Wolfgang Thielmann, Jürgen Domian, Anne Schneider, Nikolaus Schneider und Jörg Frank.



„Vom Leben und Sterben“ – Buchvorstellung Anne und Nikolaus Schneider

„Herzlich willkommen zu einem Abend, der im Zeichen des liebevollen Streitens stehen wird.“ Mit diesen Worten begrüßte Christoph Siepermann, Leiter der Neukirchener Verlagsgesellschaft, die Gäste in der Kulturkirche in Köln-Nippes. Anlass war die Vorstellung des Buches „Vom Leben und Sterben“, das Anne Schneider und ihr Mann Nikolaus, Altpräses der Evangelischen Kirche im Rheinland und von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), zusammen mit dem Journalisten Wolfgang Thielmann geschrieben haben. „Wir haben bei dem Buchprojekt gezögert. Aber jetzt sind wir im Ruhestand und haben zu dem Berufsalltag Abstand und größere Freiheit gewonnen“, sagte der Altpräses. In dem Buch stellt Thielmann Fragen, auf die Anne und Nikolaus Schneider antworten. Thema ist die Frage, ob man als Christ oder Christin bei schwerer Krankheit seinem Leben selbst ein Ende setzen darf, und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Die Antwort der Eheleute fällt unterschiedlich aus.

Eine religiöse, nicht unbedingt kirchliche Grundlage

„Das Buch richtet sich an Menschen, die nach Gottes Willen fragen. Es hat aus meiner Sicht eine religiöse Grundlage, die nicht unbedingt eine kirchliche Grundlage ist“, sagte Anne Schneider. „Die Frage nach einem würdigen Sterben muss ich in meiner eigenen Verantwortung entscheiden.“ Entscheidend ist für sie, „Mut zu machen zum selber Denken“. Denn: „Ethisch-moralische Antworten werden nicht nur Päpsten, Bischöfen und Synoden offenbart.“ Es gelte, die Antwort auf die Frage zu finden: „Wie spüre ich Gottes Wort in meiner ethischen Situation?“ Thielmann berichtete, wie die Systematik des Buches entstand: „Wir haben uns zwei Fragen gestellt: Welche Gottesbilder sind für uns wichtig? Von welchem Menschenbild gehen wir aus?“ Die EKD lehnt einen ärztlich assistierten Suizid ab. „Ich war lange Gemeindepfarrer. Das, was wir tun und sagen, muss den Menschen gut tun. Die Menschen, die leiden, müssen im Mittelpunkt stehen unseres Denkens und Handelns“, erwiderte Schneider. Gute Theologie könne nur dialektisch sein.

Entscheidend: Was der Sterbende wolle

Trotzdem gebe es klare Positionen: „Bei der Todesstrafe etwa können wir nur klar ,Nein‘ sagen.“ Anne Schneider führt weiterhin aus: „Im Moment ist es in Deutschland so, dass unheilbar kranke, schwer leidende Menschen nur die Wahl haben, von einem Hochhaus zu springen, sich vor den Zug zu werfen oder sich die Pulsadern aufzuschneiden. Das ist unwürdig.“ Ihr Mann verwies auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die in Kürze ansteht. „Die Rechtsordnung muss säkular sein. Auch über die Würde des Menschen muss säkular nachgedacht werden. Jeder Mensch will leben. Aber es kann sein, dass der Lebenswille bricht.“ Entscheidend sei, was der Sterbende wolle. Das Bundesverfassungsgericht sei nicht dafür da, „theologische Normen zu Gesetzen zu machen“, erwiderte seine Frau. Thielmann verwies darauf, dass das Bundesverfassungsgericht zwischen dem Strafrecht und dem Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit zu entscheiden haben. „Das Bundesverfassungsgericht wird den Gesetzgeber vor neue Aufgaben stellen.“

Uneinigkeit über die Rolle des Staates

Anne Schneider kritisierte die „Schritt-für-Schritt“-Haltung ihres Mannes. Sie hatte während ihrer inzwischen geheilten Krebs-Erkrankung ihren Tod geplant. „Ich kenne Ärzte, die mir die Reise in die Schweiz, um dort Suizid zu begehen, erspart hätten.“ Diese hatten zugesagt, sie beim geplanten Sterben zu begleiten und ihre Hand zu halten. Aber: „Der Staat hat die Aufgabe, Leben zu schützen und zu fördern“, entgegnete der Altpräses und forderte eine klare Abgrenzung vom Tod auf Verlangen. „Aktives Töten durch einen Arzt, etwa durch eine Todesspritze wie in Holland, lehne ich ab. Das darf keine Form ärztlichen Handelns sein.“ In Berlin sei kürzlich ein Arzt wegen Sterbehilfe verurteilt worden. „Diese Verunsicherung der Mediziner muss ein Ende haben“, forderte der Altpräses. In einer Talkrunde nach der Buchvorstellung, war neben dem Moderator Joachim Frank, Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeigers, dem Ehepaar Schneider und Thielmann auch Jürgen Domian zu Gast in der Kulturkirche.

Grenzen der Sterbehilfe

Der Ex-Night-Talker nannte den Hippokratischen Eid der Mediziner veraltet. „Gibt es etwas Menschlicheres, als einem Menschen in seiner existenziellen Not zu helfen?“ Man dürfe die „gnädige Hand, die mir den Trank reicht, nicht kriminalisieren“. Thielmann wandte sich gegen die gewerbliche Sterbehilfe. Damit dürfe niemand Geld verdienen. Das würde Ärzten unterstellt, die mehr als dreimal Sterbehilfe leisten würden. „Aber was ist mit den Medizinern auf Intensivstationen?“ Anne Schneider erinnerte an ihre eigene Krebserkrankung. „Während meiner Chemotherapie konnte ich keine Berührungen ertragen. Für mich war klar: So wollte ich mein irdisches Leben nicht verlängern.“ Klar sei aber auch: Ein assistierter Suizid nach einer gescheiterten Abiturprüfung sei natürlich undenkbar.

Die Todesversicherung in der Dose

Domian interpretierte Artikel 1 des Grundgesetzes: „Es geht da um die Würde des Lebens. Aber auch um die Würde des Sterbens. Für mich ist der assistierte Suizid die letzte Phase der Palliativmedizin.“ Der ehemalige Night-Talker hat vor Jahren auf einer Party die Schauspielerin Inge Meysel getroffen und mit ihr über den selbst bestimmten Tod gesprochen. „Sie hat ihre Handtasche aufgemacht, auf eine Tablettendose gezeigt und gesagt, sie habe ihre ,Todesversicherung‘ immer dabei.“ „Eine solche ,Versicherung‘“, so Anne Schneider, „hätte mich sicher motiviert, länger als ursprünglich geplant durchzuhalten.“


 

würdig leben – würdig sterben. Die Talkrunde zum Thema Sterbehilfe

Ein Mitschnitt des Abends wurde von der Landeskirche auf YouTube hochgeladen.

 

 

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Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann