„Wir können unseren Klassenerhalt als Kirche sichern“: Pfarrerin Gaby Masanek verabschiedet sich in Klettenberg
Gaby Masanek hält ihre letzte Predigt in der Johanneskirche als Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Klettenberg

„Wir können unseren Klassenerhalt als Kirche sichern“: Pfarrerin Gaby Masanek verabschiedet sich in Klettenberg

Gerührt war Gaby Masanek von den stehenden Ovationen bei ihrem Abschied in der Johanneskirche. „Ich habe Ihr offenes Wort auf den Synoden immer geschätzt“, sagte Rolf Domning. Der Superintendent des Kirchenkreises Köln-Mitte gab der Pfarrerin im Gottesdienst Dank und Segen für ihren Abschied aus der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Klettenberg mit auf den Weg.

Seit drei Jahren arbeitet Gaby Masanek nicht mehr als Pfarrerin der Klettenberger Gemeinde. Sie hat sich die Pfarrstelle mit ihrem Mann Ivo geteilt. Mal hat sie sich drei Jahre um die Gemeinde und er sich um die Kinder gekümmert, mal war es drei Jahre lang umgekehrt. Jetzt steht fest: Sie scheidet aus dem Gemeindedienst aus und arbeitet als Lehrerin.

Beim anschließenden Johannesfest nutzten viele Gemeindeglieder die Gelegenheit, sich persönlich von Gaby Masanek zu verabschieden – oder für ein Interview mit ihr.

Die erste Frage muss lauten: Warum gehen Sie?

Gaby Masanek: Die Kinder sind mittlerweile alt und selbstständig genug, so dass mein Mann und ich zu der Auffassung gekommen sind, wir können beruflich mehr stemmen als eine Pfarrstelle. So entschieden wir gemeinsam, dass einer bzw. eine von uns an zwei bis drei Vormittagen Kapazitäten für zusätzliche Arbeit frei hätte. Und die Wahl der Umsetzung fiel auf mich.

Kann man als Pfarrerin automatisch auch Religionslehrerin sein? Oder steht jetzt ein neues Studium an?

Gaby Masanek: Das Theologiestudium reicht für die Erteilung von Religionsunterricht aus. Im Moment bin ich für vier Wochenstunden in der Schule. Ich werde eine pädagogische Fortbildung absolvieren, in der unter anderem meine Kompetenz, Noten zu geben, Methoden anzuwenden und den Lehrplan umzusetzen geschult wird.

Wie lange waren Sie Pfarrerin in Köln-Klettenberg?

Gaby Masanek: Seit 2001. Damals habe ich die Nachfolge von Pfarrer Uwe Seidel angetreten. Das war jedoch nicht mein erster Kontakt zu der Gemeinde. 1995 bin ich bereits als Vikarin zu Pfarrer Eberhard Viertel nach Klettenberg gekommen. Danach habe ich ein Jahr lang im Amt für Diakonie in der Begleitung von Ehrenamtlichen gearbeitet. 1998 bin ich dann als Pfarrerin zur Anstellung in die Gemeinde  zurückgekehrt.

Mit welchen Schwerpunkten?

Gaby Masanek: Ich habe mich damals neben der allgemeinen Gemeindearbeit vor allem in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung und dann in der Jugendarbeit engagiert. Ich erinnere mich an sehr schöne Jugendsegelfreizeiten. Mein Mann und ich haben damals begonnen, für die Konfirmandinnen und Konfirmanden drei Fahrten pro Kurs zu organisieren. Eine davon führte immer nach Bethel. Dort haben die Jugendlichen von Mittwoch bis Samstag  die Vielfalt von Bethel kennengelernt und sind in Kontakt mit den Einwohnern von Bethel gekommen. Das war beeindruckend: tanzende Rollifahrer in der integrativen Disco, Gespräche mit Epileptikern, Besuche von Werkstätten, Essen in der Kantine Ophir zusammen mit den Einwohnern und Mitarbeitenden von Bethel, Wertschätzung der handwerklichen Geschicklichkeit der Bewohner. Natürlich bekamen wir am ersten Tag Sprüche zu hören wie „Warum sind wir nicht nach Mallorca gefahren?“ Aber samstags waren die Jugendlichen dann meist sehr nachdenklich und haben gesagt „Jetzt wissen wir, warum wir nach Bethel gefahren sind.“  Ich bin sehr froh, dass wir nun seit zehn Jahren einen Jugendprojektleiter haben.

Klettenberg erscheint dem Außenstehenden als sehr junge Gemeinde.

Gaby Masanek: Das liegt nicht zuletzt an der Nähe zur Universität. Dadurch hat die Gemeinde viel Zuzug, aber auch viel Abzug. Aber wir haben in Sülz und Klettenberg auch viele Neubaugebiete mit jungen Familien. Das ehemalige Kinderheim-Gelände und das Mercedes-Gelände an der Luxemburger Straße zum Beispiel. Wer dort eine Wohnung gemietet oder gekauft hat, bleibt in der Regel länger. Wir haben in der Gemeinde in jedem Jahr rund 80 Taufen und 50 bis 60 Konfirmanden.

