v.l. Robert Kleine, Werner Schneider, Bernhard Seiger



„Sorgende Gemeinschaft und das Sterben. Soziale Ungleichheit als Herausforderung auch am Lebensende.” Hospizkultur im Wandel

Die Hospizkultur war, ist und bleibt als soziale Innovation wichtig, muss sich jedoch an den Wandel der Gesellschaft anpassen und die Frage der sozialen Gerechtigkeit stärker berücksichtigen. Das sind die zentralen Aspekte, die Dr. Werner Schneider, Professor für Soziologie an der Universität Augsburg, am vergangenen Samstag beim gut besuchten Hospiz- und Palliativtag in Köln angesprochen hat.

Vortragsthema und Veranstalter

„Sorgende Gemeinschaften und das Sterben. Soziale Ungleichheit als Herausforderung auch am Lebensende“ lautetSe der Titel des Vortrags, den er in der Karl-Rahner-Akademie hielt. Veranstalter waren das Palliativ- und Hospiznetzwerk Köln, die Hospiz + Palliativ Arbeitsgemeinschaft Köln sowie das Katholische Bildungswerk. Neben der Karl-Rahner-Akademie unterstützte der Evangelische Kirchenverband Köln und Region die Veranstaltung.

Stadtsuperintendent Bernhard Seiger sprach an, in der heutigen Gesellschaft, in der die Individualität als „unglaublich hohes Gut“ zähle, sei zugleich zu erleben, „dass wir Gemeinschaft brauchen“. Ein Bedürfnis, das am Lebensende besonders dringlich werde. Alte und krank gewordene Menschen, oft genug vereinsamt, hätten vor allem Nähe nötig, jemanden, der sich Zeit für sie nehme und sich auf sie einlasse. Hier leiste die Hospiz- und Palliativarbeit mit ihrer Vielzahl von Diensten und Einrichtungen sowie zehntausenden ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern in Deutschland einen unverzichtbaren Beitrag.

Köln

Mit Blick auf lokale Verhältnisse ergänzte Seiger: „Ich habe den Eindruck, dass wir in Köln gut aufgestellt sind.“  Stadtdechant Monsignore Robert Kleine merkte an, das Konzept der „Sorgenden Gemeinschaft“ („Caring Community“), für das die Hospizbewegung nach den Worten von Schneider die „Blaupause“ liefert, entspreche der katholischen Soziallehre mit ihren Prinzipien von Subsidiarität und Solidarität; und er hob die Bedeutung hervor, einen „gemeinsamen Wertehorizont zu teilen“. Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes sagte, trotz aller Fortschritte sei der Tod „immer noch ein Tabuthema“:  „Wer denkt schon gerne darüber nach“.

Genau dies tat Schneider in seinem „Diskussionsbeitrag aus Sicht des Soziologen“, wie er ihn nannte. In einem historischen Rückblick stellte er den fundamentalen Wechsel in der Auffassung des Sterbens heraus. In der „traditionalen Gesellschaft“, deren Mitglieder damit hätten rechnen müssen, „dass der Tod jederzeit eintreten kann“, und die ein „religiös dominiertes Weltbild“ geleitet habe, sei das Lebensende gemeinhin als Übergang ins Jenseits empfunden worden.

Die Rolle der Ärzte

Eine herausgehobene Rolle dabei habe der Priester gespielt. Den habe in neuerer Zeit der Arzt abgelöst mit der Aufgabe, den Tod so weit wie möglich hinausschieben. Das „Jenseits als kollektiv verbindliche Vorstellung“ sei zurückgewichen; in der heutigen Gesellschaft herrsche ein Gefühl „potenzieller Unsterblichkeit“ vor. Das Sterben sei „privatisiert“ worden, und man habe die Sterbenden „abgesondert“. Gegen deren „praktische Hospitalisierung“ habe sich – in Deutschland beginnend in den 1980er Jahren – die Hospizbewegung mit ihrer Vorstellung vom „guten Sterben“ formiert.

„Wir brauchen post-traditionale, neue Formen der alltagspraktischen Vergemeinschaftung“, sagte Schneider; die „Sorge-Kultur“ der Hospizbewegung bilde ein gutes Erfahrungsfundament, auf dem die „Caring Community“  aufbauen könne, eine kleinteilige, räumlich nahe Gemeinschaft, deren Mitglieder sich umeinander sorgen. Allerdings sei eine Weiterentwicklung des  Modells gemeinschaftlicher Sorge nötig, weil sich die Rahmenbedingungen in den zurückliegenden Jahrzehnten gewandelt  hätten, hin zu einer „vielfältigen, heterogenen Gesellschaft“, führte der Soziologe aus. Die „bürgerliche Kleinfamilie“ mit ihrer geschlechtsspezifischen Rollenverteilung sei passé, die Arbeitsverhältnisse hätten sich flexibilisiert, und die sozialstaatliche Sicherung sehe heute anders aus. Dadurch hätten sich die Voraussetzungen für das freiwillige, zivilgesellschaftliche Engagement geändert.

Soziale Ungleichheit

Bisher habe gegolten: „Die Hospizbewegung wird von der gehobenen Mittelschicht getragen, von weiblicher Seite“.  Damit war das Thema der sozialen Ungleichheit berührt. Wozu auch die schlichte Erkenntnis gehörte: Wer mehr Geld habe, lebe gesünder – und länger. Das soziale Gefälle zeige sich ebenso darin, dass ökonomisch besser gestellte Menschen eher Hospizarbeit in Anspruch nähmen als andere und eher in ein Pflegeheim gingen, sagte Schneider. Er sprach von „sozialer Selektivität“, vom Problem der „Zugangsgerechtigkeit“. Diesen und anderen Herausforderungen gelte es bei der Bildung von „Caring Communities“ Rechnung zu tragen.

Text: Clemens Schminke
Foto(s): Clemens Schminke