Sabine Richarz, Frauenbeauftragte im evangelischen  Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch, stellte das Projekt „Frauen 35+“ vor

Sabine Richarz, Frauenbeauftragte im evangelischen Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch, stellte das Projekt „Frauen 35+“ vor

Kirche als Heimat auch für die mehrfach belastete Frau mittleren Alters. Die Gemeinde als ein Ort der Gastfreundschaft auch für die berufstätige Mutter, für die Mutter auf dem Weg zurück in den Job. Zugleich das bestehende ehrenamtliche Mitarbeiterteam stärken. Diese Ziele verfolgt das Projekt „Frauen 35+“. Es basiert auf einer Kooperation zwischen dem evangelischen Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch und der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V. Mit der Federführung des Projekts ist Sabine Richarz betraut. Seit Februar 2007 ist sie die Frauenbeauftragte im evangelischen Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch. Neben der Fortsetzung der klassischen Frauenarbeit hat die 49-jährige Diplompädagogin den Auftrag, ein Konzept für die Gemeindearbeit mit Frauen im mittleren Alter zu erarbeiten und durchzuführen.



„Blühende Frauenarbeit“ – und trotzdem ein Altersproblem
Beim jüngsten der monatlichen Treffen der Ortsgruppenleiterinnen des Kreisverbandes der Evangelischen Frauenhilfe im Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch informierte Richarz über den Hintergrund und Verlauf des Projekts. Den Stand der Dinge vermittelte sie in Gesprächsform, so dass die zwanzig Teilnehmerinnen der Nachmittagsveranstaltung in der evangelischen Johanneskirche in Porz-Westhoven, darunter die Kreisverbandsleiterin Karin-D. Witthöft, immer wieder eigene Ansichten und Erfahrungen einfließen lassen konnten. „Es gibt eine blühende Frauenarbeit in ihrem Frauenhilfe-Kreisverband“, fasste Richarz das Ergebnis einer von ihr durchgeführten Fragebogenaktion zusammen. „Aber wenn wir uns die Gruppen anschauen, gehören die 70-Jährigen zu den relativ jungen Mitgliedern.“

Misserfolge bei der Nachwuchssuche
Es gelinge ganz selten, die bestehenden Gruppen zu verjüngen. Einige der Teilnehmerinnen bestätigten denn auch ihre Misserfolge bei der Nachwuchssuche. „Die jüngeren Frauen beschäftigen sich mit anderen Dingen, haben andere Probleme. Das war bei uns früher ja genauso“, beschrieb eine der Gruppenleiterinnen die Situation. „Die Lebenssituation der Frauen im mittleren Alter hat sich grundlegend geändert“, nannte Richarz einen wesentlichen Grund. Sie befänden sich in einer Phase der Neuorientierung zwischen Familie und (Teilzeit)Beschäftigung. Die Kombination von Beruf und Haushalt, in dem die Frau unverändert die Hauptlast trage, führe nicht zu weniger, sondern zu mehr Belastung. Auch hätten viele dieser Frauen zunehmend weder eine kirchliche Bindung noch religiöse Sozialisation.

Kirche: Nur zu Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung?
„Unsere Zielgruppe ist in sich inhomogen und verfolgt sehr unterschiedliche Lebensentwürfe“, so Richarz weiter. Dabei sei ihnen eine knapp bemessene, doch gezielt genutzte Freizeit gemeinsam. Bestimmte Hobbys würden eingehend gepflegt. In der Regel Freizeitbeschäftigungen, die nicht über die Plattform Kirche angeboten würden. „Die Gesellschaft ist immer mehr entkirchlicht, die Kirche nur noch Dienstleister für Taufe, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung“, konstatierte Richarz. Die Frage laute also: „Was müssen wir tun, damit Frauen mittleren Alters, ob sie nun in der Stadt oder auf dem Land wohnen, Gemeinde als gastlichen Ort erleben? Mit Zeit für Gespräche, für Austausch, gemeinsames Tun sowie für geistliche Erfahrungen. Ein Platz, wo sie auftanken und zugleich etwas mitnehmen können“, so Richarz.

Baukastensystem
All diese und weitere Überlegungen („Was ist möglich, was hätten wir gerne, was sollte es geben?“) wurden innerhalb der bereits abgeschlossenen Konzipierungsphase des Projekts angestellt. In dieser erarbeitete ein zehnköpfiger Kreis aus Gemeindevertretenden, PraktikerInnen und TheoretikerInnen unter Leitung von Richarz das Grundkonzept. Es wurde auf der Herbstsynode 2007 des Kreises vorgestellt und für zukunftsträchtig befunden. Richarz charakterisierte das Vorhaben als Baukastensystem. „Es setzt sich aus vier verschiedenen, farblich gekennzeichneten Bausteinen zusammen.“ Jeder dieser Bausteine enthalte mehrere Elemente. Abhängig von der jeweiligen Gemeindesituation, den Möglichkeiten und Wünschen der durchführenden und angesprochenen Frauen seien diese Bausteine einzeln oder in Kombination zu verwenden.

