„Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch“ – Antwort aus der heutigen Zeit auf einen Essay von Gershom Scholem aus dem Jahr 1964



„Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch“ – Antwort aus der heutigen Zeit auf einen Essay von Gershom Scholem aus dem Jahr 1964

Aus der Zeit vor Corona stammt dieser Beitrag aus der Melanchthon-Akademie über den „Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch“.

Deutliche und unmissverständliche Worte fand Gershom Scholem am Ende seines Textes: „Es ist wahr: dass jüdische Produktivität sich hier verströmt hat, wird jetzt von den Deutschen wahrgenommen, wo alles vorbei ist. Ich wäre der Letzte zu leugnen, dass darin etwas Echtes – Ergreifendes und Bedrückendes in einem – liegt. Aber das ändert nichts mehr an der Tatsache, dass mit den Toten kein Gespräch mehr möglich ist, und von einer ,Unzerstörbarkeit dieses Gespräches‘ zu sprechen, scheint mir Blasphemie“, schrieb der jüdische Religionshistoriker in seinem 1964 veröffentlichten Essay mit dem Titel „Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch“.

Der Autor wandte sich konsequent gegen die „mir unfassbare Illusion“, dass das deutsch-jüdische Gespräch im Kern unzerstörbar sei: „Ich bestreite, dass es ein solches deutsch-jüdisches Gespräch in irgendeinem echten Sinne als historisches Phänomen je gegeben hat. Zu einem Gespräch gehören zwei, die aufeinander hören, die bereit sind, den anderen in dem, was er ist und darstellt, wahrzunehmen und ihm zu erwidern. Nichts kann irreführender sein, als solchen Begriff auf die Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Juden in den letzten 200 Jahren anzuwenden. Dieses Gespräch erstarb in seinen ersten Anfängen und ist nie zustande gekommen.“

Die Juden hätten das Gespräch mit den Deutschen gesucht, „fordernd, flehend und beschwörend, kriecherisch und auftrotzend, in allen Tonarten ergreifender Würde und gottverlassener Würdelosigkeit, und es mag heute, wo die Symphonie aus ist, an der Zeit sein, ihre Motive zu studieren und eine Kritik ihrer Töne zu versuchen. Niemand, auch wer die Hoffnungslosigkeit dieses Schreies ins Leere von jeher begriffen hat, wird dessen leidenschaftliche Intensität und die Töne der Hoffnung und der Trauer, die in ihm mitgeschwungen haben, geringschätzen. Der Versuch der Juden, sich den Deutschen zu erklären und ihre eigene Produktivität zur Verfügung zu stellen, sogar bis zur völligen Selbstaufgabe hin, ist ein bedeutendes Phänomen, dessen Analyse in zureichenden Kategorien noch aussteht und vielleicht jetzt erst, wo es zu Ende ist, möglich werden wird. Von einem Gespräch vermag ich bei alledem nichts wahrzunehmen.“

Es sei nie darum gegangen, dass: die Juden auf das angesprochen worden seien, was sie als Juden zu geben hätten, sondern immer nur darum, was sie als Juden aufzugeben hätten. Die alte Losung „Den Juden als Individuen alles, den Juden als Volk nichts“ habe Gespräche in gegenseitigem Respekt von vornherein unterbunden. Eckhard Kruse-Seiler trug in der Trinitatiskirche Teile des Essays vor.

Dr. des. Jehoshua Ahrens

Der orthodoxe Rabbiner Dr. des. Jehoshua Ahrens war auf Einladung der Melanchthon-Akademie, der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und des Katholischen Bildungswerk Kölns gekommen, um Scholem aus heutiger Sicht zu antworten. Ahrens wurde 1978 in Erlenbach am Main geboren, studierte Internationales Management und arbeitete für einige Konzerne, bevor er sich in Israel zum Rabbiner ausbilden ließ. Am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern promovierte er über das Thema „Vor und nach der Konferenz von Seelisberg (1947) – die Anfänge des institutionalisierten christlich-jüdischen Dialogs in der Schweiz und Kontinentaleuropa“.

Derzeit amtiert er an der jüdischen Gemeinde in Darmstadt. „Man muss den Essay im damaligen Kontext lesen“, sagte Ahrens zu Beginn seiner Ausführungen. Er sei 1962 geschrieben worden, relativ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und noch bevor sich die offizielle Kirche mit den Juden befasst habe. So die Katholische Kirche beispielsweise 1965 mit der „Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ – „Nostra Aetate“. Darin wird Wahres und Heiliges in anderen Religionen anerkannt und die bleibende Erwählung des Judentums bestätigt, in dem das Christentum wurzele.

Erst 1980 habe die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland den Beschluss „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ gefasst. Darin bekennt man sich zu der „Einsicht, dass die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk sind.“

Ahrens pflichtete Scholem bei, was die Illusion eines im Kern unzerstörbaren deutsch-jüdischen Gesprächs angeht. Die Juden hätten immer wieder das Gespräch gesucht. Vor allem nach der Emanzipation im 19. Jahrhundert hätten sie, das aus ihrer Sicht Beste aus der spirituellen und säkularen Welt versucht: Namentlich, die Spiritualität des Judentums und die Wissenschaft und Ökonomie der Deutschen. Die hätten die Juden nicht wirklich wahrgenommen. „Für die Humanisten spielte Religion keine Rollen. Juden ohne Judentum können wir akzeptieren, war deren Credo. Und dann wären da noch die Antisemiten gewesen. Die hätten behauptet, je mehr sich die Juden assimilierten, umso gefährlicher sei die Zersetzung von Innen, die von ihnen ausgehe.

Viele liberale jüdische Theologen hätten gedacht, man könne mit Christinnen und Christen ins Gespräch kommen. Etwa mit jenen Protestantinnen und Protestanten des 19. Jahrhunderts, die damals schon die Bibel gelesen hätten. Man hätte sich auf Jesus als wichtige Person einigen können, als jemand, der in der jüdischen Tradition stehe. Christliche Gemeinden seien auch von Gott gewollt. Die jüdischen Theologen wären, so Ahrens, davon ausgegangen, dass eine Gesellschaft, zu der Juden kulturell und wirtschaftlich etwas beizutragen hätten, „so schlau ist, das anzunehmen“.

Ahrens hatte zahlreiche Texte von jüdischen Theologen des 19. Jahrhunderts mitgebracht, um seine Thesen zu belegen. Er ging aber auch auf protestantische Pfarrer ein und verwies auf Martin Niemöllers Predigt zum Israel-Sonntag 1935. „Wir sprechen vom ewigen Juden und schauen das Bild eines ruhelosen Wanderers, der keine Heimat hat und keinen Frieden findet; und wir schauen das Bild eines hochbegabten Volkes, das Ideen über Ideen hervorbringt, um die Welt damit zu beglücken; aber was es auch beginnt, verwandelt sich in Gift; und was es erntet, ist immer wieder Verachtung und Hass, weil  die betrogene Welt den Betrug merkt und sich auf ihre Weise rächt. ,Auf ihre Weise‘: Denn wir wissen wohl, dass es keinen Freibrief gibt, der uns ermächtigte, dem Fluch Gottes mit unserem Hass nachzuhelfen… Das ,Liebet Eure Feinde‘ lässt keine Ausnahme zu.“

Das sei, so Ahrens, eine typische theologische Position jener Zeit. Die Juden seien eigentlich als Feinde betrachtet worden. Niemöller lehne gewalttätigen Antisemitismus ab, aber es gebe auch bei ihm antisemitische Stereotypen. „Wanderer“, „heimatlos“ – das impliziere, dass die Juden eigentlichen nicht zum deutschen Volk gehörten und ständig versuchten, die Welt zu ihrem eigenen Vorteil zu betrügen.

Und auch das Wort zur Judenfrage des Bruderrates der Bekennenden Kirche von 1948 ist nicht frei von antisemitischen Stereotypen. „Indem Gottes Sohn als Jude geboren wurde, hat die Erwählung und Bestimmung Israels ihre Erfüllung gefunden … Indem Israel den Messias kreuzigte, hat es seine Erwählung und Bestimmung verworfen“, könne man da lesen, so Ahrens. Und weiter: „Dass Gott nicht mit sich spotten lässt, ist die stumme Predigt des jüdischen Schicksals, uns zur Warnung, den Juden zur Mahnung, ob sie sich nicht bekehren möchten zu dem, bei dem allein auch ihr Heil steht.“

Und bei jenen, die das geschrieben hätten, handelte es sich um Brüder der Bekennenden Kirche und nicht um Deutsche Christen, erklärte Ahrens. „Der Holocaust wird hier als Folge des Festhaltens der Juden am Irrglauben gedeutet. Sie sind an der Shoah also letztlich selbst schuld.“ Heute müsse man sagen: „Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwar Juden in Deutschland, aber kein Judentum. Das deutsch-jüdische Gespräch war gestorben im wahrsten Sinne des Wortes. Und wenn gesprochen wurde, drehten sich die Gespräche immer nur um den Holocaust. Das Problem dabei war, dass die Juden immer nur als Opfer vorkamen. Es waren schwierige Gespräche. Manchen fiel es leichter, über tote Juden statt mit lebendigen zu reden. Die Lebendigen sagen nämlich manchmal Dinge, die einem nicht gefallen“, fasste Ahrens zusammen. „Muss denn, wer Deutscher sein will, auf dem Oktoberfest sitzen, Haxen essen und Bier trinken? Muss ich mir anhören, wenn ich sage, dass ich nur koscher esse, ich könnte doch einfach vegetarisch essen?“

Mehr Informationen über die Veranstaltungsangebote der Melanchthon-Akademie finden Sie hier:

www.melanchthon-akademie.de

 

 

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann