In der voll besetzten Christuskirche feierten die Jugendlichen ihren Gottesdienst zum CSD



Vom Sinn und Unsinn der Grenzen – Jugendliche feierten Gottesdienst zum CSD

Junge Menschen für Kirche begeistern, das ist oft eine große Herausforderung. Eine volle Kirche ist da an vielen Orten eine Seltenheit, nicht bei diesem besonderen Gottesdienst in der Kölner Christuskirche. Hier ein rückblickender Bericht: Einmal im Monat, jeweils am dritten Samstag des Monats, organisiert Jugendleiterin Franziska Froböse gemeinsam mit Vikar Tim Lahr einen Jugendgottesdienst. Dieser wird von Jugendlichen für Jugendliche gestaltet, es ist eine offene Gottesdienstwerkstatt.

„Unsere Teilnehmenden sind ab dem zwölften Lebensjahr dabei, oft sind es Konfirmanden“, berichtet sie. Der etwas „andere“ Gottesdienst wird dabei stets gemeinsam in einem Workshop vorbereitet, morgens um zehn Uhr geht es los. „Wir sind dabei eher in der Rolle eines Coaches, die Jugendlichen erarbeiten sich das Thema im Grunde alleine, wir begleiten den Prozess“, erklärt die Jugendleiterin. Den ganzen Vormittag ist die Gruppe dann zusammen damit beschäftigt, das jeweilige Thema zu erarbeiten und nachmittags wird dann der Gottesdienst gefeiert. „Wir gestalten diese Gottesdienste seit zwei Jahren und die Nachfrage ist immer unterschiedlich – mal sind es nur einige wenige Jugendliche, die mitmachen, mal sind es viele“, so Froböse weiter. Es handelt sich um ein offenes Angebot, die Jugendlichen können ohne Anmeldung dazukommen und teilnehmen.

Thema des Gottesdienstes: „Love without borders“

An einem Tag im Jahr wird es jedoch erfahrungsgemäß stets richtig voll und das ist der Tag, an dem der Gottesdienst zum Christopher Street Day (CSD) gefeiert wird, so auch in diesem Jahr. „Wir haben dieses Thema nun zum zweiten Mal angeboten und beide Male konnten wir den Tag gemeinsam mit dem  Jugendzentrum „anyway“ organisieren und beide Male war die Nachfrage richtig groß“, erklärt das Leitungsteam. Auch diesmal hatten sich 13 Jugendliche bereit erklärt, den Gottesdienst vorzubereiten. Man wolle auch als Gemeinde ein Zeichen setzten, dass man offen ist für alle Menschen, jenseits der jeweiligen sexuellen Identität.

Das Motto lautet in 2019 „Love without borders“, dabei beschäftigte sich die Gruppe mit der jährlich stattfindenden Parade, die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern einsetzt. Diese feierte diesmal das 50-jährige Bestehen und war sehr gut besucht. Für die Gruppe in der Christuskirche ging es generell um das Thema Liebe, Ausgrenzung, Grenzen. Hierzu hatten die Teilnehmenden die Kirche am Stadtgarten mit verschiedenen symbolischen Stationen geschmückt. An diesen Stationen erklärten sie ihre Ideen, Wünsche und Sorgen zum Thema.

Grenzen des Hasses überwinden

„Es geht uns um die Grenzen des Hasses, welchen wir niederreißen wollen. Es geht aber auch um Grenzen, die gut sind, weil sie uns schützen. Es geht um die Frage, welche Grenzen wollen wir überwinden und welche Grenzen wollen wir aufrecht erhalten“, schilderte die Jugendleiterin die Fragestellungen, die von der Gruppe erarbeitet wurden. Dabei hat die Gruppe freie Hand, wenn es darum ging, diese auch im Gottesdienst aufzuzeigen. Man halte keine klassische Lesung und dann die Predigt, sondern könne sich auch anders aufstellen. Das Besondere an dem gemeinsam gestalteten Jugendgottesdienst sei es auch, dass alle Texte, Reden und Lieder, die vorgetragen werden, erst an diesem einen Tag entstehen. Der Tag wird nicht, wie sonst vielleicht üblich, langfristig geplant, sondern direkt gemeinsam erarbeitet. „Es ist immer der stressigste Tag des Monats, aber auch der schönste“, gibt Froböse unumwunden zu und man merkt ihr an, dass die positiven Momente deutlich überwiegen.

Achtung. Sie betreten den Grenzbereich der Liebe

Nach einer Generalprobe geht es dann immer los. Mit viel Musik werden die Gottesdienste eröffnet. Wie schon im letzten Jahr sind auch diesmal beim Gottesdienst zum CSD viele Jugendliche gekommen, um diesen Moment mitzuerleben. Die Bänke füllen sich. „Achtung, Sie betreten den Grenzbereich der Liebe“, werden die Besuchenden begrüßt. „Leider sind nicht überall alle willkommen, daher werden wir uns heute mit verschiedenen Grenzen auseinander setzen“, verspricht eine der Teilnehmerinnen aus dem Vorbereitungskreis. Man habe bereits eine erste Grenze überschritten, indem man die Tür der Kirche geöffnet habe, um am Gottesdienst teilzunehmen. „Wir setzen auf die Liebe“ – mit diesem Lied positionierte sich die Gruppe zu Beginn des Gottesdienstes.

Homophobes Video mit der Stimme übertönen

Die Grenzen des Hasses, so nennen die Jugendlichen Äußerungen, die sie am Vormittag gesammelt haben. Sie baten die Teilnehmenden des Gottesdienstes, gemeinsam einen Filmausschnitt anzusehen, in dem Homosexuelle beschimpft werden. Sie forderten alle Besucherinnen und Besucher auf, das Video mit ihren Stimme zu übertönen. „Wenn ihr lauter seid, als das Video, dann stellen wir es ab“, erklärten sie. Außerdem thematisieren sie auch Personen des öffentlichen Lebens, die sich gravierend mit Blick auf die sexuelle Orientierung äußern. Hier ging es zum Beispiel um US-Präsident Donald Trump, der die Diskriminierung von Homosexuellen staatlich legitimieren möchte.

Gott liebt uns und wir bitten um Gottes Segen

„Bei uns wird Homosexualität anerkannt, doch die Ehe für alle gibt es erst seit zwei Jahren – in anderen Ländern werden die Menschen verfolgt und können ihr Leben nur in Angst leben – jetzt wollen wir für diese Menschen bitten“, erklärten die Jugendlichen aus dem Vorbereitungsteam. Sie zündeten eine Kerze anund die Gruppe bewegte sich durch die Kirche – so entstand ein Gefühl der Gemeinsamkeit und auch ein Gefühl der Geborgenheit. „In der Bibel steht, du stellst meine Füße auf weiten Raum“, zitierten die Jugendlichen aus den Psalmen. „Gott liebt uns und wir bitten um den Segen Gottes“, schlossen sie den Gottesdienst ab. Der nächste Jugendgottesdienst wird vielleicht wieder etwas kleiner ausfallen. Er findet am Samstag, 21. September um 18 Uhr in der Kartäuserkirche, Kartäusergasse 7, gefeiert. Jeder Jugendliche, der sich beteiligen möchte, ist herzlich willkommen.

Text: Judith Tausendfreund
Foto(s): Judith Tausendfreund