Gewinnung von weiteren Ehrenamtlichen
Richarz betonte, dass diese neuen Angebote eben nicht von den bestehenden Frauenhilfe-Gruppen durchgeführt werden müssten. Es sei insbesondere an den Aufbau neuer Gruppen gedacht, an die Gewinnung von weiteren Ehrenamtlichen, an die Belebung und Erweiterung des Netzwerkes. Diese Gruppen müssten im Namen nicht auf die Frauenhilfe verweisen und dennoch könnten sie eine Gliederung innerhalb der Frauenhilfe sein, könnten deren Vorteile und Angebote, etwa Weiterbildungen, nutzen.

Pilotphase: „Frauen unterm Schirm“
Derzeit läuft die Pilotphase. In dieser sind 18 Frauen aus zehn Gemeinden mit der Umsetzung, Erprobung und Nachbearbeitung der genannten Bausteine in einzelnen Gemeinden des Kirchenkreises Köln-Rechtsrheinisch befasst.
„Frauen unterm Schirm“ ist der erste Baustein benannt. Das niedrigschwellige Angebotes ziele darauf ab, erste Kontakte zu knüpfen, so Richarz. An ohnehin von Frauen frequentieren Standorten wie dem Vorplatz einer Kindertagesstätte oder dem Marktplatz könnten Angebote zum „Landen“ entstehen. Ein blauer Sonnenschirm, ein Klapptisch, Stühle, warme Getränke – mehr brauche es nicht für eine kleine Nische im hektischen Alltag. Dass eine solche Einladung zur Begegnung, zum zwanglosen Gespräch fruchten kann, belegte Richarz am Beispiel Bergisch Gladbach. Dort hätten bereits zwei verschiedene Gruppen vor der Kita der Kirchengemeinde große Resonanz auf das Angebot erfahren. „Das hat sich zu einem Selbstläufer entwickelt.“ Der ungezwungene Austausch erleichtere das Kennenlernen, lasse Vertrauen wachsen und erhöhe die Chance, dass die Gäste sich auch für andere Veranstaltungen und Angebote in der Gemeinde interessieren.

Weitere Bausteine: Sogar der Glaube kommt vor
Baustein Zwei lautet „Gelebte Gastfreundschaft“. Beim miteinander kochen, essen und reden sollen kirchenferne Frauen den „Lebensraum Kirche“ als offenen, gastfreundlichen Ort erleben. „Dabei steht die Gemeinschaft im Vordergrund“, so Richarz. Egal, ob die Frauen sich an Rezepten aus ihren Urlaubsgebieten versuchen, „mit kleinem Portemonnaie“ kochen oder sich über die Organisation der Konfirmationsfeier ihrer Kinder austauschen.
Der dritte Baustein, „Kleine geistliche Form“, umfasst geistliche Angebote als gestaltete Stille im Kirchenraum. Das Konzept sieht regelmäßige, rund halbstündige Einheiten mit einem „liturgischen Rahmen und Elementen zum Mitmachen“ vor. Richarz betonte, dass die Konzipierungsgruppe ein solches geistliches Angebot unbedingt in den Baukasten habe aufnehmen wollen. „Wir sind Kirche. Wir benötigen etwas, wo auch unser Glaube vorkommt.“
„Forum, Kultur, Kirche, Kreativität“ ist der vierte Baustein betitelt. Er zielt ab auf gemeinsame kreative Aktivitäten. Darauf, den Frauen Raum zu geben, in dem sie ihre eigenen Stärken einsetzen und verborgenen Begabungen entdecken können. Außerdem umfasse dieses Angebot die „Inhalte klassischer Frauenarbeit zu Themen aus Kultur und Kirche“.

Erprobungsphase bis Herbst 2008
Richarz hob hervor, dass die unterschiedlichen Angebote die Lebenssituation der Frauen mittleren Alters berücksichtigen würden. Ein wichtiger Aspekt sei dabei deren Zeitmangel. Daher müssten die meisten Angebote in entsprechend angepasste zeitliche Formate gekleidet werden. „Sie müssen einen Anfang und ein Ende haben. Eine unbegrenzte Dauer wäre kontraproduktiv“, so Richarz. So sieht das Konzept insbesondere beim vierten Baustein etwa auf wenige Tage begrenzte Abendkurse oder Wochenendseminare vor.
Laut Richarz läuft die Pilot- und Erprobungsphase bis Herbst 2008. Anschließend soll die Auswertung der Ergebnisse erfolgen. Deren Veröffentlichung ist Ende dieses Jahres vorgesehen. Ab Frühjahr 2009 soll das Projekt in viele Gemeinden des Kirchenkreises „gestreut“ und auch über dessen Grenzen bekannt gemacht werden.

Text: Engelbert Broich
Foto(s): Broich