v.l.n.r Ulrichs, Pangritz, Bock, Hüllstrung, Voigtländer



Wie wirkt sich Karl Barths Theologie auf christliche-jüdische Fragen heute aus?

 Israel-Tagung in der Melanchthon-Akademie

Im Rahmen des Karl-Barth-Jahres beschäftigte sich eine Tagung in der Evangelischen Melanchthon-Akademie am 13. September mit der Frage, was seine Theologie zum heutigen christlich-jüdischen Dialog beitragen kann. Die Veranstaltung sei die einzige die er kenne, die sich dezidiert mit der Frage nach Israel beschäftige, betont Pfarrer Dr. Johannes Voigtländer, Beauftragter des Karl-Barth-Jahres 2019 des Reformierten Bundes. Gemeinsam mit Dr. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie und Wolfgang Hüllstrung, Beauftragter für den Christlich-Jüdischen Dialog im Landeskirchenamt der EKiR, hat er die Veranstaltung mit auf den Weg gebracht.

Der Vormittag war gefüllt mit kompetenten, spannenden Vorträgen von Dr. Karl Friedrich Ulrichs, Pfarrer für theologische Bildung mit Erwachsenen in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Prof. Dr. Andreas Pangritz, Professor für Systematische Theologie an der Universität Bonn und Dr. Victor Kal, von der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Amsterdam. Rund 40 Teilnehmende waren gekommen, überwiegend Theologen.

Am Nachmittag schloss sich eine anregende, intensive Diskussion an. Neben den drei Veranstaltern nahmen auch Dr. Ulrichs und Prof. Pangritz daran teil.

Karl Barth: Das jüdische Volk ist der Augapfel Gottes

Der Theologe, der gemeinhin als der Vater der heutigen Evangelischen Kirche Deutschland gilt, stößt in seiner Lektüre des Römerbriefes in den 1920ern auf die besondere Rolle Israels für den christlichen Glauben an. Barth hat die Erwählung des Volkes Israel durch Gott niemals aufgegeben und infrage gestellt und das jüdische Volk dann auch als „Augapfel Gottes“ bezeichnet. In seinen Auseinandersetzungen mit dem Schicksal der Juden im Nationalsozialismus formuliert er diese theologischen Gedanken noch einmal neu und ruft zum Widerstand gegen das Regime auf. Die Gestapo verfolgt ihn und er verlässt Deutschland 1935 und lehrt fortan in der Schweiz, wo er 1968 verstirbt.

Wir müssen in unserer Theologie nochmal genauer schauen, wo wir herkommen

Eine Forderung, die Johannes Voigtländer in der Diskussion formuliert. Die Begegnung mit Karl Barth hat ihn persönlich sehr beeindruckt und beeinflusst, weil er da einem Theologen begegnete, der immer wieder die besondere Verantwortung der Christen gegenüber Israel betont hat. Ohne Israel gebe es für uns keine Möglichkeit, wahrzunehmen, wer der Gott der Bibel und der Vater Jesu Christi und damit auch unser Gott sei, so Voigtländer. „Eigentlich ist der Antijudaismus aus dem Blick eines denkenden Christen, der die Bibel wirklich wahrnimmt, eine „dämonische Verrücktheit“ zitiert der Pfarrer sein Vorbild Karl Barth. Auch wir können ohne Israel nicht Christen sein.

Israelische Politik und Judentum – die Begriffe werden vermischt

Die politische Situation im Nahen Osten ist komplex und schwierig. Über die Annektion des Westjordanlandes müsse man streiten können ohne direkt als Antisemit bezeichnet zu werden, fordert Voigtländer, „da sollten wir uns von dem Mut Karl-Barths leiten lassen, auch in unpassenden Situationen Fragen zu stellen.“ Es sei eine der ganz großen Schwierigkeiten, Begriffe wie „Volk Gottes”, „Judentum”, „Staat Israel” und „Christen” auseinanderzuhalten. Manchmal gehe das auch absichtlich durcheinander. „Daraus entsteht eine Form von Antisemitismus, die hochgefährlich ist und sich biblischer Begriffe bedient, aber eigentlich eine politische Auseinandersetzung will und umgekehrt. Das macht es so leicht und auch so schwierig zu einem wirklichen Gespräch zu kommen, bei dem das staatliche Existenzrecht Israels nicht bestritten, aber auch das der Palästinenser wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite gibt es das erwählte Volk Gottes, das erst einmal unabhängig von einer solchen politischen Konstruktion ist und das sich auch Israel nennen kann und nennen lässt.“

Dr. Karl Friedrich Ulrichs macht sprachlos, dass als Beispiel für Antisemitismus in der Mitte unserer Gesellschaft oft die evangelische Kirche genannt werde. „Man hat nie richtig aufgearbeitet: was ist in der Nachkriegszeit in evangelischen Milieus geschehen ist in Bezug auf diese Frage.“ Ulrichs plädiert dafür, das Thema in der EKD zu thematisieren. Gibt es innerhalb der Volkskirche spezielle Ausformungen, Überbleibsel, die man nicht sofort Antisemitismus nennen muss, aber über die man sprechen muss ? „Solange wir das nicht selber in die Hand nehmen und erforschen lassen, stehen wir da wie ein Osterlamm.“

In der Runde werden mit dem Publikum lebhaft Fragen zum Thema diskutiert: Wo findet in Israel selbst staatlich finanzierter christlich-jüdischer Dialog statt? Distanziert sich der Zentralrat der Juden in Deutschland von israelischer Politik? Was wäre Deutschland ohne die Juden in Politik und Kultur? Wie ist Luthers antisemitische Haltung historisch zu erklären und heute zu berücksichtigen?

Nicht hinwegsehen über kleine Antisemitismen im Alltag

„Wer christliche Theologie betreibt, der kann nicht antisemitisch argumentieren und muss aufpassen, wo er gewissermaßen gegen die Bibel über das Halten der Gebote abwertend spricht, oder wo er unempfindlich wird, da wo jüdische Menschen diffamiert werden“, sagt Martin Bock und berichtet von Wahlplakaten, auf denen stand: „Israel ist unser Unglück, Schluss damit!“. Niemand störte sich daran. Der Protest der jüdischen Gemeinde Niedersachsens gegen einen Feiertag am 31.Oktober verhallte ungehört. Diese und ähnliche Vorkommnisse verstoßen gegen den Kern unseres christlichen Glaubens „und dagegen müssen wir aufstehen und mit daran wirken, dass sich so etwas in unserer Gesellschaft nicht Bahn brechen kann“, so Bock.

Die Vergangenheit kommt auf uns zu – Aufforderung zum Dialog

Johannes Voigtländer berichtet von einer großen Barth-Tagung, an der mehr als 100 Studierende teilnahmen, die zum Glück nichts von den alten Grabenkämpfen und Auseinandersetzungen wissen und ihm Mut machen auf eine Möglichkeit, sich mit Karl Barth auseinanderzusetzen, „dass die Vergangenheit auf uns zukommt und nicht hinter uns liegt, zu der wir uns zuwenden müssen, sondern dass wir nur geradeaus gucken müssen.“ Er hofft auf einen solidarischen Diskurs, der sich mit konkreten Fragen auch der heutigen Politik Israels auseinandersetzen darf und mit den wachsenden jüdischen Gemeinden in Deutschland, die inzwischen zu 90% russischsprachige sind.

„Kein Nebeneinander der verschiedenen religiösen Communities, wo man sich gegenseitig etwas in die Schuhe schiebt, sondern Dialog und mutige Auseinandersetzung auf Augenhöhe – ganz im Sinne Karl Barths.“

Die Melanchthon-Akademie wird dieses Karl-Barth-Jahr am 10. Dezember mit einer kleinen Finissage abschließen. Die widmet sich Barths Liebe zum Humor und der Musik. Den rheinischen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch und die Musik von Mozart, mochte er besonders gerne.

Text: Jutta Hölscher
Foto(s): Jutta Hölscher