Ökumenisches Bündnis für den Frieden (v.l.n.r.): Pfarrerin Susanne Beuth (Evangelische Kirchengemeinde Köln-Klettenberg und Arbeitskreis Christlicher Kirchen in Köln), Rolf Domning (Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region), Monsignore Robert Kleine (Stadtdechant der katholischen Kirche in Köln) und Erzpriester Radu Constantin Miron (Griechisch-Orthodoxe Kirche)



„Wir weigern uns Feinde zu sein“ – sowohl im Alltag als auch in der Politik

„Ein Gottesdienst ist ja schon an und für sich eine Friedensintervention“, sagte Rolf Domning, Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbands Köln und Region, in seiner Botschaft am vergangenen Freitag im Kölner Dom. Der ökumenische Gottesdienst im Rahmen der Domwallfahrt war auch Bestandteil der Friedenstagung „Wir weigern uns Feinde zu sein!“, die Domning gemeinsam mit Stadtdechant Msrg. Robert Kleine und Vertretern des Arbeitskreises Christlicher Kirchen eröffnete. In der ersten Reihe des vollbesetzten Doms nahm auch Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, an dem Eröffnungsgottesdienst teil.

Stadtsuperintendent Rolf Domning erinnerte in seiner Ansprache auch daran, dass im Ersten und Zweiten Weltkrieg auf jedem Schlachtfeld Prediger den Krieg religiös rechtfertigten, was auch heute noch jeden Zuhörer sehr beklommen macht. „Dafür können wir uns nur schämen“, betonte Domning. Man solle heute umso wachsamer dafür eintreten, dass die Gotteshäuser Kölns nicht zu einer „Bühne des Unfriedens und des Nationalismus“ werden. „Frieden, Schalom, Salam ist die Brücke zwischen den Konfessionen und den Religionen in unserer Stadt“ und solle das „Leitwort aller Menschen guten Willens“ sein, sagte Stadtsuperintendent Domning auch mit Blick auf die Moschee-Eröffnung in Köln-Ehrenfeld mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan am folgenden Tag.

„Wir weigern uns Feinde zu sein!“, der Titel der Friedenstagung, ist ein Zitat des palästinensischen evangelischen Friedensaktivisten Daoud Nasser. Im Westjordanland betreibt Nasser das Begegnungscamp „Tent of Nations“, in dem Jugendliche unterschiedlicher Nationalität und Kultur miteinander in Kontakt kommen können.

Berichteten über ihre Praxiserfahrung: (v.l.n.r.) Pfarrer Dr. Matthias Leineweber (Kirchlicher Assistent der Gemeinschaft Sant´ Egidio), Katrin Göring-Eckardt (Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentags), Prof. Dr. Fernando Enns (Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen der Universität Hamburg), Ralf Becker (Koordinator gewaltfrei handeln e.V., AG Ausstieg Evangelische Landeskirche Baden)

„Wie kann man mit Konflikten umgehen, auf alltäglicher wie politischer Ebene?“ Diese Frage stand im Zentrum der Tagung, die gleich nach dem Gottesdienst mit einer Soirée im Domforum begann. Beide Ebenen trafen im prominentesten Gast aufeinander, der Grünen-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag Katrin Göring-Eckardt, die zugleich Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dortmund 2018 ist.

„Und diese Arschlöcher“ – dieser Halbsatz war ihr im letzten Monat in einer Bundestagsdebatte rausgerutscht. Gemeint waren die Täter der rassistischen Angriffe auf den Straßen von Chemnitz. Auch wenn die Äußerung authentisch gewesen sei, sah sie sich hinterher gezwungen, sich zu entschuldigen. Denn Göring-Eckardt ist davon überzeugt, dass eine solche Verrohung der Sprache weitere Gegenreaktionen provoziert und so nur noch weiter zur Eskalation beiträgt. „Die Frage ist, ob wir es schaffen, in der Kommunikation in dem anderen noch einen Menschen zu sehen, mit dem wir im Diskurs stehen, dem wir nicht ausweichen, oder ob uns das nicht gelingt“, begründete Göring-Eckardt ihre damalige Entschuldigung.

„Woher kann man die Kraft nehmen, in solchen Krisensituationen einem Wutausbruch entgegenzuwirken?“ Prof. Dr. Fernando Enns von der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen der Universität Hamburg und Ralf Becker vom ökumenischen Bildungsnetzwerk gewaltfrei handeln e.V. sprachen sich in der Podiumsdiskussion für eine Friedensspiritualität aus. Eine solche gelebte Glaubenspraxis sei notwendig, so Fernando Enns, um die ethische Überzeugung auch wirklich in eine Haltung zu überführen. Ralf Becker betonte, dass bei den Schulungen von gewaltfrei handeln e.V. die Spiritualität als Kraftquelle eine zentrale Rolle habe.

Der zweite Tag der Friedenstagung „Wir weigern uns Feinde zu sein!“ stand im Zeichen der sogenannten „Gewaltfreien Kommunikation“. Im Haus der Evangelischen Kirche in Köln fanden zahlreiche Workshops statt, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Konfliktbeispiele aus dem eigenen Alltag einbringen und die Methode der gewaltfreien Kommunikation erproben konnten. In vier Schritten führt sie zur Vermittlung zwischen den beiden Konfliktparteien, ohne dabei eine Eskalation zu provozieren. Im ersten Schritt soll dem Kontrahenten das Ereignis, das zum Konflikt geführt hat, so sachlich wie möglich beschrieben werden. Erst im zweiten Schritt soll dem Gegenüber mitgeteilt werden, welche emotionale Reaktion dieses Ereignis ausgelöst hat. Daraus wird im dritten Schritt das eigene Bedürfnis abgeleitet, das durch das Verhalten des Kontrahenten verletzt wurde. Der letzte Schritt ist die Bitte an das Gegenüber um eine konkrete Handlung, die zur Lösung dieses Konflikts beitragen soll.

Ralf Becker von gewaltfrei handeln e.V., der auch als Dozent einen Workshop leitete, hoffte, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dadurch auf den Geschmack kommen und sich im Alltag stärker mit dem Thema beschäftigen. Er nehme die Erkenntnis mit nach Hause, dass es auf ständiges Üben ankomme, berichtete ein Teilnehmer. Gewaltfreie Kommunikation ist keine Sache, die man einmalig lernt und dann für alle Fälle gewappnet sei. Konsequente und gemeinsame Übungen seien unumgänglich.

Die Friedenstagung „Wir weigern uns Feinde zu sein!“ fand in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Köln, dem Domforum, der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland, dem Katholischen Bildungswerk Köln und Pax Christi Köln und dem Evangelischen Kirchenverband Köln und Region statt.

Text: Felix Eichert
Foto(s): Felix Eichert