Stadtsuperintendent Bernhard Seiger



„Zuhause ist, wo man verstanden wird“ – Weihnachtspredigt von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger

Stadtsuperintendent Bernhard Seiger hat am Heiligabend 2019 um 17:30 Uhr in der Reformationskirche in der Ev. Gemeinde Köln-Bayenthal den Festgottesdienst gefeiert. In der Predigt sprach Seiger über den Text aus Hesekiel 37, 24-28. Lesen Sie hier die Predigt von Pfarrer Bernhard Seiger:

 

Liebe Gemeinde!

Am Heiligen Abend hören wir auf Bibelworte und Lieder, die von der Sehnsucht nach Heimat und vom sicheren Wohnen sprechen. Gerade an Weihnachten spüren viele die Sehnsucht, nach Hause zu kommen. Viele erleben das, wenn sie zu den Eltern und Verwandten fahren oder Kinder zu Gast haben. Der Dichter Christian Morgenstern hat einmal geschrieben: „Man ist nicht dort zuhause, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern dort, wo man verstanden wird.“

Manche sind erschöpft von der Schnelllebigkeit unserer Zeit, von den immer neuen Nachrichten. Erschöpft von immer neuen Sachständen, die uns ständig auf digitalem Wege erreichen. So vieles geschieht gleichzeitig. Und die Dinge sind im Fluss: Welche Werte gelten noch?

Einer schrieb mir zweifelnd in einem Weihnachtsbrief: „Was gilt denn noch, was Jahrzehnte Bestand hatte? Was passiert gerade in der „westlichen Welt“? Was ist mit dem Respekt gegenüber anderen Menschen?“

Ich frage mich auch: Wie ist es mit der Achtsamkeit für die Sprache und den Trend zur Verrohung? Was geschieht in unserem Land, wenn Politiker in Bund, Land und Kommune, wenn jüdische Menschen und Synagogen verbal und tätlich angegriffen werden?

Wir kennen diese Fragen. Natürlich verändert sich viel um uns her. Und auch wir selber verändern uns, oft ohne es zu merken. Dann fühlt man sich manchmal sogar fremd in eigenen Leben. Wundert es da, wenn wir Sehnsucht nach Heimat haben? Wir haben Sehnsucht nach den einfachen Dingen, nach dem Zuhause, wo man sich auskennt und wo man geschützt ist.

Heimat suchen wir auch im Weihnachtsgeschehen. So unterschiedlich und individuell unsere Gedanken sein mögen: Uns verbindet die Sehnsucht, auf dieser Erde und in verbindenden Erzählungen beheimatet zu sein. Das verbindet uns beim Hören der Weihnachtsgeschichte und mit dem Predigttext.

Im Predigttext ist von der Sehnsucht nach Heimat die Rede. Er steht im Alten Testament, beim Propheten Hesekiel, Kap. 37,24-28. Er ist dieses Jahr erstmals Predigttext für diesen Gottesdienst. Unsere Kirche hat eine Reform der Predigtexte vorgenommen und Abschnitte aus dem Alten Testament deutlich stärker berücksichtigt als bisher. So nehmen wir wahr, dass wir als Christen auf der Grundlage des Glaubens des Volkes Israel unterwegs sind. Wir nehmen wahr, dass uns die gleiche Sehnsucht und die gleiche Verheißung des Friedens verbinden.

Textlesung: Hesekiel 37, 24-28 (Luther 2017): „Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Völker erfahren, dass ich der HERR bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.“

Es gibt ein Schlüsselwort, in diesem Abschnitt: Wohnen. Viermal kommt es vor. „Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen“, schreibt der Prophet Hesekiel. „Wohnen“ – wenn es irgendein weihnachtlich-wärmendes Wort oder gar ein Wort mit Christfest-Glanz gibt, dann ist es wohl dieses: Wohnen – bleiben dürfen – zu Hause sein – ein Raum der Schonung. „Gott wird bei uns wohnen.“ Hier kann ich sein, hier kenne ich mich aus. Hier sind wir geborgen. „Die Wohnung ist unverletzlich“, sagt unser Grundgesetz und bringt damit einen uralten Menschheitstraum auf den Punkt. Wohnen und Schonen klingen zusammen. Die eigene Wohnung, die nur die Menschen betreten dürfen, die wir einlassen, ist ein hohes Gut.

Aber wer soll eigentlich nach dem Wort der Schrift im Lande Jakobs wohnen? An wen ist das Wort gerichtet, für den König David „Hirte“ sein soll? Der Prophet Hesekiel spricht im 6. Jahrhundert vor Christus das Gotteswort Menschen zu, die weit weg von ihrem Heimatland sind. Er spricht zu Menschen im Exil. Das Exil ist eine extreme Form des Heimatverlustes.

