Stadtsuperintendent Bernhard Seiger beleuchtet die spirituelle Krise der Kirche
Bernhard Seiger während einer Videokonferenz per Zoom

Stadtsuperintendent Bernhard Seiger beleuchtet die spirituelle Krise der Kirche

Die Neugierde auf theologische Sichtweisen, auf neues Denken und die Freude am, manchmal auch kontroversen, Austausch sind seit 25 Jahren Kennzeichen der Theologischen Seminare. Seit 1996 finden diese Seminare der Evangelischen Kirchengemeinde Bergisch Gladbach in Schildgen auf Initiative von Pfarrer Christoph Nötzel und Professor Klaus Elgeti als ökumenisches Angebot in enger Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirchengemeinde Herz Jesu Schildgen statt.
In diesem Jahr laden die Organisatoren, Antje Rinecker, Pfarrer Jürgen Manderla und Pfarrer Thomas Biju, zum ersten Mal nicht in ihre Kirchen, die evangelische Andreaskirche und die katholische Herz-Jesu-Kirche ein. Vielmehr finden die Vortrags- und Diskussionsabende zum diesjährigen Thema „Reif für die Krise? Schlaglichter aus christlicher Perspektive“ als Zoom-Meetings statt.

Spirituelle Krise der Kirchen im Brennglas von Corona

In der zweiten Veranstaltung der vierteiligen Seminarreihe beleuchtete der Kölner Stadtsuperintendent, Bernhard Seiger, unter dem Titel „Spirituelle Krise der Kirchen im Brennglas von Corona“ Vergangenheit und Zukunft der Kirchen und tauschte sich nach seinem Vortrag mit den 25 Teilnehmern aus.
Das Wort „Krise“ klingt immer dramatisch, doch, wie der Theologe ausführte, kann sie auch als Chance gesehen werden. „Wir dürfen nicht ausblenden, dass es Debatten über Missbrauchsskandale gibt, dass die Zahl der Kirchenaustritte besorgniserregend ist und Kirchen geschlossen werden. Auch in der aktuellen Corona-Pandemie haben wir nicht immer eine gute Figur gemacht, sondern als Kirche immer wieder erschöpft gewirkt“, startete er in einen Impulsvortrag, der letztlich doch das Positive in den Blick nahm.
Denn, so betonte der Stadtsuperintendent: „Das Hadern an der Krise bindet Energie, die wir für die Seelsorge brauchen, dafür, die Menschen wahrzunehmen. Wir klagen zwar, spüren aber durch die Herausforderungen der Krise auch unsere Lebendigkeit.“ Gab es eigentlich jemals eine Kirche ohne Krisenmodus? Auch dieser Frage ging Bernhard Seiger nach und konstatierte klar: „Nein, vermutlich nicht.“ Die Krise sei die „eigentliche Lebenssituation vor Gott“, da Christinnen und Christen immer Suchende sind, die hoffen, den unberechenbaren Gott zu finden. Das wache geistliche Leben zeichne sich dadurch aus, nie gesichert zu sein, sondern immer Irritationen mit sich zu bringen: „Es gibt keinen Stillstand im Glauben.“

„Im Mangel Schätze finden“

Dass das nie einfach war, und auch heute nicht einfach ist, wurde deutlich im zweiten Teil des Vortrages, in dem der Theologe darüber sprach, was wir alle aktuell vermissen. Da ging es um die Nähe der Gemeinschaft im Präsenzgottesdienst, das Singen, das Sakrament des Abendmahls. „Das menschliche Leben ist ein Leben in Beziehung – einer Beziehung, die in dieser Zeit enorm eingeschränkt wurde.“ Dieser Mangel an Beziehungen werde in den kommenden Zeiten zeigen, ob die Verbindungen innerhalb der Gemeinden stark genug waren, um neu zu entstehen, oder, ob die Kirche vertrocknet. „Ein Trost ist es, dass wir im Mangel Schätze finden können, die wir in der Sattheit übersehen hätten, gab Bernhard Seiger zu bedenken.
In der anschließenden Gesprächsrunde griff Antje Rinecker diesen Gedanken auf, jedoch mit einer eher sorgenvollen Prognose: „Hoffentlich füllen die Menschen diesen Mangel nicht mit vielen anderen Ablenkungen und übersehen schließlich, was die Kirche alles zu geben hat. Wir dürfen diesen möglichen Relevanzverlust nicht aus den Augen verlieren.“
Ein Einwand, den der Stadtsuperintendent hoffnungsvoll beantwortete: „Einer Ersatzbefriedigung kann man schnell überdrüssig werden. Wenn wir zeigen, dass Kirche ein besonderes Angebot hat, das es nicht überall gibt, ist das eine Chance. Allerdings müssen wir dafür jetzt jeden Einzelnen in den Blick nehmen.“ Hier ergänzte eine Teilnehmerin: „Wir lernen gerade den Verzicht auf Konsum. Vielleicht ist das ein Weg hin zu mehr spirituellen Fragen, die von der Kirche beantwortet werden können?“
Mit einem Schlusswort von Pfarrer Jürgen Manderla, der hervorhob, Vermissen und Leiden in dieser schwierigen Zeit dürften durchaus sein und wahrgenommen werden, schloss der Abend.

Drittes Theologisches Seminar 2021

Die nächste Veranstaltung mit Gregor Taxacher als Referent findet am Mittwoch, 17. März, ab 20 Uhr online statt. Thema ist „Apokalypse – echt jetzt? Eine theologische Krisen-Intervention“. Kostenbeitrag: 5 Euro.
Text: Katja Pohl
Foto(s): Mathias Pohl