherheit und individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, gleichermaßen. Feuilletonklischees, wonach Ostdeutsche eher die Gleichheit als die Freiheit wählten, weil sie Freiheit nicht gewohnt seien, widersprach er energisch, zeigte aber Verständnis für „Rückwärtsgewandte“: „Wenn ich auf der Straße beschimpft werde `Sie sind schuld, dass ich keine Arbeit mehr habe´ ist das ein Aufschrei, der Stolz des einfachen Menschen, der gerne arbeiten möchte“.

Einmischen und Mitmischen
Zivilcourage sei eine Haltung für Bürgerrechtler, die sich lohne, denn „Mut steckt an“. Das Bestreben nach friedlicher Konfliktlösung, die Friedfertigkeit in „Herz, Hand und Zunge“, ist von Martin Luther King inspiriert, bewährte sich aber bei eigenen Aktionen: „Wir hatten die Gewaltlosigkeit eingeübt, aber wussten nicht, dass es ernst werden könnte.“ Im Sinne der Grenzüberschreitung lobte er dabei auch die polnischen Nachbarn, die gut vorgearbeitet hätten. „Polen ist, wenn es darauf ankommt, die Freiheit wichtiger als das Schnitzel“. Ein „Homo politicus“, der ein Bürgerrechtler sein wolle, schätze aber trotzdem das Private. „Revolutionäre, die nicht genießen können, sind die Schlimmsten“. Heiterkeit im Publikum erzeugte die Anekdote einer leidenschaftlichen Köchin, die sogar noch über das Fischsterben dozierte, wenn sie ihre schmackhafte Forelle servierte. Die Fähigkeit, Globales und Lokales in Denken und Handeln zu verbinden, solle ein Bürgerbewegter dennoch besitzen, Einmischen und Mitmischen, bei NGOs oder attac, sei unerlässlich, verbunden mit der Hoffnung, dass die Welt veränderbar sei. „Ein Bürgerrechtler will weiter stören“ wandelte Schorlemmer Enzensbergers Gedicht „Wenn nur die Leut´nicht wären“ ironisch ab. Utopien brauche der Bürgerrechtler trotzdem – auch wenn diese bei Hexenverbrennung und Gulag missbraucht wurden. Last but not least bleibt der Wert des Einzelnen für Schorlemmers Bürgerrechtsverständnis unersetzlich. Orte der Bürgerbewegung sollten nicht zuletzt die Kirchen sein, in denen auch zu DDR-Zeiten herrschaftsfreie Diskussionen möglich waren.

Stuttgart 21 und Gorleben
Beeindruckt zeigte sich das Publikum, überwiegend Vertreter älterer Jahrgänge, von Schorlemmers Zitierfreudigkeit von Albert Camus über Reiner Kunze und Hans Magnus Enzensberger bis zu Martin Luther. Für die Belesenheit der DDR-Bürger fand der Bewunderte schnell Erklärungen „Die Zeitungen waren so schlecht. Wir verdanken dem „Neuen Deutschland“ dass wir soviel gelesen haben“. Die Fragen des Publikums galten dem Verbleib und den Aktivitäten von Schorlemmers damaligen Mitstreitern, seiner Einstellung zu Stuttgart 21 und dem Umgang mit Stasi-Unterlagen. „Manche sind mit Glück in ihren Beruf zurück gegangen, andere gingen bewusst nicht in die Politik. „Da war es schade um manches Talent“ erinnerte Schorlemmer dabei an den Leipziger Pfarrer Christian Führer, der bei der Arbeit an der Basis blieb. Gestritten wurde in der Melanchthon-Akademie kaum, auch eine Nachfrage zu seiner Absage an den ökumenischen Kirchentag beantwortete Schorlemmer routiniert. „Ich gehe zum Abendmahl nicht als Demonstration, sondern weil ich mich von katholischen Christen einladen lassen will“ bekräftigte er seine Haltung.

Friedrich Schorlemmer,
Jahrgang 1944, war Vikar und Studentenpfarrer 1971 bis 78 in Merseburg, von 1978 bis 1992 Dozent am Predigerseminar in Wittenberg, Schlosskirche, danach bis 2007 Studienleiter der Evangelischen Akademie in Wittenberg. In den siebziger und achtziger Jahren war er in der Friedens-, Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung der DDR aktiv. Heute ist er SPD-Mitglied.

Text: Annette v. Czarnowski
Foto(s): avc