Die Worte des Propheten sprechen zu denen in der Fremde. Viele in Jerusalem hatten damals aufgrund der Verfügung der neuen babylonischen Machthaber ihre Heimat verlassen müssen und lebten oder „überlebten“ in der Fremde: „An den Wassern Babels saßen wir und weinten.“ ist so ein berühmtes Zitat aus der Zeit. „Warum ist es so weit mit uns gekommen?“ fragen die Menschen. „Wir sind hier fremd und rechtlos!“ klagen sie. Was tut der Prophet? – – – Er hat nichts als Worte.

Der Prophet setzt der Unzufriedenheit der Exilanten Gottes Verheißung entgegen: „Sie sollen wieder im Lande wohnen. Es wird eine Rückkehr geben – ‚für immer‘. Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle.“

Da berührt sich die Geschichte mit der vertrauten Weihnachtsgeschichte: Maria und Joseph und das Kind unterwegs ohne feste Bleibe. Der Stall als Geburtsort: Ein Ort des Exils, weit weg von irgendeiner Ortsmitte und irgendeiner Form von äußerer Sicherheit. Gottes Gegenwart wird überraschend spürbar in dieser verletzlichen Situation. „Sie sollen wieder im Lande wohnen. Es wird eine Rückkehr geben – ‚für immer‘. Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle.“ Das sind Sätze in Überschwang, im Übermut eines großen Festes: „Jetzt -, jetzt gehen wir alle zu mir nach Hause“, spricht der Gastgeber. – So als würde Gott sein ganzes Volk umarmen: „Ihr werdet alle Zukunft haben, es kommen alle frei, ihr kommt alle nach Hause! Keiner geht verloren, ihr seid alle wichtig für mich.“

Und weiter sagt das Gotteswort „Ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen‘. „Frieden, Schalom, Wohnen“, diese wunderbar weihnachtlich-glänzenden Worte, bringen eine gemeinsame Lebenswelt mit sich. In eine „Welt in Bewegung“ wird Hoffnung auf das Verlässliche gebracht.

Wir wollen die Friedenszeichen dieses Abends und dieser Tage achten! Jedes Licht im Fenster, jeder Weihnachtsbaum spricht es doch aus: Wir haben viel mehr gemeinsam als wir denken. Auch viele andere hört die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ und wollen sich an ihr orientieren. Sie sagt an, was uns Menschen aufgetragen und weiterbringt: Nicht dumpfen Tönen das Feld überlassen, sondern Gottes Verheißung des Friedens vor Augen haben. Denn Gott spricht leise. Im Kind in der Krippe und in den Trostworten in der Fremde. Diese Worte gelten uns und diese Worte hören Menschen auch in Washington und London und Paris und Moskau.

‚Ich will unter ihnen wohnen‘, diese alte, zuallererst Israel gehörende Verheißung, wird durch die Weihnachtsbotschaft ausgeweitet auf alle Menschen: Gottes Glanz und sein Schalom sind schon spürbar in diesem Kind. Wer immer dieses Kind aufnimmt, kann mit ihm Frieden finden! Und „Heimat für immer“.

Vorstellbar ist es schon, dass diese Erde ein Lebensraum für alle wird und bleibt, wenn wir das Ganze im Blick haben. Unser missbrauchter Planet soll auch künftigen Generationen noch das Gefühl von Heimat geben können. Aber er wird es nur können, wenn wir alle aufhören, uns zuerst um uns zu drehen.

Kinder und Enkelkinder sind darauf angewiesen, dass wir im Umgang mit unserer Erde eine neue Form von Demut lernen. Eine Form von Demut, die ein Auge für die Verletzlichkeit des Lebens und von Gottes Erde hat. Demut: Wir sehen sie an der Krippe. Gott selbst wird so demütig, dass er sich auf Futtertrog und Windeln einlässt. Wer sich an der Demut Gottes orientiert, wird achtsam.

Christus, das Kind in der Krippe, weiß, was uns fehlt. Nichts Menschliches ist ihm fremd. In seiner Nähe finden wir Frieden. Frieden und eine Wohnung, die bestehen bleibt in allem Wandel. Und die Freude über das wunderbare Geschenk des Lebens.

Hannah Arendt hat als jüdische Philosophin, Geflüchtete und Überlebende in den mörderischen Wirren des 20. Jahrhunderts auf das Kind in der Krippe geblickt. Sie hat im Wissen um all das, was war, von der Möglichkeit des Vertrauens geschrieben. Sie schreibt: „Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten …. ‚Uns ist ein Kind geboren.‘“ Amen.

Text: APK
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