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Zwei Leben“ – Samuel Koch liest aus seinem Buch

Schon seit Wochen war die Immanuelkirche der Evangelischen Brückenschlaggemeinde Köln-Flittard-Stammheim bis auf den letzten der 350 Plätze ausverkauft. Zwei dicke Freunde hatten sich angekündigt. Zunächst spielte Samuel Harfst mit seiner Band zwei Lieder. Denn herrschte atemlose Stille im Kirchraum, als Samuel Koch mit seinem Rollstuhl aus den Kulissen auf die kleine Bühne fuhr und sich umschaute. Schon mit seiner ersten Bemerkung – „Ganz schön schön hier“ – brach er das Eis und hatte fortan immer wieder die Lacher auf seiner Seite.

Zwei Freunde auf Tournee
Der Sänger Harfst und der Schauspieler Koch, der seit einem Unfall in der Fernseh-Show "Wetten, dass…?" vom Hals ab gelähmt ist, haben sich im Krankenhaus kennengelernt. Harfst hatte Koch während dessen Klinikaufenthalts in der Schweiz spontan besucht. „Wir waren damals in der Gegend auf Tour“, erinnerte sich Harfst. „Da bin ich einfach mal vorbeigekommen und habe ein paar Lieder gespielt.“ Bei späteren Besuchen hat er auch seine Frau mitgebracht. Man fand sich sympathisch. "Danach haben wir uns aber wieder aus den Augen verloren, weil jeder viel zu tun hatte", erzählte Koch. Wenn man sich doch mal traf, habe man gewitzelt: "Wir hätten wohl nur Zeit miteinander, wenn wir gemeinsam auf Tour gehen". Viele Leute hinter den Kulissen hätten dafür gesorgt, dass aus dem Witz Ernst wurde. Harfst und Kock sind auf Deutschland-Tournee mit einer Konzertlesung. Harfst präsentiert Lieder von seinem neuesten Album „Schritt Zurück“, Koch liest aus seinem Buch „Zwei Leben“.

Ein Leben lang geturnt
In seinem Buch berichtet Koch von seinem Leben vor und nach dem Unfall. Nach der Schule gestaltete sich die Berufsfindung alles andere als leicht. Die Spanne der angedachten Möglichkeiten reichte von Artist bis zum Physik-Studium auf Lehramt. Als Kind und Jugendlicher hatte Koch Leistungsturnen betrieben. „Die Aufnahmeprüfung an der Sporthochschule habe ich vergeigt, weil ich bei einer Turnübung einen Strecksprung vergessen habe. Ausgerechnet ich“, bekannte Koch freimütig. „Hattest Du nicht auch Kontakt zum Cirque de soleil?“, fragte Harfst seinen Freund. „Ja, das stimmt. Die schauen sich bei den Wettkämpfen immer wieder Turner an, weil man die gut verformen kann für all den Blödsinn, den die in ihrem Zirkus machen wollen“, berichtete Koch. Auf eigene sportliche Aktivitäten angesprochen, gab sich Harfst zurückhaltend. „Ich habe sehr spät zum Fußball gefunden. Das merkt man.“ Und während sich Harfst als mäßig begabten Tänzer beschrieb, erzählte Koch von den fünf Tanzschul-Kursen, die er in seiner Jugend absolviert hat. Er bot Harfst eine Wette an: „Wenn Du auf der Bühne perfekt Rock'n Roll tanzst, werde ich anschließend ein Lied singen.“ An diesem Abend kam es weder zu dem einen noch zu dem anderen.

Ein Leben lang im Rollstuhl
2010 entdeckte Koch die Schauspielerei für sich und wurde Schauspielschüler: „Ich war begeistert von der Möglichkeit, Menschen zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Ich war endlich angekommen. 2010 schien das glücklichste Jahr meines Lebens zu werden.“ „Damals habe ich noch Straßenmusik gemacht“, erzählte Harfst. Im Dezember versuchte Koch mit speziellen Sprungstiefeln in der Fernsehschow „Wetten, dass…?“ nacheinander über fünf Autos zu springen, die im entgegen fuhren. Das vierte, ein von seinem Vater gesteuerter Audi, wurde ihm zu Verhängnis. Er stürzte und blieb regungslos liegen. „Es gab keinen festen Moment des Aufwachens“, schilderte Koch die erste Zeit, an die er sich erinnert. Und weiter: „Alle Scheiben meines Krankenzimmers waren verdunkelt. Später sagte man mir, dass man mich so vor Pressefotografen schützen wollte. Man nannte mich Simon Schmitz, um Journalisten zu täuschen. Das war also mein neues Leben. Nicht einmal meinen Namen hatte man mir gelassen. Die Behandlungen waren so schmerzhaft, dass ich in Ohnmacht fiel. Langsam dämmerte mir, dass ich aus dieser Nummer nicht glimpflich herauskommen würde. Dann begannen meine Diskussionen mit Gott. Verfolgt der einen ganz anderen Plan mit mir? Und wie sieht der aus?"

Niemals aufgeben
"Ich denke viel über Glück nach“, erzählt Koch. „Glück ist die Brille, die man verzweifelt sucht, während sie einem auf der Nase sitzt“, entgegnete Harfst. „Ich habe letzte Woche bei ,Siedler von Catan' gewonnen. Da habe ich auch Glück gespürt“, sagte Koch. „Und ich kann meinen Kopf selbst halten. Und ich kann einen Zeh bewegen. Mein Bruder Jonathan hat das bewegende Schauspiel gefilmt. Ich werde nicht aufgeben. Das steht fest.“ Harfst reagierte spontan: „Dann widme ich Deinem Zeh das nächste Lied: Es heißt Sehenswürdigkeitkeit.“ Das überwiegend junge Publikum war vom Auftritt der beiden begeistert und feierte vor allem Samuel Koch mit lang anhaltendem Applaus. Die Tournee der beiden Freunde ist ein großer Erfolg. Alle Vorstellungen sind ausverkauft.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann