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„Wenn wir so weiter machen, sind wir in einigen Jahren bankrott“ – öffentliche Veranstaltung informierte über die Zukunft der Christuskirche im Belgischen Viertel Köln

Vor dem Eingang der evangelischen Christuskirche hatte sich eine Gruppe Menschen versammelt. Während drinnen Gottesdienst gefeiert wurde, warteten sie auf den Beginn der öffentlichen Informationsveranstaltung über die Zukunft der Innenstadt-Kirche. Dann öffnete sich die Tür, die Hälfte der Gottesdienstbesucher und -besucherinnen ging nach Hause, die Menschen vor der Tür strömten in die Kirche. Am Gottesdienst sei er nicht interessiert, sein Sohn besuche allerdings den evangelischen Kindergarten, erklärte ein Vater.


Sachliche Diskussion
Jörg Beste, Bauingenieur mit Theologiestudium und damit in jeder Hinsicht bestens qualifiziert für die Moderation der Veranstaltung, rechnete offenbar mit dem Schlimmsten. „Bitte gehen Sie freundlich miteinander um. Wir wollen gut auf den anderen hören und uns gegenseitig ausreden lassen“, beschwor der Geschäftsführer des Architekturforums Rheinland e. V. schon zu Beginn den Geist der Friedfertigkeit. Doch die Wellen von Erregung und Empörung schlugen bei weitem nicht so hoch, wie manche erhofft und andere befürchtet hatten. Podium und Publikum diskutierten erstaunlich sachlich und unaufgeregt, wenn man sich an die Vorgeschichte erinnert, bei der Befürworter und Gegner der Abrisspläne für die Christuskirche nicht eben zimperlich miteinander umgegangen waren.

Am alten Kirchturm entstehen Wohnungen und ein multifunktionaler Kirchraum Pfarrer Mathias Bonhoeffer, Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelischen Gemeinde Köln, erläuterte zunächst einmal die Pläne, die im Presbyterium mit klarer Mehrheit beschlossen worden sind. Das Langhaus der Christuskirche im Belgischen Viertel wird abgerissen, Turm, Orgelempore und das darunter liegende Gewölbe sowie das „Basement“ bleiben unangetastet. Rechts und links wird sich in Richtung Spichernstraße je ein zehn Meter tiefer fünfgeschossiger Wohnriegel anlehnen. Dessen Höhe wird sich an der jetzigen Traufhöhe der Kirche orientieren. Die Höhe der Wohnhäuser auf den gegenüberliegenden Straßenseiten wird nicht erreicht. „Hinter dem Turm wird ein multifunktionaler Kirchraum für 200 Leute gebaut“, fuhr Bonhoeffer fort. Die Gemeinde überlässt dem Investor, dem Neusser Bauverein, die Grundstücke für die Neubauten. Geplant sind 29 Eigentumswohnungen mit 30 bis zu 180 Quadratmetern, „die nicht unter einem Quadratmeterpreis von 3.000 Euro zu haben sein werden“, so Walter Maier, einer der Architekten des Projektes. „Die Nähe zum Stadtgarten macht die Lage für uns hochinteressant“, ergänzte Klaus Hollenbeck, auch als Architekt am Neubau beteiligt. Er verwies auf die „Gesten“ seiner Planung. Durch die Schrägstellung der Wände der Wohnungsriegel entstehe eine „schützende Geste“, so der Architekt. Und der begrünte Freiraum zwischen den Riegeln stelle eine „öffnende Geste“ gegenüber dem Stadtgarten dar, von dem aus man einen offenen Blick auf den Kirchturm habe. „Wir haben große Rücksicht genommen auf die sakrale Umgebung“, sagte Hollenbeck.

Die Kirche bleibt bestehen
Noch nicht bis in die Details geklärt sind die Pläne für den Kirchraum. Diskutiert werde zum Beispiel noch über das Baumaterial für das Dach. „Im Übrigen: Den Kirchraum muss und kann man mit Leben füllen“, begegnete Bonhoeffer dem Vorwurf, die Gemeinde habe zukünftig keine Gemeinderäume. Es sei eine strategische Entscheidung, die Kindergartenarbeit in Richtung Thomaskirche zu verlagern, begegnete er der Forderung einiger Eltern, den Kindergarten neben der Christuskirche zu erhalten. Dr. Frank Lehmann, Presbyter der Evangelischen Gemeinde Köln, stand Bonhoeffer zur Seite: „Wir haben zu lange zugeschaut. Wenn wir so weiter machen, sind wir in einigen Jahren bankrott.“ Er und ein Zuhörer machten auf das „ökologische Desaster der Christuskirche“ aufmerksam. Der Bau aus den 50er Jahren sei beispielsweise an keiner Stelle wärmegedämmt. Lehmann ist glücklich, dass „die Kirche bestehen bleibt“. Er kann sich auch „einen interreligiösen Dialog mit der neuen Moschee an der Venloer Straße“ vorstellen.

Gestaltungsbeirat der Stadt Köln hat das Projekt „außerordentlich begrüßt“
Stadtkonservatorin Dr. Renate Kaymer erklärte unmissverständlich: „Der denkmalgeschützte Kirchturm ist eine Landmarke für dieses Quartier. Wir werden natürlich sehr genau darauf achten, dass er bleibt, wie und wo er ist.“ Ein Neubau in Verbindung mit einem denkmalgeschützten Bauwerk sei immer mit ihrem Amt abzustimmen, fuhr Kaymer fort und nannte die vorgestellten Pläne „eine Arbeitsebene, auf der wir weiterarbeiten können“. Baudezernent Bernd Streitberger nahm zunächst einmal die Stadt aus der vermeintlichen Schusslinie: „Wir betreiben dieses Projekt nicht. Wir wären auch zufrieden, wenn die Kirche saniert würde. Gleichzeitig sind wir froh, wenn innerstädtisch Wohnraum geschaffen wird.“ Streitberger erinnerte an das große stadtplanerische Ganze. Im Zuge der Stadterweiterung Ende des 19. Jahrhunderts habe man eine „hierarchische Abfolge von Straßen und Plätzen geschaffen“, auf denen oft Kirchen stünden. Streitberger erinnerte an die Agneskirche an der Neusser Straße und die Herz-Jesu-Kirche auf dem Zülpicher Platz, die ebenso wie die Christuskirche prägend für das Stadtbild in ihrem jeweiligen Umfeld seien. Es müssten aber nicht zwangsläufig Kirchen sein. Wohnhäuser seien auch möglich. Streitberger wies auch darauf hin, dass der Gestaltungsbeirat der Stadt das Projekt „außerordentlich begrüßt“ habe. Allerdings habe man mehr Freisitze wie etwa Loggien gefordert, „weil sich niemand vorstellen kann, an die Neubauten sowas wie Balkone zu hängen“. Das Umfeld in Richtung Spichernstraße nannte der Dezernent „nicht so qualitätsvoll. Da werden wir was tun.“ Im Moment liegt dort ein eher trostloser Parkplatz. Hier soll im Rahmen des „Städtischen Maßnahmenplans Innenstadt“ ein begrünter Übergang zum Stadtgarten geschaffen werden. Auf den Vorwurf, Parkplätze zu vernichten, kündigte Streitberger die städtische Unterstützung für eine unterirdische Quartiersgarage an. Dort müsse man mit monatlichen Mietkosten für einen Parkplatz in Höhe von etwa 60 Euro rechnen. „Zu viel“, kam es aus dem Plenum. Doch der Dezernent blieb gelassen: „Niemand hat einen Rechtsanspruch auf einen Parkplatz im öffentlichen Raum.“

Zum „Thema Transparenz“
Pfarrer Dieter Endemann von der Thomaskirche kritisierte die mangelnde Transparenz des ganzen Verfahrens. Er hat damals bei der Landeskirche die Aufhebung des Presbyteriumsbeschlusses zum Verkauf der Kreuzkirche wegen Verstoßes gegen die Kirchenordnung beantragt. Die landeskirchliche Kommission habe geurteilt, dass die Entscheidung nicht anfechtbar gewesen sei. Endemann fügte hinzu, dass die Entscheidung aus seelsorgerlicher und gemeindepädagogischer Sicht als höchst fragwürdig beurteilt worden sei. Er hätte sich gewünscht, dass das Presbyterium von sich aus die Gemeindeglieder an seinen Überlegungen beteiligt hätte, etwa durch Einberufungen von Gemeindversammlungen mit dazugehörigen Informationen „und zwar vor der je eigenen Beschlussfassung“. Zum Thema Transparenz konnte dann auch Streitberger noch was sagen: „Bei uns ist bisher noch kein Bauantrag eingegangen. Für uns ist das Projekt allerdings so bedeutend, dass wir zu einer Informationsveranstaltung einladen werden, bei der die Stadtverwaltung Sie detailliert über alles in Kenntnis setzen wird, was geplant ist.“

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Rahmann