Stephanuskirche in Köln-Riehl nach ihrer Grundsanierung mit drei Gottesdiensten wiedereröffnet
Wiedereröffnung der Stephanuskirche in Köln-Riehl nach Grundsanierung bzw. Neubau am Pfingstsonntag

Stephanuskirche in Köln-Riehl nach ihrer Grundsanierung mit drei Gottesdiensten wiedereröffnet

„Wir sind froh und dankbar, dass es jetzt soweit ist“, hieß Pfarrer Uwe Rescheleit am Pfingstsonntag rund 55 Besucherinnen und Besucher sowie weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer an heimischen Bildschirmen zum ersten Gottesdienst in der „frisch renovierten Stephanuskirche“ an der Brehmstraße willkommen. Vor gut zwei Jahren startete die Generalsanierung des 1965 eingeweihten Gotteshauses der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Riehl. Nun zeigt es sich „rundum erneuert“ und „energetisch fast neutral“. Zeitgleich machte das „sehr bescheidene“ alte Gemeindezentrum einem größeren, barrierefreien Platz. Das moderne Gebäude verfügt über ein „stark erweitertes und flexibleres Raumprogramm für das Gemeindeleben“, großzügige Jugendräume sowie drei rollstuhlgerechte Wohnungen.

Aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen bot man zur Wiedereröffnung an Pfingsten gleich drei parallel live gestreamte Präsenz-Gottesdienste an. So konnten insgesamt gut 170 Menschen vor Ort dabei sein. Normalerweise verfügt die Kirche über 400 bis 500 Sitzplätze. Gefeiert haben die kooperierenden und bald fusionierenden Evangelischen Kirchengemeinden Köln-Riehl und Köln-Niehl mit Nachbarn unter anderem aus der Katholischen Kirchengemeinde St. Engelbert und St. Bonifatius sowie aus der Jüdischen Liberalen Gemeinde Gescher LaMassoret e.V.

Überschrieben waren die Gottesdienste mit „Gottes Geist beseelt seine FriedensWelt“. Sie waren neben Gebet und Predigt geprägt von Glück- und Segenswünschen, Rück- und Ausblicken. Ausführlich fielen die Danksagungen an die zahlreichen Förderinnen und Förder des von Zeller Kölmel Architekten geplanten und ausgeführten Projekts aus. Mit diversen musikalischen Beiträgen begeisterten sowohl Kantor Gerhard de Buhr als auch eingeladene Interpretinnen und Interpreten.

Im Auftaktgottesdienst warf die ehemalige langjährige Riehler Presbyterin Renate Heidenbluth einen Blick in die bewegte Geschichte und Gegenwart von Gemeinde und Stephanuskirche. Sie erinnerte daran, dass Anfang der 60er-Jahre über die zukünftige Gestaltung der Kirchenfenster entschieden worden sei. Statt der scheinbar favorisierten Idee mit biblischen Szenen habe sich aber „der sehr bunte, moderne Entwurf mit seiner schöpferischen Kraft“ durchgesetzt. Dabei sei zur Sitzung der Entwurf nicht ganz fertig und der Künstler selbst verhindert gewesen.

Heidenbluth betonte die Freundschaft mit der 1996 gegründeten jüdischen liberalen Gemeinde. Den Evangelischen Kirchenverband Köln und Region (EKV) sowie den Kirchenkreis Köln-Mitte bezeichnete sie als „unverzichtbare Förderer“ der jüngsten Baumaßnahmen. „Gelebte Geschwisterlichkeit, die weiterhilft, bekommt eine neue, einfache Ebene“, fasste sie die Unterstützung der benachbarten katholischen Kirchengemeinde in der Umbauphase zusammen. Schließlich hätten sich Bauleitung und Gewerke mit größtmöglichem Einsatz in der schwierigen pandemischen Situation engagiert. Viele Menschen aus Kirche und Gesellschaft hätten sich um das Bauprojekt verdient gemacht, sprach Presbyterin Ute Pollmann-Spürck für die Evangelische Kirchengemeinde Köln-Riehl stellvertretend einigen von ihnen namentlich „unseren besonderen Dank und unsere Wertschätzung aus“.

In seiner Predigt über Turmbau zu Babel mit der Sprachverwirrung und den Pfingstbericht aus der Apostelgeschichte ging Rescheleit auch auf die „riesige bunte Fassade aus farbigem Glas“ der Stephanuskirche ein. Hier werde Licht aufgebrochen in viele Facetten wie in einem Regenbogen. „Warum? Weil Heimat im Leben immer fragmentarisch ist.“ Denn total, so hörten wir im 1. Buch Mose, sei nur die totale Sonnenfinsternis erbarmungsloser Diktatur. Jeder Kirchbau, jeder Gemeindeaufbau sei ja auch eine Heimatsuche. „Eine Suche nach Gottes Frieden“, verdeutlichte Rescheleit. Heimat sei aber nicht total, „da ist Gott gegen“. Seit Menschen nach Heimat suchten, habe das auch mit der Hoffnung der je anderen auf Heimat zu tun. „Sonst wären wir gar keine Menschen.“ Christlich-österlich gesprochen sei die Präsenz Christi im Heiligen Geist schon gegenwärtig, „da wir auf der Suche nach der Friedensheimat sind. Denn in Christus leben wir, in ihm und durch ihn und mit ihm.“

Die Apostelgeschichte „macht die Türen auf“. Jetzt gehe es raus an die frische Luft, raus aus dem zugesperrten Haus aus Angst. „Und wir nehmen wahr, Kommunikation ist und bleibt alternativlos.“ Auch wenn sie das Schwierigste überhaupt sei und bleiben werde, so Rescheleit. Draußen vor der Kirche sei die Welt schön, zugleich gebe es so viel Dunkles. Immer lauter werde das Absprechen des Menschseins des anderen, beklagte der Prediger. Verbreitet durch Satelliten, könne Gegnerschaft wie eine Welle um den Globus laufen, stellte er eine Sprachverwirrung wie zu Babel fest. Sie führe etwa zu Kulturabbruch und Verrohung, angeheizt durch neue digitale Möglichkeiten – „ein Turmbau wird neu ausgemalt in Maßlosigkeit und globaler Bedrohung“.

„Mit welcher Sprache möchten wir sprechen als Gemeinde in solch einer Welt, wenn wir von Gott wissen, dass seine Vorstellung vom Friedensreich keine lebensfeindliche Einheitsideologie ist und Gewinn daraus zieht, Lebensräume zu zerstören?“, fragte Rescheleit. Wir müssten in der Lage sein die Selbstzerstörung der Menschheit zu verhindern. Wir müssten neu sehen lernen, dass wir eine heilsame Grenze bräuchten. „Wir hängen nicht von der Maximierung aller Lebensbereiche ab.“

Pfingsten habe zwei Richtungen, so Rescheleit. „Es lebt vom Klima der Freiheit, der Lichtdurchflutung, der Gotteskindschaft auf Erden. Es lebt von Gerechtigkeit und Solidarität.“ Und zweitens werde diese neue Art zu sprechen den Tod nicht mehr totschweigen. Sie werde der Auferstehung das Wort reden, diese fördern und zulassen. „Wir lernen aus der Schrift des Lukas: Pfingsten hinter Mauern geht nicht. Möge dieses Haus ein Ort aus Licht bleiben, an dem Gottes Geist Heimat findet, an dem Menschen Kinder Gottes sein dürfen“, schloss Rescheleit.

Für den EKV und den Kirchenkreis Köln-Mitte gratulierte Superintendentin Susanne Beuth der Riehler Kirchengemeinde ganz herzlich zum „schönen neuen Zentrum“. Zur Wiedereröffnung sei ihr der Beginn des 127. Psalms eingefallen: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, arbeiten umsonst die daran bauen.“ Dessen Überschrift „An Gottes Segen ist alles gelegen“ formulierte sie anlässlich des Feiertages in „An Gottes Geist ist alles gelegen“ um. Darum gehe es ja an Pfingsten: „Dass der Geist die Häuser füllt, die Menschen rausbringt, um weiter zu erzählen, was sie von der Liebe Gottes erfahren haben. Die Liebe Gottes weiterzubringen in Wort und Tat.“ Dafür sei diese Kirche jetzt noch mehr als vorher ein Raum. Er verdeutliche und versinnbildliche, dass wir uns nicht in einer Höhle befänden, in der uns die Außenwelt gar nichts angehe – „sondern es gibt fast rundum Fenster, die einem Licht bringen und auch nach draußen scheinen lassen, so dass wir verbunden sind mit den anderen“.

Gefühlt habe dieser Raum jetzt noch mehr als vorher einen Zeltcharakter, blickte Beuth auf die Architektur. Das gehöre ja „auch zu unserem Glauben, dass das Volk Gottes immer auf der Wanderschaft ist, nicht angekommen“. Aber wie schon zuvor sei auch die sanierte Kirche ein Ort, an dem wir unseren Glauben lebten und feierten. Dieser Raum, dieses Zentrum biete so viel Platz für Menschen, für Feiern, für Fröhlichkeit, aber auch für schwierige Momente, die man zusammen durchstehen könne. Der Gemeinde Riehl, die sich so verändert habe in der Zeit, gratulierte sie zum Aufbruch, zu dem „Mut, nicht einfach am Alten festzuhalten und zu gucken, wie man das möglichst lange erhalten kann, sondern neu zu gestalten, weiterzugehen, neues zu tun“. Das sei auch ein Vorbild für unseren Kirchenkreis, für unsere Gemeinschaft in Köln, dankte die Superintendentin.

Herzliche Glückwünsche richtete ebenso Rafi Rothenberg, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Liberalen Gemeinde Gescher LaMassoret e.V., an die Evangelischen Riehls. Diese hätten vor über zwanzig Jahren die kleine jüdische Gemeinde eingeladen, in der evangelischen Kreuzkapelle in der Stammheimer Straße ihre Synagoge einzurichten. Er betonte die sehr fruchtbare und beispielhafte Zusammenarbeit. So nehme man gegenseitig an Festen und Feiertagsgottesdiensten teil. „Wir haben uns bei ihnen immer wie Freunde gefühlt. Freunde, die unser Anderssein schätzen und respektieren. Dies wünsche ich mir auch für die Zukunft.“ Rothenberg kennt „keinen anderen Stadtteil in Köln, in dem die Zusammenarbeit der Religionen schon so selbstverständlich ist wie hier bei uns. Lasst uns weiter als gutes Beispiel vorangehen.“ Die 2016 entwidmete Kreuzkapelle, die an die Antoniter Siedlungsgesellschaft mbH (ASG), die Wohnungsbaugesellschaft im EKV verkauft worden ist, wird derzeit renoviert und umgebaut. „Wir hoffen sehr, dass wir in nicht allzu langer Zeit gemeinsam unsere Synagoge in der Stammheimer Straße einweihen können“, lud Rothenberg ein.

Der katholische Pfarrer Stefan Klinkenberg untermauerte Rothenbergs Aussage über das gute Miteinander der Religionen im Veedel. Zugleich schloss er sich dessen Wunsch nach einem intensiveren interreligiösen Dialog an. Im Namen der Katholischen Kirchengemeinde St. Engelbert und St. Bonifatius gratulierte Klinkenberg den evangelischen Christen in Riehl, dass sie nach langer Zeit ihre alte Heimat zurückbekommen hätten. Er nannte es „ein tolles Zeichen, dass gerade zum Pfingstfest der Geist Gottes ganz öffentlich in diesem Raum zum ersten Mal wieder wehen kann“. Stolz und bewegt zeigte sich Klinkenberg darüber, dass der Taufstein der nach sechzig Jahren aufgegebenen katholischen Kirche St. Hildegard an der Florastraße nun in der Stephanuskirche einen wunderschönen Platz gefunden habe. Rescheleit würdigte das Geschenk als „sichtbares Zeichen ökumenischer Verbundenheit in unserer Kirche“.

Die von der in Köln sitzenden Zeller Kölmel Architekten GmbH geplante und ausgeführte Sanierung der evangelischen Stephanuskirche mitsamt Neubau des Gemeindezentrums hat die Jury des Kölner Architekturpreises 2021 mit einer Anerkennung gewürdigt. „Um den Kirchenraum an die heutigen raumklimatischen Standards anzupassen und damit wieder nutzbar zu machen, wurde eine zweite Haut bündig an den Dachrand angesetzt, so dass der Luftraum zwischen den beiden Glasschichten durch natürliche Konvektion beziehungsweise Strömungstransport für den sommerlichen Wärmeschutz sorgt“, heißt es in der Begründung. In einem gekonnten Zusammenspiel mit dem präzise gesetzten Ersatzneubau für das Gemeindezentrum sei dem Architekturbüro die Transformation zu einem zeitgenössischen Kirchenkomplex mit einem eigenständigen architektonischen Ausdruck gelungen.

Die drei Pfingstgottesdienste sind als Video auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Kirchengemeinden Köln-Niehl und Köln-Riehl weiterhin verfügbar.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Engelbert Broich