„Wortlos schildern“: Ausstellung anlässlich 500 Jahre Reformation und 300 Jahre Evangelische Kirche in Frechen



„Wortlos schildern“: Ausstellung anlässlich 500 Jahre Reformation und 300 Jahre Evangelische Kirche in Frechen

Ja, sie ist wort- und schriftlos, die Ausstellung in der Evangelischen Kirche in Frechen. Doch sind die Bilder keineswegs stumm. Mit ihren Stangen können sie wie Schilder gehalten werden. Schilder, die darlegen. Schilder, die auf etwas hinweisen. Schilder, mit den sich auch aufgrund ihrer Zahl und Anordnung viele Gedanken verknüpfen.

Vielschichtig fällt die Rauminstallation „wortlos schildern” aus. Sie ist die zwölfte von insgesamt 17 Veranstaltungen, die die Evangelischen Kirchengemeinde Frechen anlässlich von 500 Jahre Reformation und 300 Jahre Evangelische Kirche in Frechen durchführt. Bis zum 31. Oktober kann sie besichtigt werden. Urheber der Ausstellung sind Rose Schreiber und Michael Mayr. Das Frechener Künstlerpaar war zum doppelten Jubiläum von der Gemeinde mit der Entwicklung einer im Juli vorgelegten Kunstedition und Ausstellung beauftragt worden.

Das hohe Gut der Meinungsfreiheit und -vielfalt
Die Präsentation ist nicht allein das Ergebnis des Dialogs von Schreiber und Mayr mit dem Kirchenraum. Ebenso fließen ihre Auseinandersetzungen mit der Historie der Kirchengemeinde, mit der Geschichte der Reformation und deren Verhältnis zur Kunst ein. Zufall oder nicht – die Eröffnung der Ausstellung erfolgte am Wahlsonntag. Für Schreiber und Mayr war dies „ein Geschenk des Himmels“, denn ihre Gemeinschaftsarbeit will durchaus politisch verstanden werden. Diese thematisiert „das hohe Gut“ der Meinungsfreiheit und -vielfalt, den Wert des „freien Wortes“ – in kleineren wie größeren Gemeinschaften und Zusammenhängen.

Gewandelte Bedeutung von Kunst
Dabei geben Mayr und Schreiber keine Richtung vor. Stattdessen inspirieren sie und stoßen Fragen an. Mit zahlreichen Zitaten aus der Kunstgeschichte spannen sie einen zeitlichen wie inhaltlichen Bogen. Mit Anklängen an Werke bekannter bildender Künstler wie Michelangelo, Kandinsky, Pollock und Richter gehen sie auf individuelle Schöpfungen ein. Zugleich weisen sie auf Kunstepochen und -stile hin, lassen so etwa über die gewandelte Bedeutung von Kunst seit der Reformation nachdenken. Über das Leben mit Kunst, über veränderte Bildinhalte und -sprachen. „Wie wirken Bilder? Was hat sich in der 500-jährigen Geschichte nach Martin Luther getan, auch in der Kunst?“, fragen beide.

„Kunst ist heute frei und unabhängig“
„Hat die Reformation das Bild in den Dienst der Predigt und der Gemeinde gestellt, beginnt mit ihr zugleich die Zeit der Loslösung, der Emanzipation der Künstler von kirchlichen Auftraggebern“, erläuterte Pfarrerin Almuth Koch-Torjuul bei der Eröffnung. „Kunsthandwerk und Malerei änderten sich, alleine schon, indem sich mit dem Prozess der Säkularisierung und der Entstehung einer bürgerlichen Lebensform die Auftraggeber änderten. Kunst ist heute – jedenfalls theoretisch und dem Anspruch nach – frei und unabhängig. Weder religiösem Bekenntnis verpflichtet, noch einer kirchlichen oder staatlichen Autorität.“

Gezielte Positionierung und Anordnung
Nichts ist zufällig in dieser Präsentation. Nicht die Positionierung der drei zentralen Gruppen im Altarraum, neben der Kanzel und unter der Orgelempore. Nicht die Anordnung der einzelnen Arbeiten, die sich innerhalb der Laufzeit verändern wird. Manches rückt in den Vordergrund, anderes tritt zurück. Die Schilder lehnen aneinander, stehen auch auf der Seite oder auf dem Kopf. Damit verweisen Schreiber und Mayr auf die Bedeutung von Gemeinschaft und Solidarität. „Es geht um das Verständnis füreinander – in der Gemeinde und in der Gesellschaft“, so das Künstlerpaar.

Bilder mit Figurinen
In fast allen von Mayer in Acryl auf Leinwand gemalten 62 Schildern finden sich von Schreiber geschnitzte kleine Menschendarstellungen. Diese Figurinen erscheinen mal „vollständig“, mal als Torso, mal als Versehrte. Sie treten individuell, in unterschiedlichen menschlichen Situationen und Verfassungen auf. Häufig muss man genau hinschauen, um sie zu entdecken. Mit der grau-roten Rahmung der Bilder greifen die Künstler das Motiv der Kassetten in den Kirchenbänken auf.

Bezug auf den Kirchenraum und die Gemeinde
Dieser geistreiche Bezug zum Ausstellungsort nimmt zugleich die Gemeinde und ihre einzelnen Mitglieder in das Projekt mit hinein. „Jede Kassette ein Sitzplatz, eine Position, eine Person, eine Lebensgeschichte“, formulierte es Koch-Torjuul. „Auch eine Gemeinde ist so etwas wie ein offenes Kunstwerk, in das Menschen sich mit ihren Lebens- und Glaubensweisen, mit Ansichten und Aktivitäten einbringen. Mal reihen sie sich ein, mal wird das Gewohnte gesprengt und Überholtes abgeschüttelt.“ Diese Ausstellung konzentriere den Blick noch einmal ganz auf die Kirche als Lebensort des Glaubens, dankte die Pfarrerin dem Künstlerpaar. Und sie öffne der Gemeinde die Augen ein Stück weit neu.

Die Ausstellung „wortlos schildern“ in der Evangelischen Kirche Frechen, Hauptstraße 209, ist noch bis zum 31. Oktober 2017 zu sehen. Sie kann rund um die Gottesdienstzeiten und nach telefonischer Vereinbarung (Gemeindebüro: 02234/52763 oder Küster: 02234/17682) besichtigt werden.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich