„Ein Schatten, der über unserer Kirche liegt“ – Ausstellung „Überall Luthers Worte“
Superintendent Markus Zimmermann im NS-Dokumentationszentrum

„Ein Schatten, der über unserer Kirche liegt“ – Ausstellung „Überall Luthers Worte“

Das Schlusswort der Ausstellung stammt von Dietrich Bonhoeffer, der 1937 geschrieben hat: „Überall Luthers Worte und doch aus der Wahrheit in Selbstbetrug verkehrt.“ Beeindruckend ist, was Ausstellungskurator Dr. Ulrich Prehn zusammengetragen hat und nun im ELDE-Haus, dem NS-Dokumentationszentrum, Appellhofplatz 23-25, zu sehen ist. Die Ausstellung „Überall Luthers Worte“ gibt Anworten auf die Frage, wie die Nationalsozialisten zu Glaube und Kirche und insbesondere zu Martin Luther standen.

In ihrem Grußwort bei der Ausstellungseröffnung wies Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes auf ein Foto von 1935 hin, das im zweiten Stock in der Dauerausstellung im NS-Dokumentationszentrum hängt. Es zeigt den Altar in der Antoniterkirche, der von einem Tuch verhüllt wird. Auf diesem Tuch prangt unübersehbar ein Hakenkreuz. „Aber Moment mal: Wurden nicht Christen unter dem Nazi-Regime in ihrer Religionsausübung unterdrückt? Wurden nicht auch Christen in Konzentrationslager verschleppt?“, fragte die Bürgermeisterin und gab gleich die Antwort: „Ja, auch.“ 1933 hätten in Köln 150.000 evangelische Christinnen und Christen gelebt. Unter denen hätten die Deutschen Christen, die den Nationalsozialisten nahe standen, schnell die Oberhand gewonnen, sagt Scho-Antwerpes. „Aber warum haben die Leute mit den Nazis sympathisiert? Sie hatten ein autoritäres Staatsverständnis, waren antimarxistisch gesinnt und gegen die Weimarer Republik“, fuhr die Bürgermeisterin fort und verwies auf das Relief des SA-Mannes am Martin-Luther-Haus in Marienburg, das 1934 eingeweiht wurde. Nach der NS-Zeit habe man das Relief abgeschlagen, die Silhouette sei aber bis heute zu sehen: „Reicht abschlagen oder brauchen wir noch mehr Aufarbeitung.“

Pfarrer Markus Zimmermann, Stellvertretender Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region, nannte die NS-Zeit „einen Schatten, der über unserer Kirche liegt“. Er erinnerte an seine „Muttergemeinde“ Nippes, in der während des Nazi-Regimes der jüdische Kantor Julio Goslar entlassen wurde und der nach dem Zweiten Weltkrieg größte Schwierigkeiten gehabt habe, wieder eingestellt zu werden. Der Superintendent erinnerte an die Konflikte zwischen den Anhängern der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen in vielen Gemeinden jener Zeit. Zimmermann erwähnte auch das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. Das war eine kirchenübergreifende Einrichtung deutscher evangelischer Landeskirchen während der Zeit des Nationalsozialismus, zustande gekommen auf Betreiben der Deutschen Christen. Dort habe man die „Bibel entjuden“ wollen. „Luther ist für uns kein Heiliger“, erklärte Zimmermann weiter. Deshalb habe man das vergangene Jubiläumsjahr auch „Reformationsjahr“ und nicht „Lutherjahr“ genannt. „Martin Luther war ein Kind seiner Zeit. Die Spätschriften sind auf erschreckende Weise antisemitisch.“ 1980 habe sich die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland aber ganz klar der Geschwisterschaft mit den Juden und Gottes Verheißung eines eigenen jüdischen Staates vergewissert. Auch wenn man manche Aktionen des Staates Israel kritisch sehe, gelte: „Nicht das Christentum ist die Wurzel Israels, sondern Israel ist die Wurzel, die uns als Christinnen und Christen trägt.“

Dr. Ulrich Prehn erinnerte daran, dass 1933 auch der 450. Geburtstag von Martin Luther mit einem „Deutschen Luthertag“ am 10. November groß gefeiert wurde. 1934 habe man den 400. Jahrestag der Bibelübersetzung bejubelt. „Da gab es schon in den ersten zwei Jahren der NS-Zeit eine Vielzahl spezifischer Vereinnahmungen Martin Luthers durch die Nationalsozialisten.“ Auch nach der Pogromnacht 1938 habe man sich auf Luther berufen, der das Verbrennen von Synagogen als ultima ratio propagiert habe. Und auf die Schrift Luther „ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können“, hätten die Nazis während des Zweiten Weltgkrieges verwiesen. Die wirkliche sehenswerte Ausstellung lädt mit Texten und vielen Bildern dazu ein, sich über die Vereinnahmung des Reformators durch die Nationalsozialisten zu informieren. Da sieht man etwa „Reichsbischof“ Ludwig Müller in Wittenberg schon im September 1933 mit dem Hitlergruß flankiert von einer SA-Standarte. Und Joachim Hossenfelder, zeitweise Bischof von Brandenburg, der sagte: „Die Deutschen Christen sind die SA Jesu Christi.“

Die Ausstellung wurde erstmals während des Reformationsjahres 2017 in der Gedenkstätte Topogrophie des Terrors und dem NS-Zwangsarbeit Dokumentationszentrum in Berlin gezeigt. Nun ist sie weitergewandert nach Köln. Sie dauert bis zum 24. Februar. Sie ist geöffnet dienstags bis freitags von 10 Uhr bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 Uhr bis 18 Uhr.

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann