„Was Sie hier gerade tun, ist das Bestmögliche“ – Frauenrechtsdelegation aus Honduras besuchte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Sonja Hofmann (Arbeitskreis Honduras des Kirchenkreises Köln-Mitte), Dr. Kai Horstmann (Gemeindedienst für Mission und Ökumene), Karla Rosario Erazo Vasquez und Ana Raquel Lopez Paz (Comisión de Acción Social Menonita), Barbara Schulz-Hönerhoff (BMZ), Merly Clereth Eguigure Borjas und Cristina del Carmen Alvarado Lara (Visitación Padilla) sowie Pfarrerin Dr. Anna Quaas im BMZ Bonn (v.l.n.r.)

„Was Sie hier gerade tun, ist das Bestmögliche“ – Frauenrechtsdelegation aus Honduras besuchte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Sie kämpfen gegen die Ermordung von Frauen. Gegen Verstümmelung und Missbrauch. Sie setzen sich ein für die Selbstbestimmung von Menschen und für einen respektvollen Umgang miteinander. Dafür wurde die Frauenrechtsorganisation „Visitación Padilla“ am 8. Juni vom Kirchenkreis Köln-Mitte mit der Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnisgabe geehrt. Bereits am 4. Juni ist eine Delegation aus Honduras nach Deutschland gekommen, um den mit 10.000 Euro dotierten Preis entgegenzunehmen. Bis gestern tourten die vier Frauen durch Köln und die Region und lernten Land und Leute kennen. Vor ein paar Tagen etwa besuchte die Gruppe das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Bonn.

„Informieren Sie. Geben Sie uns Rückmeldung, wie die tatsächliche Situation in Ihrem Land ist“, ermunterte Barbara Schulz-Hönerhoff vom Referat „Regionale Entwicklungspolitik, Mittelamerika, Karibik“ des BMZ am vergangenen Montag die Delegation aus Honduras. „Das ist das Beste, was Sie tun können. Ihre Arbeit ist wichtig und wertvoll!“ Die vier Frauenrechtlerinnen nutzten die Gelegenheit, sich intensiv mit dem Referat darüber auszutauschen, in welchen Bereichen die Missstände in ihrem Land dringend noch mehr Unterstützung und Hilfe von außen erforderlich machen.

Viele Gewalttäter gehen straffrei aus
„Laut Regierungsstimmen ist die Frauenmordrate in Honduras gesunken – faktisch werden lediglich die Statistiken manipuliert und die Taten allgemein dem Delikt „gewaltsamer Tod“ zugeordnet“, berichtete Merly Clereth Eguigure Borjas, Nationalkoordinatorin von Visitación Padilla. Die „sichtbare“ Zahl der Femizide verringert sich damit. Visitación Padilla macht sich bereits seit 34 Jahren für den Schutz und die Stärkung der Menschenrechte für Frauen stark. Das langsame und oft ganz fehlende Mahlen der Justizmühlen ist in ihren Augen eines der größten Probleme. „Im vergangenen Jahr sind 383 Frauen umgebracht worden, Urteile gab es aber nur 30, ohne entsprechendes Strafmaß oder Entschädigungen für die Familien“, erklärte sie. Über die Hälfte aller Fälle kommt nicht einmal zur Anklage und wenn, dauert es Monate. Sozialarbeiterin Cristina del Carmen Alvarado Lara fasste die Signalwirkung treffend zusammen: „Gewalttaten gegen Frauen genießen bei den Behörden alles andere als Priorität.“

4.000 Hilferufe jeden Monat
Bestätigt und ergänzt wurden ihre Berichte von Ana Raquel Lopez Paz und Karla Rosario Erazo Vasquez, beide Mitarbeiterinnen der honduranischen Entwicklungsorganisation Comisión de Acción Social Menonita (CASM). Den Kirchenkreis Köln-Mitte und sie verbindet seit Ende 2015 eine Projektpartnerschaft. Korruption der Behörden, mangelndes Interesse von Seiten der Justiz und Beschneidung des weiblichen Selbstbestimmungsrechts bereiten beiden Organisationen große Sorge. „Hilfen erreichen einfach nicht zuverlässig genug ihr Ziel, und Menschenrechtler werden sogar kriminalisiert und bedroht, weil sie für Unruhe sorgen“, kritisieren sie. Wie verzweifelt gleichzeitig ein Großteil der weiblichen Bevölkerung ist, zeigen unzählige Fälle von gefährdeten Frauen: Bei der von Visitación Padilla eingerichteten Telefonhilfe, unter der Gewalttaten gemeldet und Rat eingeholt werden können, gehen monatlich über 4.000 Anrufe ein.

Das Bild der Kirche neu prägen
Die Rolle der Kirche in Honduras sehen die beiden Organisationen der Abgesandten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Wo es um Frauenrechte geht, steht man sich gegnerisch gegenüber. Gleichzeitig sieht CASM die Gemeinden als Chance, Menschen direkt zu erreichen. Grundsätzlich ist Dr. Anna Quaas, Pfarrerin an der Kartäuserkirche, froh, mit der Arbeit des Kirchenkreises Köln-Mitte ein ganz anderes, positives Beispiel bieten zu können: „Wir möchten zeigen, dass Kirche nicht repressiv sein muss, sondern dass man sich hier um die Menschen kümmert.“

Mit Nachdruck helfen
Aus Sicht des Referats „Regionale Entwicklungspolitik, Mittelamerika, Karibik“ ist die verheerende Situation der Frauen in Zentralamerika ein wichtiges Thema, bei dem noch weitere Fortschritte erarbeitet werden müssen. Nichtregierungsorganisationen und kirchliche Organisationen leisten hier eine wichtige Arbeit, die vom BMZ sehr geschätzt wird. Alle Anwesenden waren sich jedoch darin einig, dass auch in weiteren Bereichen wie Bildung und Umwelt Handlungsbedarf besteht, um die Situation für die benachteiligten Bevölkerungsteile in Honduras zu verbessern. Karla Rosario Erazo Vasquez (CASM) betonte die Dringlichkeit, mehr Druck zu machen: „Eine Vernachlässigung dieser Themen werden wir sonst einmal teuer bezahlen.“

Bürgermeister Andreas Wolter (3.v.re.) hat die Delegation zusammen mit Stadtsuperintendent Rolf Domning (3.v.li.) im Kölner Rathaus empfangen.

Empfang beim Kölner Bürgermeister
Großes Interesse an der Arbeit von Visitación Padilla zeigte auch Bürgermeister Andreas Wolter, der drei Tage später die Gruppe zusammen mit Stadtsuperintendent Rolf Domning im Kölner Rathaus empfing. Er sprach von Köln als einer „weltoffenen Stadt“, was die Delegation sofort bestätigte. Dann kam es zu einem regen Austausch über die Themen „Menschenrechte“ und „Eine Welt“. Wolter berichtete, dass er nach wie vor im Austausch mit Pfarrer Chu Yiu-Ming, Menschenrechtsaktivist in Hong Kong, stehe. Dieser wurde ebenfalls 2015 mit der Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnisgabe geehrt. Bereits 1999 erhielt Medica mondiale e.V. den Preis für ihre Hilfe an kriegstraumatisierten Frauen und Mädchen aus dem Kosovo. Da lag es nahe, dass die Delegation nach dem Besuch im Rathaus noch die deutsche Frauenrechtsorganisation mit Sitz in Köln besuchte.

Deutschland und Honduras
Basierend auf Kooperationsverträgen und im Rahmen langjähriger Programme leistet die Bundesrepublik Deutschland Entwicklungsarbeit in Honduras. Die Schwerpunktbereiche sind Bildung, Umwelt- und Ressourcenschutz sowie Konflikt- und Gewaltprävention. Informationen dazu unter www.bmz.de

Text: Claudia Keller
Foto(s): Claudia Keller, Christoph Goormann