Waren miteinander im Gespräch: Dr. Martin Bock, Miguel Freund, Barbara Rudolph, Dr. Rainer Stuhlmann, Dr. Johannes Platz, Christina Maria Purkert und Dr. Bernd Wacker (v.l.)



Podiumsdiskussion in der Karl-Rahner-Akademie über den christlich-jüdischen Dialog und den Streit um die Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?“

Der intensiven Diskussion folgte am Ende ein Statement zum einmütigen Miteinander: „70 Jahre Staat Israel und der christlich-jüdische Dialog. Der Streit um die Arbeitshilfe ‘70 Jahre Staat Israel. Ein Termin im christlichen Kalender?‘“ lautete der Titel eines Podiumsgesprächs in der Karl-Rahner-Akademie. Auf dem Podium saßen: Oberkirchenrätin Barbara Rudolph, Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), Christina Maria Purkert, Redakteurin für „Religion/Kirche/Theologie beim Westdeutschen Rundfunk, Dr. Rainer Stuhlmann, Pfarrer i.R. und von 2011 bis 2016 Studienleiter im international-ökumenischen Dorf „Nes Ammim“ in Israel, Dr. Johannes Platz, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Köln, und Miguel Freund, stellvertretender Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Den Abend moderierten die beiden Gastgeber Dr. Bernd Wacker, Leiter der katholischen Karl-Rahner-Akademie, und Dr. Martin Bock, Leiter der evangelischen Melanchthon-Akademie.

Der Streit entzündete sich an einem vierseitigen Essay von Dr. Stuhlmann, der der Arbeitshilfe den Namen gegeben hatte. Passagen dieses Essays führten dazu, dass der Landesverband jüdischer Gemeinden Nordrhein eine geplante Reise mit der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland nach Israel und Palästina absagte. Zur Begründung hatte Dr. Oded Horrowitz, Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes, erklärt: „Die in dem Essay geäußerte Verunglimpfung des Staates Israel als brutale Besatzungsmacht und die Unterschlagung historischer Fakten sind für uns nicht hinnehmbar. Zur 70. Jubiläumsfeier der Gründung des Staates Israel auf die Lebenslage der palästinensischen Bevölkerung als direktes Resultat der Staatgründung Israels zu verweisen, stellt das Existenzrecht Israels in Frage und hinterlässt einen faden Beigeschmack antizionistischer Stereotype.“

Auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Frieden in Israel und Palästina
Auf dem Podium erinnerte Barbara Rudolph zunächst daran, dass die Evangelische Kirche im Rheinland 1965 die erste Landeskirche gewesen sei, die sich für die Anerkennung des Staates Israel durch die Bundesrepublik eingesetzt habe. Sie erinnerte auch an die Landessynode des Jahres 1980, die einen wegweisenden Beschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Kirche und Judentum fasste. Darin hieß es unter anderem, dass „die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk sind“. Diese Beschlusslage habe die rheinische Kirche nie verlassen. Mehr und mehr sei aber eine Kontextualisierung des Anliegens von 1980 mit der Ökumene und den palästinensischen Christen notwendig gewesen. Seit 2015 führe die Kirchenleitung auch darüber intensive Gespräche mit dem Landesverband jüdischer Gemeinden. „Darin geht es auch um Schritte auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Frieden in Israel und Palästina.“ Die rheinische Kirche habe sich vorgenommen, die unterschiedlichen Zugänge und Differenzen zwischen ihr und dem Landesverband „vor Ort“ in Israel und Palästina zu besprechen. Beispielsweise habe man zusammen eine Bibelschule arabischer Christen in Nazareth besuchen wollen.

„Mit dem Gottesdienst-Material in der Arbeitshilfe haben wir überhaupt keine Schwierigkeiten“, sagte Dr. Johannes Platz in der Diskussion. Stuhlmanns Essay jedoch hebe darauf ab, dass mit der Staatsgründung Israels die Juden Schutz und Frieden gefunden hätten und die Palästinenser seitdem in Unterdrückung lebten. „Es gibt viele Araber in Israel, die durch die Staatsgründung ebenfalls Schutz und Frieden gefunden haben.“ Platz kritisierte Stuhlmanns Satz „Die Staatsgründung Israels ist auch ein Datum im christlichen Märtyrerkalender.“ „Die palästinensische Seite betreibt einen intensiven Märtyrerkult. Die benennt sogar Schulen nach sogenannten Märtyrern.“

„Man kann das Leiden der einen nicht mittragen ohne das Leiden der anderen“
Rainer Stuhlmann zeigte sich irritiert und betroffen angesichts der Kritik, die sein Essay ausgelöst hat: „Ich kann nicht verstehen, wie man meinen Text so missdeuten kann. Zu meiner Zeit als Pfarrer wurde ich als Zionist bezeichnet, mein Pfarrhaus wurde mit Hakenkreuzen beschmiert wegen meiner Israelfreundlichkeit. Natürlich ist der 70. Jahrestag der Staatgründung für die evangelischen Gemeinden ein Grund für Dankbarkeit und Anlass zum Mitfeiern. Er ist auch ein Tag der Scham und des Bekennens von Schuld und Umkehr nach 2000 Jahren antijudaistischer Geschichte. Aber wir dürfen das Schicksal der palästinensischen Christinnen und Christen nicht vergessen.“ In der Nacht nach der Staatsgründung hätten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien Israel den Krieg erklärt. Der dauerte 15 Monate und in seinem Verlauf seien viele Palästinenser vertrieben worden, unter anderem in den Libanon und nach Jordanien, wo sie immer noch in Flüchtlingslagern lebten. „Nach dem Krieg hatte Israel 30 Prozent mehr Land als von der UN-Generalversammlung beschlossen. Die Palästinenser hatten nichts“, fasste Stuhlmann zusammen. „Unter dem Etikett des Antisemitismus versuchen einige, Kritik an der aktuellen Politik Israels zu verunmöglichen.“ Man könne die Leiden beider Seiten nicht vergleichen. Auch gehe es nicht um Symmetrie, meinte Stuhlmann und verwies darauf: „Man kann das Leiden der einen nicht mittragen ohne das Leiden der anderen.“ Wenn man sich auf die Gedanken der Christinnen und Christen vor Ort einlasse, so Stuhlmann, dann seien das Märtyrergeschichten – Erfahrungen, die nicht in die Denkformen der eigenen konfessionelle Tradition „passen“, aber eine authentische Geschichte erzählten.

„Wir werden die doppelte Solidarität mit Israel und den Palästinensern durchhalten“
Miguel Freund hob darauf ab, dass in Stuhlmanns Text nichts zu finden sei über den Umgang mit den Palästinensern, etwa in Jordanien. „Im Libanon haben die Palästinenser keine Bürgerrechte. In Israel schon. Sie können sogar entgegen anders lautender Gerüchte an unseren Universitäten studieren. Auch ein Hinweis auf die Schuld der palästinensischen Führung an der Lage der Palästinenser findet sich in dem Essay nirgends.“ Und zu Barbara Rudolph gewandt: „Sie werden es nicht erreichen, dass die jüdischen Gemeinden den Dialog so führen, wie Sie es sich wünschen. Sie müssen den Stuhlmann-Text auch kritisch sehen. Sonst wird es diesen Dialog nicht geben.“

„Wir werden die doppelte Solidarität mit Israel und den Palästinensern durchhalten“, entgegnete Barbara Rudolph. Im Übrigen gebe es weiter den Dialog, der auf festem Grund und Boden stehe. Präses Manfred Rekowski sei in Gesprächen mit dem Vorstand des Landesverbandes. Diese Gespräche hätten sich sogar seit der Absage der Reise noch intensiviert.

„Wir können nur miteinander und nicht gegeneinander etwas erreichen“
Einig war sich das Podium, dass der gegenwärtige, erschreckend offen vorgetragene Antisemitismus entschlossen und gemeinsam bekämpft werden müsse. „Wir haben mal gedacht, dass einige Jahrzehnte gemeinsamer Gespräche ausreichen, um den Antisemitismus zu beseitigen. Wir müssen uns eingestehen: Wir sind gescheitert“, erklärte Freund. Laut einer Umfrage wollten zehn Prozent aller Deutschen keine Juden als Nachbarn. „Der Antisemitismus ist sogar in den Parlamenten angekommen und folgt der alten Methode: Erst provozieren, dann ein bisschen zurück rudern. Und das alles in der Hoffnung, dass sich die Anständigen bei der dritten Provokation ermüdet nicht mehr wehren“, sprang ihm Barbara Rudolph ebenso besorgt zur Seite. „Wir können nur miteinander und nicht gegeneinander etwas erreichen.“

 

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann