Das Frühjahrsgespräch fand unter freiem Himmel im Kasino-Garten des Hauses der Evangelischen Kirche statt.



„Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, die zum Engagement ermutigt“. Frühjahrsgespräch des Stadtsuperintendenten über Demokratie und Kirche.

Für eine Zeitansage nutzte Stadtsuperintendent Bernhard Seiger das Frühjahrsgespräch mit zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern der örtlichen und überregionalen Presse. Im Garten des Hauses der Evangelischen Kirche lautete das Thema „ Demokratie und Kirche – Kommunalpolitiker als Blitzableiter gesellschaftlicher Unzufriedenheit?“. Seiger nannte zunächst beispielhaft Kommunalpolitiker und -politikerinnen, die Opfer gewalttätiger Angriffe geworden sind. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde von einem vermutlich rechtsradikalen Attentäter erschossen. Lübcke hatte sich für eine menschliche Flüchtlingspolitik ausgesprochen. Überlebt hat der Bürgermeister von Altena, Dr. Andreas Holstein, eine Attacke. Holstein tritt ebenfalls für die Integration von Migranten ein.

Wie die Kölner Oberbürgermeisterin, die einen Tag vor ihrer Wahl an einem Infostand mit einem Messer angegriffen wurde. Henriette Reker hatte sich in ihrer Zeit als Kölner Sozialdezernentin für Geflüchtete stark gemacht. „Frau Reker hat gesagt, dass Politik mit Begegnung zu tun hat. Deshalb hat sie entschieden, sich nicht ängstigen zu lassen und weiterhin ohne größeren Personenschutz in der Öffentlichkeit aufzutreten.“ Einen Schritt weiter habe Christoph Landscheidt, Bürgermeister von Kamp Lintfort, gehen wollen. Der habe nach Bedrohungen aus rechtsradikalen Kreisen einen Waffenschein beantragt und bekomme nun polizeilichen Personenschutz.

Beunruhigende Entwicklungen

„Das alles beunruhigt mich“, sagte der Stadtsuperintendent. „Das gab es in früheren Jahren nicht.“ Die Hemmschwelle für Hass und Hetze sei deutlich gesunken. „Auf Aggressionen im Netz folgen früher oder später Taten. Erst heißt ,Das wird man ja wohl noch sagen dürfen‘ im Rahmen der Meinungsfreiheit, dann wird die Grenze zu persönlichen Beleidigungen überschritten, und schließlich kommt es zu Gewalt gegen Menschen.“ Zu den Ausschreitungen in Stuttgart erklärte Seiger: „Eine wesentliche Motivlage scheint gewesen zu sein, Polizisten zu treffen.“

Der Stadtsuperintendent hält die Proteste gegen Rassismus für unterstützenswert, lehnt aber einen Pauschalvorwurf gegen die hiesige Polizei ab. „Hier wird Vorwürfen nachgegangen, sie werden aufgeklärt und münden in Verfahren.“ Es gebe in Teilen der Gesellschaft eine große Unzufriedenheit. „Politik ist kompliziert und sehr komplex. Manche sind seelisch und intellektuell überfordert mit den Geschwindigkeiten, mit denen sich Veränderungen vollziehen. Manche verstehen politisches Handeln nicht mehr und flüchten sich in Verschwörungstheorien.“ Und die Politiker und Politikerinnen dienten als Blitzableiter.

Demokratieverständnis stärken

„Blitzableiter auf Gebäuden sollen Energie aufnehmen und ableiten, damit kein Schaden entsteht. Sie haben keine Seele“, unternahm Seiger einen kurzen Ausflug in die Physik, um dann zum Thema zurückzukehren: „In der Politik agieren Menschen mit Empfindungen, mit Ängsten. Wir dürfen die, die uns repräsentieren, diesem Hass nicht aussetzen. Wir als Kirche haben da eine Wächteraufgabe. Wer ein Mandat hat, verdient unseren Respekt und unseren Schutz.“ Seiger erinnerte an das Wort aus dem Jeremiah-Brief „Suchet der Stadt Bestes“, das etlichen Politikerinnen und Politikern als Leitwort diene. „Viele haben ja einen kirchlichen Hintergrund. Sie haben in kirchlichen Jugendgruppen Demokratie gelernt, haben gelernt, Meinungen aufzunehmen und den Diskurs zu führen. Wir als Christinnen und Christen sind gesandt in die Welt. Wir setzen uns ein für Flüchtlinge und Obdachlose, für den Erhalt der Umwelt.“

Der Stadtsuperintendent lobte das Ehrenamt, ohne das Kommunalpolitik und Gemeindeleben in der Kirche nicht möglich seien. Auf die Frage einer Journalistin, welche Menschen Politikerinnen und Politiker bedrohten, erklärte Seiger, dass diese außerhalb des demokratischen Spektrums agierten. „Aber es gibt ein breites Milieu hinter den Tätern. Manche aus diesem Milieu haben sogar einen kirchlichen Hintergrund.“ Für die katholische Kirche in Köln gelte wie für die evangelische: „Wenn Menschen von Nächstenliebe reden, ist das mit einer Nähe zu gewissen Parteien nicht vereinbar. Schweigen kann da keine Option sein. Niemals dürfen Menschengruppen abgewertet werden aus christlicher Perspektive.“

Zukunft in der kirchlichen Jugendarbeit

Für die Zukunft setzt der Stadtsuperintendent nicht zuletzt auf die kirchliche Jugendarbeit. Deren Ziel müsse die Demokratie- und Partizipationsfähigkeit sein. Aufgrund rückläufiger Mitgliederzahlen werde ein christlicher Hintergrund bei Politikern und Politikerinnen zukünftig weniger häufig vorkommen. „Wir haben da nicht mehr die breite Wirkung wie früher. Aber diese Wirkung wollen wir so gut wie möglich haben.“ Seiger erinnerte an den „sehr guten evangelischen Religionsunterricht“. Es müsse verhindert werden, dass politische Verantwortung nur noch von „hartgestählten Menschen über 60“ wahrgenommen werde, die wüssten, worauf sie sich einließen. „Der Nachwuchs macht mir Sorgen. Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, die zum Engagement ermutigt. Demokratie-Webung ist dran.“

Gemeindliches Leben braucht Nähe

Natürlich kam auch dieser Abend nicht am allgegenwärtigen Viren-Thema vorbei. „Es ist bemerkenswert, wie schnell wir auf allen Ebenen neue, meist digitale Formate gefunden und eingesetzt haben: Etwa in der Diakonieberatung und der Bildungsarbeit. Synoden wurden per Videokonferenz abgehalten, Gottesdienst im Internet gefeiert. Wir haben ganz andere Zielgruppen erreicht.  Gottesdienste haben Menschen im Netz gesehen, die sonst nie in eine Kirche gehen würden. Und wir haben kürzere Formate entdeckt.“ Das werde nicht so bleiben, sagte der Stadtsuperintendent. Gemeindliches Leben brauche Nähe. Die ersten zwei Wochen nach dem Lockdown am 15. März seien schwierig gewesen. Inzwischen laufe aber vieles so, wie man es früher gekannt habe. „Eben nur mit Maske und Abstand.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann