„Wer als Erster schießt, ist als Zweiter tot.“
Professor Dr. Hans Bläsius (l.) und Dr. Rolf Mützenich.

„Wer als Erster schießt, ist als Zweiter tot.“

Dr. Rolf Mützenich und Professor Dr. Hans Bläsius diskutierten in der Melanchthon-Akademie, ob ein Atomkrieg aus Versehen möglich ist.

Könnte ein Atomkrieg aus Versehen ausgelöst werden? Antworten auf diese Frage gaben der Verteidigungsexperte Dr. Rolf Mützenich, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, und Dr. Karl Hans Bläsius, Informatik-Professor aus Trier und Experte für Künstliche Intelligenz, bei einem Online-Diskussionsabend in der Melanchthon-Akademie. Das wenig beruhigende Fazit des Abends: Möglich ist das durchaus.

Atomkrieg aus Versehen

Als Beispiel führte Bläsius Stanislaw Petrow an. Am 26. September 1983 stufte er als leitender Offizier in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung einen vom Abwehrsystem gemeldeten Angriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die damalige Sowjetunion korrekt als Fehlalarm ein.

Der Fehlalarm wurde durch einen Satelliten des sowjetischen Frühwarnsystems ausgelöst, der aufgrund fehlerhafter Software einen Sonnenaufgang und Spiegelungen in den Wolken als Raketenstart in den USA interpretierte. Durch Eingreifen und Stoppen vorschneller Reaktionen verhinderte Petrow womöglich das Auslösen eines Atomkriegs, des befürchteten Dritten Weltkriegs. Heutzutage seien die Waffensysteme andere.

Künstliche Intelligenz

Hyperschallraketen etwa verkürzten wegen ihrer Geschwindigkeit die Reaktionszeiten der Verantwortlichen. Hinzu kämen Cyberattacken, die falsche Daten an die Frühwarnsysteme senden könnten. Auch spiele bei den Waffensystemen zunehmend die Künstliche Intelligenz (KI) eine entscheidende Rolle. „Daten, die die KI nutzt, können falsch sein“, so Bläsius. Für autonomes Fahren habe man sehr viel Datenmaterial, weil man eben schon sehr viel getestet habe. „Für die Frühwarnsysteme und deren Funktionsfähigkeit verfügen wir über deutlich weniger Daten“, so der Informatik-Professor.

Der Mensch habe häufig nur noch die Möglichkeit, die Entscheidungen der KI zu akzeptieren. „Petrow hätte es heute sehr viel schwerer, die Raketen nicht zu starten.“ Zudem gebe es Staaten mit Atomwaffen wie China, Pakistan und Indien, deren Verlässlichkeit schwer einzuschätzen seien. „Wer hat die Kontrolle über die pakistanischen Atomwaffen?“

Zweitschlagfähigkeit

Vertrauen sei entscheidend in Krisen. „Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind so schlecht wie seit Beginn der 80er Jahre nicht mehr.“ Bläisus hofft, dass Vertrauen durch wirtschaftliche Beziehungen zurückgewonnen wird. Aber er fürchtet auch die Neuentwicklung autonomer Waffen. Es gebe immer mehr Cyberattacken. Die KI-Entscheidungen seien unkalkulierbar, die Frühwarnsysteme tendenziell unbeherrschbar. U-Boote könnten autonom handeln und ein entscheidender Faktor bei der Zweitschlagsfähigkeit sein. Damit bezeichnet man die Möglichkeit, nach einem atomaren Angriff selbst noch mit Atomwaffen antworten zu können. Oder mit den Worten von Bläsius „Wer als Erster schießt, ist als Zweiter tot.“

Internationale Politik

Rolf Mützenich hat als Abgeordneter vor seiner Wahl zum SPD-Fraktionsvorsitzenden lange im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags gearbeitet. Er hat eine Dissertation zum Thema „Atomwaffenfrei Zonen und internationale Politik“ geschrieben. Auch er beklagt den Vertrauensverlust in der internationalen Gemeinschaft. Man habe lange Zeit, im Kalten Krieg etwa, Regelungen eingeübt, um sich aufeinander verlassen zu können.

Was sich nach der Wahl von Joe Biden zum US-Präsidenten ändere, werde man sehen. Wenn er von Versöhnung spreche, meine er zunächst die im Inneren der USA und richte den Blick danach auf die Außenpolitik. Es sei nicht so einfach, einmal gekündigte Verträge wiederzubeleben. Übrigens habe nicht nur Donald Trump internationale Verträge gekündigt. Auch unter George W. Bush habe es Kündigungen gegeben. Mützenich zweifelt an der Sinnhaftigkeit atomarer Abschreckung.

Friedensbewegungen

„Wir sollten mal wieder grundsätzlich über Atomwaffen nachdenken. Und wir sollten eine Debatte führen über das Für und Wider von bewaffneten Drohnen, die am Ende einen menschlichen Entscheider keinen Spielraum mehr lassen.“ 83 Prozent aller Deutschen lehnten Atomwaffen ab. „Aber es reicht nicht, sich nur bei Umfragen zu äußern. Man muss sich auch rein praktisch bei Diskussionen beteiligen. Ein bisschen vermisse ich die Friedensbewegung.“ Außenpolitisch habe man die bestehenden Institutionen nicht gut genug gepflegt. Der Nato-Russland-Rat etwa habe sich nach der Annexion der Krim nicht mehr getroffen. „Russland folgt einer eigenen Logik und hat wenig Interesse an Gesprächen über atomare Waffensysteme.“ Der Fraktionschef sieht viel Arbeit zukommen auf die internationalen Institutionen.

Der Abend wurde moderiert von Christiane Lammers. Eingeladen hatten die Deutsche Friedensgesellschaft – Verband der Kriegsdienstverweigerer, Gruppe Köln, der Internationale Versöhnungsbund Regionalgruppe Köln, das Friedensbildungswerk Köln, das Katholische Bildungswerk Köln, das Kölner Friedensforum, die Melanchthon Akademie Köln und die pax christi Gruppe Köln.

Weitere Angebot der Melanchthon Akademie finden Sie hier: www.melanchthon-akademie.de

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann