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Sechzig Jahre Diakonie Michaelshoven e.V.: Feier mit Bläck Fööss und anderen; Geschichte und Gegenwart aus dem Blick von Menschen zweier Generationen

Wenn der größte diakonische Träger auf Kölner Stadtgebiet einen „runden Geburtstag“ feiert, darf mit enormer Resonanz gerechnet werden. Und mit Regen. 2000, beim Fest anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Diakonie Michaelshoven e.V., wäre der zentrale Park des Diakoniedorfes beinahe „abgesoffen“. Eine Dekade später feierten in Michaelshoven wiederum tausende Besuchende mit den Bewohnenden. Und auch der zum 60-jährigen Bestehen der Diakonie ausgerichtete „Jahrmarkt der Vielfalt“ für die ganze Familie blieb nicht von Niederschlag verschont. Doch die Auftritte der Bläck Fööss, von Brings und anderen Gruppen auf der Bühne ließen die triste Witterung (fast) vergessen. Und die Stände, an denen sich etwa die Geschäftsbereiche Seniorendienste, Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe, Berufsförderungswerk, Integrationshilfen, Auxilio Servicedienstleistungen sowie die 2008 gegründete Stiftung „einfach helfen“ vorstellten, waren – in meteorologischer Voraussicht – überdacht.


Die Bläck Fööss



Entstehungsgeschichte
Das Diakoniedorf Michaelshoven liegt im Kölner Süden. 1955 wurden hier, auf ehemaligem Ackerland, die Grundsteine für die ersten Gebäude gelegt – unter anderem auch für die evangelische Erzengel-Michael-Kirche. Bereits 1950 hatte Pfarrer Erwin te Reh in Stephansheide, einem Gebiet in Rösrath-Hoffnungsthal, der Coenaculum e.V. – wie der Trägerverein dann noch lange Zeit hieß – gegründet. „Das Dorf Michaelshoven ist das Herzstück der Arbeit des Vereins“, betont heute Gerhard von Dreusche, der Kuratoriums-Vorsitzende. „Gleichwohl sind wir weit über Köln hinaus vertreten, von Mönchengladbach, Bonn bis ins Bergische Land“.

„Kann man da so einfach hineingehen“?
Von Dreusche wohnt seit 1968 mit seiner Familie im Kölner Süden. Damals, erinnert sich der inzwischen pensionierte Leiter eines Kölner Gymnasiums, habe sich seine Beziehung zur Diakonie Michaelshoven zunächst auf das Wissen um deren christlich-soziale Arbeit beschränkt. „Ich war sehr interessiert an dieser Einrichtung, schon allein, weil ich aus einem Pfarrhaus stamme, in dem diakonische Arbeit eine große Bedeutung besaß.“ Michaelshoven sei ihm einst wie ein in sich geschlossener Ort vorgekommen. „Ich hab´ mich gefragt, ob man da so einfach hineingehen kann, über die von der Sürther Straße abzweigende Hauptverbindung.“ Die sollte später, ermöglicht auch durch das Engagement des Lokalpolitikers von Dreusche, den Namen Pfarrer-te-Reh-Straße erhalten. „Ich empfand Michaelshoven als ein abgeschlossenes Areal mit eigenständigem Leben. Das war vom Gründungsvater durchaus mitgedacht: Die Menschen, die hier Aufnahme und eine neue Bleibe finden, sollten sich geborgen fühlen, abseits der Hektik der Großstadt.“ Jedoch sei es ein falscher Eindruck gewesen, diese Abgeschlossenheit gleichzusetzen mit einer gewollten Aussperrung der interessierten Öffentlichkeit.

Vom interessierten Betrachter zum Kuratoriums-Vorsitzenden
Das erkannte von Dreusche spätestens als Vorsteher des Stadtbezirks Rodenkirchen. Von 1989 bis 1999 bekleidete der Sozialdemokrat dieses Amt. In diesem Zusammenhang, aufgrund diverser Besuche, intensivierte sich sein Kontakt zur Diakonie. „Ich erhielt einen tieferen Einblick in ihre Arbeitsbereiche. Es ergaben sich zahlreiche Verknüpfungen, aus denen rasch eine bis heute bestehende Mitarbeit erwachsen ist. Das war eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.“ 1992 trat er dem Verein bei, wurde 1996 in den Vorstand gewählt. Seit der Umstrukturierung des Vereins 2001 ist von Dreusche Mitglied des Kuratoriums, dessen Vorsitz er 2002 von Hannelore Häusler, der ehemaligen Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Süd, übernahm.


Simone Schön (Leiterin der Unternehmenskommunikation) und Gerhard von Dreusche (Kuratoriumsvorsitzender)



Erster Eindruck: auffällig viel „Engagement der Mitarbeitenden“
Simone Schön hörte erstmals 2004 aufgrund einer Stellenausschreibung von der Diakonie Michaelshoven. 1971 in Düsseldorf geboren, war sie zuvor in einer PR-Agentur tätig. „Ich wollte mich verändern, wünschte mir eine Tätigkeit, mit der ich mich identifizieren kann: Ich wollte in einem Sozialunternehmen arbeiten.“ Beim ersten Besuch in Michaelshoven erstaunte sie die Größe der Einrichtung und die hohe Zahl der beschäftigten wie betreuten Menschen. Heute zählt die Diakonie rund 1.800 Mitarbeitende; letztes Jahr wurden über 3.500 Menschen ständig, insgesamt 11.700 betreut. „Entzückt war ich von dem Park, hier mitten im Kölner Süden“, so Schön. Sie erhielt die angebotene Stelle in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, lernte nach und nach die vielfältigen Bereiche des Unternehmens kennen und ist seit April 2009 Leiterin der Unternehmenskommunikation. „Schon bei meiner ersten Begegnung fiel mir auf, mit wie viel Engagement die Mitarbeitenden hier ans Werk gehen“, betont sie. „Dabei verfolgen wir nicht nur originäre diakonische Aufgaben, sondern sind auch an der Entwicklung neuer Angebote interessiert.“

Ein „knatschmodernes Unternehmen“: Stukturen haben sich modernisiert, aber nie den Bezug zur evangelischen Kirche verloren
Den „gewaltigsten Einschnitt“ innerhalb der Entwicklung der Diakonie Michaelshoven e.V. sieht von Dreusche im Rückblick in der „Umgestaltung des Sozialvereins als Träger unterschiedlicher Hilfs- und Unterstützungseinrichtungen zu einem modernen Sozialunternehmen mit einer Holdingstruktur. Diese Veränderung hat uns den größten Fortschritt gebracht.“ Mit der 2001 begonnenen Umgestaltung ging eine Satzungsänderung einher. „Zuvor traf die Gesamtheit des Vorstandes die Entscheidungen für das operative Geschäft und fungierte zugleich als Aufsicht. Das war ein ganz schlechtes Modell. Für ein so großes Unternehmen benötigten wir andere Formen der Aufsicht.“ Zur Erinnerung: noch einmal hier nur die größten Geschäftsbereiche Michaelshovens: Seniorendienste, Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe, Berufsförderungswerk, Integrationshilfen, Auxilio Servicedienstleistungen und die Stiftung „einfach helfen“.
Seit der Umstrukturierung besteht der Vorstand nur noch aus zwei Personen: dem kaufmännischen einerseits und dem theologischen Vorstand andererseits. Die Aufsicht und Begleitung obliegt einem siebenköpfigen Kuratorium. Es setzt sich aus sechs von der Mitgliederversammlung gewählten Mitgliedern zusammen. Ein weiteres Mitglied wird laut Satzung immer vom Evangelischen Kirchenverband Köln und Region in das Gremium entsandt. „Es stellt sozusagen das Bindeglied zur evangelischen Kirche dar. Unser Verein ist unverändert ein selbst bestimmtes Mitglied in der Diakonie des Kirchenverbandes.“
Wie haben die Mitarbeitenden auf die Umstrukturierungen reagiert? „Solche Vorgänge können Ängste auslösen“, setzt Schön an, und Dreusche fährt fort: „Aber das war hier mehrheitlich nicht der Fall. Unser Vorstand hat die Abläufe gut koordiniert und Ängste abgebaut. Weit überwiegend hat die Mitarbeiterschaft in einer sehr aktiven Art und Weise mitgezogen.“ Schön begründet: „Die Umstrukturierungen haben ja keine Abspaltungen zu Folge gehabt. Ich habe den Eindruck, dass man sich hier einem gemeinsamen Unternehmen zugehörig fühlt.“
„Aufgabe des Kuratoriumsvorsitzenden ist es, die Geschäfte des Vorstandes ständig zu begleiten“, so von Dreusche. Glücklich zeigt er sich mit der vollzogenen Überführung der einzelnen Vereinsteile in Geschäftsbereiche mit der Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH – sie sind jetzt hundertprozentige Töchter des Vereins. „Zuvor haben die Vereinsteile mit unterschiedlichem Erfolg nebeneinander gearbeitet, ohne zu sehen, wo und wie viele Verknüpfungsmöglichkeiten bestehen. Ohne die vielfältigen Potenziale des Zusammenwirkens der Dienste in irgendeiner Weise auszuschöpfen.“ Das habe sich grundlegend geändert, spricht von Dreusche von „einer größeren Effektivität“. „Wir haben alles auf eine wirtschaftliche, transparente Basis gestellt. Wir sind ein knatschmodernes Unternehmen.“
Für Schön ist das Diakoniedorf Michaelshoven „ein Ort der Begegnung, ein Zentrum“. Dies macht sie insbesondere an der dortigen Erzengel-Michael-Kirche fest, frühes bauliches Zeichen der christlichen Grundlage und Orientierung der Vereinsarbeit. „Unsere Kirche wie auch die Stephanus-Kapelle in Stephansheide zeigen, dass das Glaubensbekenntnis im Mittelpunkt unserer Arbeit stand und steht. Bis 2007 waren wir eine Anstaltsgemeinde, mussten diesen Status aus finanziellen Gründen aber aufgegeben“, ergänzt von Dreusche. So sei die Zeltdach-Kirche in Michaelshoven zwar nicht mehr regelmäßig Gottesdienst-Ort, unverändert aber eine besondere Stätte für Zusammenkünfte, etwa im Rahmen der vielfältigen Kulturveranstaltungen.

Ein „großes, lebendiges Bild“ des „Helfen-Könnens“
Die Frage nach dem „schönsten Erlebnis“ während ihrer bisherigen Diakonie-Tätigkeit möchten weder von Dreusche noch Schön auf ein Ereignis reduzieren. „Ich empfinde es als ein ´Kontinuum der Freude´, dass in dieser tollen Entwicklung unseres diakonischen Unternehmens die Potenziale immer deutlicher hervortraten und sichtbar geworden ist, wie viel Potenziale weiter geschöpft werden kann.“ Ebenso erinnert sich von Dreusche gern an die Begegnungen mit „sehr vielen tollen Menschen innerhalb und außerhalb der Diakonie“, unter anderem dem damaligen Präses Manfred Kock oder dem jetzigen Präses Nikolaus Schneider, „der sich unserer Arbeit ganz besonders aufgeschlossen gezeigt hat“. Schön sieht eine „Perlenschnur mit vielen kleinen Ereignissen. Man hört Geschichten und sieht, wie man Menschen helfen kann. Dieses Helfen-Können bei einzelnen Schicksalen liefert unzählige Mosaiksteinchen für ein großes, lebendiges Bild.“ Als ein „wunderbares Symbol“ dafür nennt sie die Verabschiedung des Leitbildes, bei dem Kinder 1.000 Luftballons steigen ließen.
Auch bei der Nennung der „größten Enttäuschung“ herrscht Einigkeit zwischen von Dreusche und Schön. Beide bedauern die 2009 notwendig gewordene Schließung der Senioreneinrichtung St. Agnes in Bonn. „Wir haben sie 2000 eröffnet, auch für Menschen, die ihren Platz privat finanzieren können“, sagt von Dreusche. „Aber die wirtschaftlichen Bedingungen für die Trägerschaft eines solchen Hauses waren nicht gegeben“, verweist Schön etwa auf konkurrierende Angebote im „hochpreisigen Segment“. Zu dem Entschluss habe es aber keine Alternative gegeben, meint von Dreusche: „Für die Menschen, die wir an erster Stelle bedienen, die einer besondere Betreuung bedürfen, dürfen wir kein Geld an anderer Stelle ´verbrennen´.“

Vom „geschlossenen Dorf“ zum „offenen Kommunikationsfeld“
Als „Kontinuum der Sorge“ bezeichnet von Dreusche die Substanzerhaltung der „in die Jahre gekommenen Gebäude“. Im Rahmen der Entwicklung des Campus´ werden ältere Bauten, wie ein Internatsgebäude im Berufsförderungswerk, weichen müssen. Neue sollen hinzukommen. Die Zukunftsplanung für Michaelshoven sehe vor, das in sich geschlossene Dorf in ein „offenes Kommunikationsfeld“ umzuwandeln. „Wir möchten uns auch öffnen für möglichst viele Angebote, die zu uns passen“, denkt von Dreusche etwa an die Ansiedlung eines Medizin-Zentrums mit vielfältigen ambulanten Angeboten, „vom Fitness- bis zum hochwertigen Therapie- und Reha-Zentrum“. Eine seiner Wunschvorstellungen ist die Ansiedlung einer Einrichtung der Universität zu Köln mit Forschungsschwerpunkt Gerontologie. Mit wissenschaftlichen Instituten habe man gute Erfahrungen gemacht. So hatte bis zuletzt ein Institut der Deutschen Sporthochschule Köln, das über körperliche Befindlichkeit forscht, in dem abzureißenden Internatsgebäude seinen Sitz. „

Zukunftspläne – nicht ohne Investoren
Wir haben unsere Aufgabe für die Menschen hier, verfügen aber leider nicht über einen ´Goldesel´. Daher benötigen wir als Partner Investoren, die auch einen wichtigen sozialen Beitrag leisten wollen. Daraus kann sicherlich eine ´win-win´-Situation geschaffen werden“, weist von Dreusche auf das hohe fachliches Know-how der Diakonie-Mitarbeitenden hin: „Wir würden hier gerne Angebote sehen, die die Nähe zu unseren Einrichtungen für sich und für uns nutzbar machen.“ „Gleichwohl soll der Charme Michaelshovens unangetastet bleiben“, betont Schön. Selbst, und gerade dann, wenn die Bebauung des benachbarten Sürther Feldes voranschreiten wird. „Die Entwicklung der Pläne zur Bebauung dieses Areals östlich der Sürther Straße hatte immer schon Michaelshoven im Blick“, so von Dreusche. „Und es wird sich auch deshalb entwickeln, weil es Michaelshoven bereits gibt.“ Zum kommenden Jahreswechsel, hofft von Dreusche, eröffnet die Diakonie in Wesseling-Keldenich eine weitere Senioreneinrichtung. „Das Präses-Held-Haus soll 80 stationäre Plätze umfassen und 10 bis 14 Plätze für die Tagespflege, deren Bedarf enorm gestiegen ist“, sagt von Dreusche. „Die Betreuung des Hauses wird in enger Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchengemeinde Wesseling erfolgen.“

Diskrepanz zwischen „Erwartungen der Gesellschaft“ und der Bereitschaft, dafür finanzielle Mittel bereit zu stellen
Als große Herausforderung nicht allein der Diakonie Michaelshoven sieht Schön den Fachkräftemangel. „Wir haben hier zwar ein Pflegeseminar, in dem Menschen ausgebildet werden. Wir ergreifen zwar Maßnahmen, aber wir werden von der Entwicklung wohl eingeholt.“ Insgesamt beklagen Schön und von Dreusche, dass die öffentliche Hand, die Politik, ihrer Aufgabe, dem Fachkräftemangel entgegen zu steuern, nicht umfassend nachkommt. Gleiches gelte für die ansteigende Zahl von hilfsbedürftigen Menschen, während die öffentlichen Kassen sich immer weiter leerten. „Nun sollen sich auch Hilfseinrichtungen wie unsere Diakonie am Markt behaupten, werden aber zugleich vom Markt eingeschränkt, weil sich alles um Preise und Refinanzierung dreht“, sagt von Dreusche. Er sieht darin einen „System- und Denkfehler“. „Die Gesellschaft erwartet, dass wir diese Dienste leisten, sorgt aber nicht dafür, dass wir für notwendige Ausstattung die notwendigen Mittel erhalten.“

„Überraschende, neue Formen der Vermittlung“ diakonischer Arbeit – zum Beispiel durch ein Indoor-Golfturnier
Zuletzt richtete die Diakonie innerhalb ihrer verschiedenen Geschäftsbereiche ein „Büro-Golfturnier“ aus. „Dazu hatten wir unter anderem Freunde, Förderer und potenzielle Unterstützer unseres Vereins eingeladen“, so Schön. Die Ausrichtung/Finanzierung des Turniers hatte Birgitta Neumann, Leiterin der diakonieeigenen Stiftung „einfach helfen“, auf einem Stiftungstag gewonnen. „Wir haben die Teilnehmenden an den verschiedenen Golf-Stationen gleichzeitig über unsere Einrichtungen informiert. So konnten wir auf spielerische Art die Inhalte unserer Arbeit vermitteln“, berichtet Schön ebenso, wie dass sich die Gäste sehr beeindruckt von der ausgefallenen Idee und Vielfalt der Angebote gezeigt hätten. „Es war mal eine ganz andere Art, den Blick auf unsere Angebote zu richten.“ Von Dreusche gesteht, zunächst skeptisch gewesen zu sein. „Aber das Engagement, mit dem Mitarbeitende ihre Tätigkeitsfelder überzeugend erläutert haben, die Resonanz und sehr positive Rückmeldung der Gäste haben mich voll überzeugt.“ Insbesondere habe er auf diesem Weg noch einmal die große Verbundenheit der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen festgestellt – „eine ganz besondere Identität, die es ernst meint mit dem Dienst für und mit den Menschen“. Eine Wiederholung des „überdachten Golfturniers“ schließt Schön ebenso wenig aus, wie eine „andere überraschende, neue Form der Vermittlung“.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Broich