Zehn Jahre Menschensinfonieorchester  – Interview mit Hans Mörtter

Zehn Jahre Menschensinfonieorchester – Interview mit Hans Mörtter

Das Menschensinfonieorchester ist ein "Kind" der evangelischen Lutherkirche in der Kölner Südstdt. Und es ist deutschlandweit einzigartig: Seit zehn Jahren spielen hier Obdachlose und professionelle Musiker sowie nicht-obdachlose Hobby-Musiker zusammen. Zum Jubiläum ein Interview mit Lutherkirchen-Pfarrer Hans Mörtter.

Pfarrer Mörtter, das Menschensinfonieorchester wird in diesem Jahr zehn Jahre alt. Was ist das Menschensinfonieorchester, und wer hatte damals die Idee zur Gründung?
Mörtter: Das Menschensinfonieorchester bringt wohnungslose Musiker mit Profi-und Hobby-Musikern zusammen. Zur Zeit spielen 18 Leute im Orchester. Davon etwa die Hälfte von Anfang an. Die Idee hatten Alessandro Palmitessa und ich. Alessandro ist Klarinettist, Saxophonist und Komponist und hatte schon vorher in anderen Projekten die Erfahrung gemacht, dass die Zusammenarbeit von Outlaws in der Gesellschaft und anderen kulturell interessierten Menschen sehr gut funktionien kann. Ich konnte meine Erfahrungen mit Straßenmusikern aus meiner Zeit in Kolumbien einbringen.

Pfarrer Hans Mörtter

Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit dem Orchesterleiter organisiert.?
Mörtter: Wir ergänzen uns, glaube ich, ideal. Alessandro ist für alles zuständig, was mit der Musik zusammen hängt, ich für alles, was mit den Menschen zu tun. Außerdem kümmere ich mich um das Finanzielle.

Gibt es denn Leute im Orchester ohne ein Dach über dem Kopf?
Mörtter: Einige haben die Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit, wie man heute sagt, erlebt. Aber lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, mit einem Klischee aufzuräumen: Die angeblich so ,große Freiheit’ der Obdachlosen ist scheiße. Oder ist es etwa ,große Freiheit’, wenn man abends im Volksgarten zusammengeschlagen wird? Die, die heute wohnungslos werden, haben eigene Überlebensstrukturen, ein eigenes System zu überleben. Sie übernachten zum Beispiel bei Freunden und Bekannten. Mal hier, mal da. Hauptsache, es ist warm, trocken und sicher. Fritz, der – und das ist ihm wichtig – immer hinter seinem selbst gebauten Teekistenbass steht und niemals auf der Bühne sitzt, hat sich vor 30 Jahren entschieden, in einem Bauwagen zu leben. Dort verwirklicht er seinen Traum von der Unabhängigkeit.

Gibt es so etwas wie Leitgedanken für das Menschensinfonieorchester?
Mörtter: Menschen klingen miteinander. Die Band ist ein Klangkörper. Jedes Instrument ist willkommen. Wir sind von der Unterscheidbarkeit eines jeden Menschen überzeugt. Wir wollen nicht integrieren im herkömmlichen Sinn des Wortes. Wir achten die Würde eines jeden Menschen. Das reicht völlig. Nehmen Sie unseren Percussionisten Marcel. Der hat eine leichte geistige Behinderung. Guildo Horn hat ihn uns empfohlen. Marcel geht mit seiner Behinderung ganz selbstverständlich und total locker um. Und natürlich ist er im Orchester wie jeder andere anerkannt. ,Wir haben kein Ziel, das nicht dein Ziel ist’, haben wir für uns ganz allgemein formuliert. Wir haben nur ein Ziel: Wir wollen immer besser werden. Eines gilt aber unmissverständlich: Einen trinken kann man nach dem Auftritt oder nach der Probe: Niemals vorher, sonst fliegt man raus.

Nur ein kleiner Ausschnitt.... 18 Musikerinnen und Musiker spielen im Menschensinfonieorchester.

Wie sieht der Alltag des Menschensinfonieorchesters aus?
Mörtter: Einmal pro Woche gibt es die große Probe. Die ist immer donnerstags. Dann gibt es natürlich Extraproben vor den Konzerten. Im vergangenen Jahr hatten wir 16 Auftritte. Das ist natürlich zu wenig. Von der Mitleidskiste haben wir uns inzwischen verabschiedet. Wir nehmen 2000 Euro für ein ,Vollkonzert’. Für 18 Musiker und Musikerinnen ist das lächerlich wenig. Wir betrachten die Kohle als Anerkennung für eine gute Leistung. Natürlich lassen wir mit uns handeln, wenn wir sehen, dass der Veranstalter wenig Geld hat und eine gute Sache macht. Aufgetreten sind wir schon in Prag, Mainz, Trier und viel im Ruhrgebiet. Wir brauchen im Jahr 24.000 Euro für das Orchester. 12.000 Euro bekommen wir von der Dr.-Peter-Deubner-Stiftung. 6000 Euro schießt der Verein Südstadtleben dazu, der Träger des Menschensinfonieorchesters ist. Den Rest muss ich zusammenkötten. Aber: Wenn ein Projekt gut ist, finde ich auch jemanden, der bereit ist zu spenden.

Wie sieht die Zukunft des Menschensinfonieorchesters aus?
Mörtter: Wir brauchen mehr Auftritte. Interessanterweise werden wir häufig im Ruhrgebiet gebucht. Da sagen die Leute: Ist ja klar, so was Verrücktes kann nur in Köln entstehen. In Köln selbst sind wir aber leider viel zu selten zu sehen. Das Menschensinfonieorchester ist auf den Bühnen der Stadt noch nicht angekommen. Und den Kirchengemeinden sind wir wohl zu teuer. Vielleicht sollten wir uns ein bisschen mehr auf das Umland konzentrieren. In der Eifel spielen wie Bap zu Beginn des Erfolgs. Dabei müsste die Stadt doch stolz auf uns sein. Schließlich prägen wir mit unseren Auftritten auch ein Stück weit die Außenwahrnehmung von Köln. Statt dessen spielen bei den städtischen Großveranstaltungen immer die gleichen Bands. Warum eigentlich? So gut wie die Höhner sind wir auch!