Miriam Haseleu wurde zur nächsten stellvertretenden Superintendentin des Kirchenkreises Köln-Mitte gewählt.



„Pfingsten war schon immer mein Lieblingsfest”

„Wenn ich so richtig drüber nachdenke, dann war Pfingsten schon immer mein Lieblingsfest. Als Kind bin ich dann meist aufs Land gefahren – zu meinen Großeltern. Radfahren, Kaninchen füttern, Picknick machen, mit Oma kochen und Vieles mehr gehörte zum Besuch dazu. Das war Pfingsten.”

Miriam Haseleu

Kirche im WDR

Miriam Haseleu ist bis Ende Juni jeden Sonntag, um 8:55 Uhr, im WDR 4 zu hören. Dort spricht sie über Themen, die sie bewegen und viele Menschen interessieren. Heute lautet das Thema Pfingsten. Sofern Sie die Andacht verpasst haben oder sie noch einmal hören möchten, können Sie diese in der Mediathek des WDR noch einmal hören.

Beitrag vom 09.06.2019


Andacht

Als Kind habe ich nicht verstanden, worum es bei diesem Fest eigentlich geht. Es war irgendwie geheimnisvoll. Ein Fest ohne traditionelle Rituale, Geschenke und Feierlichkeiten. Ein Fest für meine Freunde und mich auf dem Land. So hat es sich angefühlt.

Viel später habe ich erst entdeckt: Die Freiheit, die ich mit Pfingsten verbinde, diese Freiheit hat durchaus etwas mit der Bedeutung des Festes zu tun.

Denn der Ursprung von Pfingsten liegt weit zurück in Jerusalem, in der Zeit kurz nach Jesu Tod am Kreuz. Seine Jüngerinnen und Jünger sind geschockt, verunsichert und ängstlich. Wie soll es weitergehen ohne den, der ihnen Halt und Orientierung gegeben hat? Wie können sich die neuen Gedanken und Gefühle ordnen? Wie können sie mit der großen Lücke in ihren Herzen leben und was soll das alles heißen, dass er trotz des Sterbens noch bei ihnen ist?

Und dann – während des jüdischen Wallfahrtsfestes Schawuot – erfahren sie eine Kraft, die sie nicht begreifen können. Menschen aus aller Welt sind hierher gepilgert. Viele haben zu Schawuot einen langen Weg auf sich genommen. Unterschiedliche Sprachen und Kulturen treffen aufeinander. Und jetzt dieses Brausen, diese Kraft, die alle durchströmt.

Wie durch ein Wunder verstehen sie sich und können sich verständigen. Sie sehen sich in die Augen, nehmen sich in die Arme, sie tanzen miteinander und sie verstehen etwas vom Menschsein, das sie eint. Eine weltweite Gemeinschaft entsteht.

Sie spüren etwas von den Ängsten und der Trauer, die jede und jeder kennt. Sie fühlen mit den Trauernden und sie teilen die Unsicherheiten der Zukunft, indem sie ein Fest feiern. Ein Fest, das alle ihre kulturellen und sprachlichen Unterschiede überwindet. 
„Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ (2. Korinther 3,17, nach Luther 2017) – heißt es in der Bibel.

Der Geist Gottes, eine unbegreifbare Idee, die mich hält und begleitet. Es ist die Energie, die in mir die Sehnsucht weckt, mich zu verändern. Ich könnte auch anders leben. Mehr lieben, echt sein, frei sein.

Der Geist Gottes schenkt Freiheit. Es ist echte Freiheit, die auch den Tod und die Trauer miteinbezieht. Gottes Geist, der mich bewegt, überwindet die Angst vor dem Tod. Er steht für eine Beziehung, die auch über den Tod hinaus gelingen kann. Der Geist Gottes – die Kraft, die uns umgibt. Und die uns ermöglicht, uns zu begegnen und zu verstehen. Die Botschaft von Pfingsten schenkt mir die Freiheit zu leben. Gemeinsam mit anderen. Wie damals auf dem Land.

Text: Miriam Haseleu/APK
Foto(s): APK