Dann wird es aber irgendwann unübersichtlich.

Gaby Masanek: Das ist ein Luxusproblem, was die Gemeindearbeit gerade interessant und vielfältig hält. Aber ja, wir haben viele Kinder und Jugendliche in der Gemeinde. Wir unterhalten auch zwei Kindergärten mit insgesamt fünf Gruppen. Wir sind auch eine wachsende Gemeinde. Alle wollen nach Sülz ziehen. Als ich 2001 erstmals den Vorsitz im Presbyterium innehatte, zählten wir 6.400 Gemeindeglieder. Heute sind wir bei 7.300. Das macht auch die besondere Atmosphäre in der Gemeinde aus: Ein breiter Altersdurchschnitt besucht die Gottesdienste, wir haben eine Kinderkapelle zum Spielen während des Gottesdienstes, Rudelgucken für jedes Alter bei WMs und EMs und vieles mehr.

Noch mal zu den Neubaugebieten. Spüren Sie in der Gemeinde die Folgen der Gentrifizierung in Sülz und Klettenberg?

Gaby Masanek: Es gibt kaum noch Wohnungen für Leute mit einem Wohnberechtigungsschein. Die, die es gab, wurden fast alle luxussaniert. Wer sich hier scheiden lässt, hat meistens keine Chance mehr auf zwei bezahlbare Wohnungen. Ich könnte mir gut vorstellen, um die Bevölkerungsspezialisierung in den einzelnen Stadtteilen aufzubrechen, dass Kirchengemeinden Kooperationen eingehen: zum Beispiel Sülzer und Klettenberger Konfis mit Chorweiler, Marienburger Seniorenclub mit dem Kalker Seniorenclub, Lindenthaler Kindergarten mit dem Finkenberger.

Hat sich die Gemeinde ansonsten verändert?

Gaby Masanek: Die Individualität nimmt zu. Einerseits begrüße ich das sehr, weil sich darin auch die besondere Wertigkeit jedes Menschen und jedes Ereignisses widerspiegelt. Andererseits löst dies auch Druck aus: Liedblätter werden designt, Trauungen werden zum Event, die Suche nach dem Originellen lässt den erlebten Anlass auf dem roten Teppich des konservierten Fotos oder Films erblassen.

Hat die Zunahme der Individualität zur Folge, dass es zusehends schwieriger wird, Gottesdienste für alle Milieus zu feiern?

Gaby Masanek: Wir Evangelischen sind sehr gut darin, Theorien zu entwickeln. Ich halte von dieser Milieu-Theorie nichts, wenn sie die Konsequenz darin sieht, Gottesdienste den Milieus entsprechend zu gestalten. Dann frage ich mich: Wo sind denn diese Milieustudien beim 1.FC Köln eingeflossen? Die überlegen nicht, ob sie ihre Samstags- und Sonntagsveranstaltungen unter ein Motto stellen wie: Heute spielt Köln gegen Düsseldorf für das hedonistische Milieu ganz nach dem Motto: Heute wird gefeiert! Und zwei Wochen später spielt Köln gegen Leverkusen für das traditionelle Milieu mit dem Motto: Heute lassen wir uns nicht abhängen, heute gewinnen wir, denn wir schauen auf eine lange Tradition! Da sitzen die Professoren neben den Arbeitssuchenden, Frauen brüllen lauter als Männer, Kinder werden in der Kinderbetreuung bereits mit den Emotionals des 1. FC-Köln geimpft und Kölsch fließt durch alle Milieukehlen. Davon können wir als Kirche lernen und Gottesdienst für alle feiern. Wir müssen eine offene Kirche sein und die Menschen herzlich begrüßen. Dann ist schon viel gewonnen. Und wir können unseren Klassenerhalt als Kirche sichern.

Letztlich geht es doch darum, wie wir als Christinnen und Christen aller Konfessionen leben können in dieser Stadt. Denn Glaube ist keineswegs eine Privatsache für rosarote, unreflektierte, weibliche Wolke-Sieben-Reisende. Richtiger Glaube versetzt Berge und lässt die Werbewelt mit ihrem Begriff von Konsumfreiheit erzittern. Denn diese Freiheit löst uns gerade von den Bindungen und Kabeln der Smartphones, Tablets und Alexas dieser Welt und schenkt uns die Kraft, Zusammenhänge in Frage zu stellen – sie nach ihrem Sinn zu hinterfragen und nicht um den besten Preis zu wetteifern.

Wie fällt Ihre Rückschau auf die Gemeinde aus?

Gaby Masanek: Ich mag die Gemeinde in Klettenberg und Sülz, deren Gemeindemitglied ich ja bleiben werde. Und ich finde es weiterhin einer der wesentlichsten Aufgaben im Pfarrberuf, Menschen in ihrem Leben mit Segen, Gebet, Stille, Kääze, Liedern und Gespräch im Wissen um die Freiheit eines Christenmenschen zu begleiten.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann