Pfarrer Sommerfeld eröffnete die Ausstellung „Spurwechsel“ in Bocklemünd



Pfarrer Sommerfeld eröffnete die Ausstellung „Spurwechsel“ in Bocklemünd

Axel Tillmann, langjähriger Organist der Auferstehungskirche in Bocklemünd, gab den Anstoß, die Ausstellung „Spurwechsel – Gesichter der Multiplen Sklerose“ ins Gemeindezentrum zu holen. Pfarrer Torsten Sommerfeld war auf Anhieb überzeugt, dass die evangelische Kirche genau der richtige Ort für das Foto-Text-Projekt der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) Köln sei. „Menschen mit Einschränkungen zeigen Mut, ihre Geschichten zu erzählen und über die Krankheit MS aufzuklären“, so der Pfarrer.

Die Christus-Worte „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2. Brief Paulus an die Korinther 12,9) fielen Pfarrer Sommerfeld ein, als er dem Vorschlag von Kirchenmusiker Tillmann folgte. „Denn es ist ein Wesenszug der evangelischen Theologie, nicht auf das Starke und Großartige zu schauen, sondern sichtbar zu machen, wie aus Schwäche neue Lebenskraft erwachsen kann.“ Besonders beeindruckte ihn, dass die Ausstellung nicht darauf aus ist, Mitleid zu erzeugen. „Ich hoffe, dass die Fotos und Texte zu einer Kraftquelle für jeden Besucher werden“, fügte Sommerfeld hinzu.

Möglichkeiten trotz Einschränkung
Die Idee zu der „Spurwechsel“-Ausstellung entwickelte sich in einem Gespräch zwischen der Kölner DMSG-Beratungsstellenleiterin Marie-Luise Esser und der MS-Betroffenen Anke Breuer. „Ich möchte mich so gerne kreativ engagieren“, äußerte Breuer. Der Satz war Musik in den Ohren der Beraterin. Sie ermutigt MS-Erkrankte zur Selbsthilfe. Neben der Beraterin gewann Anke Breuer den befreundeten Fotografen Markus Paulußen als Unterstützer für die Umsetzung ihrer Ideen. Breuer und Paulußen porträtierten gemeinsam in Wort und Bild neun Menschen, die an Multiple Sklerose erkrankt sind. Organist Axel Tillmann machte den Auftakt.

Ein Spurwechsel kann die richtige Richtung sein
Axel Tillmann war Student, als seine MS-Erkrankung diagnostiziert wurde, schreibt Anke Breuer: „Er wünscht sich, mit der Spurwechsel-Aktion zu zeigen, dass ein Spurwechsel nicht unbedingt bedeutet, die neue Richtung sei falsch. Jetzt ist Axel der Musiker, der er immer sein wollte.“ Von dieser neuen „Identität“ gab der Organist bei der Ausstellungseröffnung zusammen mit dem Sänger Andreas Lehmköster eine Kostprobe. Das Duo tourt derzeit mit einem Chanson-Programm des Wiener Satirikers Georg Kreisler.

Das Leben gestalten
Pfarrer Sommerfeld interviewte bei der Ausstellungseröffnung den 52-jährigen Ford-Ingenieur Paul Pesch zum Leben mit der Krankheit. Pesch ist bereits auf den Rollstuhl angewiesen. „Irgendwann war ich so weit, dass ich beschloss weiterzuleben, und zwar mit MS“, sagte Pesch. Wenn die Ausstellung in der Auferstehungskirche endet, will er die „Gesichter der Multiplen Sklerose“ in seine Firma holen. Allen Zuhörern, ob krank oder gesund, empfahl Pesch, die eigene Haltung zu verändern. „Entscheide nie, wenn du morgens aufwachst schon im Bett, was du am Tag machst. Steh' erstmal auf. Und denke nie darüber nach, dich von Arbeit oder Aufgaben zu trennen“, riet Pesch.

Befreiende Offenheit
„Es war eine Befreiung, als ich am Arbeitsplatz, unter Freunden und in der Familie endlich offen über meine Krankheit reden konnte“, berichtete der Ingenieur. Die kölsche Lebensweisheit „Wat fott is, is fott“ half dem früheren Hobby-Alpinisten, nicht länger verlorenen körperlichen Fähigkeiten hinterher zu trauern. So fand er seine frühere Gelassenheit und seinen Humor wieder.
„Was es heißen kann, aus der Schwäche Kraft zu schöpfen, das haben wir heute gehört“, resümierte Pfarrer Sommerfeld im Hinblick auf die Porträts.

Die Ausstellung „Spurwechsel – Gesichter der Multiplen Sklerose“ mit Fotografien von Markus Paulußen und Texten von Anke Breuer ist bis Sonntag, 5. Februar, in der Auferstehungskirche, Görlinger Zentrum 39, in Köln-Bocklemünd zu sehen. Für Besucher ist die Kirche dienstags und donnerstags von 8 Uhr bis 12 Uhr, mittwochs von 14 Uhr bis 18 Uhr und sonntags nach dem Gottesdienst von 10.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet.

Text: Ulrike Weinert
Foto(s): Ulrike Weinert