„Uns geht es darum, den Austausch mit Ihnen zu pflegen, die Sie Verantwortung tragen in der Schulleitung“, erklärte der stellvertretende Stadtsuperintendent Markus Zimmermann eingangs des „Schulpolitischen Aschermittwochs“. Namens des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region begrüßte er im Haus der Evangelischen Kirche gut 90 Leiterinnen und -leiter aller Schulformen sowie Vertretende der Bezirksregierung und Schulämter. Zimmermann, im Kirchenverband zuständig für das Schulreferat und die Schulen, kam bald auf das diesjährige Thema der vom Schulreferat des Kirchenverbandes organisierten Veranstaltung zu sprechen: „Ökonomisierung von Bildung“. Wir alle befänden uns in der Bildungsdiskussion. Aber was bedeute Bildung aus evangelischer Sicht. Wie könne ein Bildungszweck gefördert werden, der tragfähig sei.
Impulsreferat von Dr. Rainer Stuhlmann
Für das obligatorische Impulsreferat, dem eine Gesprächsrunde sowie ein Austausch bei Fisch und Kölsch folgte, konnte Dr. Rainer Stuhlmann gewonnen werden. Der ehemalige Superintendent des Kirchenkreises an Sieg und Rhein ist seit 2000 im Evangelischen Kirchenverband Köln und Region Schulreferent für Gymnasien, Realschulen und Gesamtschulen. Bis vor kurzem war er Vorsitzender des Theologischen Ausschusses der rheinischen Landeskirche.
Ökonomie darf keinen Absolutheitsanspruch haben
Stuhlmann fand deutliche Worte gegen die Ökonomisierung vieler gesellschaftlicher Bereiche. Auch und insbesondere die Bildung sieht er von deren Diktat mindestens bedroht. Stuhlmann prangerte nicht ökonomisches Denken per se an. Vielmehr die Einflussnahme der Wirtschaft und Finanzpolitik auf Bereiche, in denen unternehmerisches Denken sich nicht Eins zu Eins übertragen lasse. Etwa Kirche, Kunst, Kultur – und eben auch Bildung. Ökonomie dürfe keinen Absolutheitsanspruch erheben. Aber wo bleibe bei den heute von ökonomischen Fragen bestimmten Bildungsreformen die pädagogischen Erkenntnisse, die noch die Reformen in den 60er und späteren Jahren gestaltet hätten. „Wo bleiben Sie und Ihre Erfahrung?“, fragte Stuhlmann ins Auditorium. Als Triebkräfte für und bei Reformen sieht er nicht mehr die Pädagogik, sondern die Ökonomie. Nicht mehr interne, sondern fachfremde Menschen in Brüssel und Straßburg säßen an den entscheidenden Hebeln. Zukünftig laute die Devise bei Bildungsreformen wohl „je billiger, desto besser“.
Bildung reduziert auf das „Rechenbare“
„Bildung muss sich rechnen“, laute der verräterische Spruch der Politik. Er reduziere Bildung auf Rechenbare. Aber es gebe so viele Bildungseinrichtungen und -angebote in Köln, wie Theater oder Museen, die sich alle nicht rechneten. Doch selbstverständlich seien sie es wert, finanziert zu werden. „Bildung muss finanziert werden.“ Und dazu gehöre auch das sich nicht Rechnende. In diesem Zusammenhang prangerte Stuhlmann ebenso das Ausspielen der Kernfächer gegen die „weichen Fächer“ an, etwa von Mathematik gegen Kunst, Englisch gegen Musik. Diese Hierarchie von Fächern sei kontraproduktiv. Auch hätten an Schulen Begriffe aus der Wirtschaft, zumeist verschleiernde Anglizismen, nichts zu suchen. Management und Ranking deutete Stuhlmann als von der Industrie transportierte Sprachvehikel als Beleg für eine „Fremdbestimmung“. Der Begriff Effizienz droht zu einem zentralen Begriff der Bildung zu werden, befürchtet Stuhlmann. „Wie effizient wird gelehrt und gelernt, wie viel an Kraft muss investiert werden.“ Mehr als ein Dorn im Auge ist ihm die Zentralprüfung. Das laufe auf ein „Lernen für den Test“ in den Kernfächern hinaus. Für das Fach Religion sei das ein Rückschritt in die 50er Jahre. Auch gehe es bei der Zentralprüfung um die aus der Ökonomie bekannte Konkurrenz und den leistungsorientierten Wettbewerb. Sie solle die Schüler wohl an die zukünftige Berufssituation gewöhnen.
„Warum nicht gleich ein pränataler Englischkurs?“
Der Ökonomismus versuche Bildung auf wirtschaftliche Zwecke hin zu reduzieren. Besonders deutlich werde das an Berufskollegs, betonte Stuhlmann. So kämpfe auch die Kirche gegen Bestrebungen von Industrie und Handwerk, den 2. Berufschultag zu streichen und allgemeinbildende Fächer abzuschaffen. Mindestens so kritisch bewertet Stuhlmann die Reduzierung von 13 auf 12 Schuljahre. „Es mag pädagogische Gründe dafür geben“, aber die „E8“-Reform entpuppe sich als gestohlene Kindheit. „Eine 36-Stunden-Woche erzeugt bei den Schülern mörderischen Stress, hier verdirbt Schule Menschen fürs Leben.“ Wer wolle bezweifeln, dass diese Reform von der Industrie gefördert worden sei: „Schule soll Arbeitskräfte produzieren, möglichst schnell und effizient, nur ja kein Jahr verschenken“, wies Stuhlmann im gleichen Atemzug auf die Vorverlegung der Schulpflicht auf fünfeinhalb Jahre hin. Es sei schon üblich, Kinder, wenn angezeigt, früher einzuschulen. Aber die generelle Vorverlegung sieht Stuhlmann allein von der Ökonomie diktiert. „Warum dann nicht gleich ein pränataler Englischkurs?“ Beim Thema Bildungsreform falle den Eltern eine entscheidende Rolle zu. Denn bedauerlicherweise sei auch der Elternwille häufig geprägt vom destruktiven Ökonomismus. Etwa, wenn Mutter und Vater sich gegen Empfehlungen von Lehrern und damit oft folgenschwer gegen das Wohl ihrer Kinder entschieden.
„Maß des Menschlichen“ anlegen
Aus evangelischer Perspektive müsse eine Bildungsreform das Maß des Menschlichen anlegen. Dem Ökonomismus müsse das Wissen um das Einüben, das Maßvolle entgegengesetzt werden. Menschen sollten lernen sich zu verweigern. Das gelte auch für Lehrerinnen und Lehrer, selbst wenn das Beamtenrecht deren Möglichkeiten begrenze. „Da können wir handeln“, nannte Stuhlmann die „alte Tugend der Widerworte“ und zivilen Ungehorsam. „Wir können die Ökonomisierung nicht aufhalten, aber zumindest Sand ins Getriebe streuen.“ Unsinnige Reformen könnten durch Verschleppung entschärft werden.
„Leben ist mehr als Arbeit und Berufswelt.“
Die Triebkraft der Ökonomie sei schon in altbiblischer Zeit „heilsam gebrochen“ worden: Alle sieben Tage ein Feiertag, der Sabbat, der geschenkte freie Tag – das bedeute Medizin gegen den äußeren und inneren Ökonomismus. Dieser Tag sei nicht dazu gegeben, um Kraft zu schöpfen für die kommende (Arbeits)Woche. Umgekehrt zielten die sechs Tage auf den siebten. „Wir arbeiten um zu leben“, betonte Stuhlmann. „Leben ist mehr als Arbeit und Berufswelt.“ Für ein Umdenken sei es nie zu spät.
Der Vortrag von Dr. Rainer Stuhlmann
zum Nachlesen hier.
Foto(s): Engelbert Broich
