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Paradigmenwechsel in der Familienbildung? Wolfgang Wirtz beschreibt die Erfahrungen der FBS mit dem Familienprogramm „FUN“

„In den letzten Jahren haben sich in Abhängigkeit von der Lebenssituation der Eltern vielfach parallele Kinderwelten entwickelt. So unterscheiden sich die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder erheblich darin, ob sie im Schatten von Arbeitslosigkeit aufwachsen, keinen häuslichen Umgang mit Büchern, aber möglicherweise mit PC-Spielen haben, durch engagierte Eltern-Förderung erfahren, oder mit ungelösten Migrantenproblemen konfrontiert werden […] Eltern in der gesellschaftlichen Mitte, die ihre Kinder bewusst erziehen und intensiv fördern, stehen Eltern gegenüber, die die Erziehung ihrer Kinder einfach laufen lassen. Wie kann man diesen Entwicklungen begegnen? Die Förderprogramme der Schulen und Kitas sowie der Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen sind […] ein wichtiger Schritt. Es kommt in der Arbeit mit Kinder darauf an, dass man sich erkennbar um sie bemüht […] Es kommt aber vor allem auf die Gesamtsituation in der Familie an und insbesondere auf die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kindern.“



Das Buch
Das oben Zitierte ist ein Auszug aus dem Vorwort der Herausgeberin Christine Henry-Huthmacher, die gemeinsam mit Elisabeth Hoffmann jetzt ein Buch mit dem scheinbar simplen Titel „Wie erreichen wir Eltern?“ auf den Markt gebracht hat. Die Herausgeberinnen arbeiten beide in der „Hauptabteilung Politik und Beratung“ der Konrad-Adenauer-Stiftung„, und hier ist das Buch auch erschienen, ISBN: 978-3-941904-17-0. Das knapp 300 Seiten umfassende Buch stellt eine Vielzahl von Lösungsansätzen vor, alle versuchen auf ihre Weise, die titelgebende Frage zu beantworten.



FBS Köln: langjährige Erfahrung mit Programmen zur Stärkung elterlicher Erziehungskompetenz
Einer dieser Lösungsansätze steht unter der Rubrik „Systemische Angebote in der Eltern- und Familienbildung“ und stammt vom Leiter der Evangelischen Familienbildungsstätte Köln (FBS), Wolfgang Wirtz. Sein Ansatz sind „Grundüberlegungen und exemplarische Darstellung der Erfahrungen mit dem Familienprogramm ‚FUN‘.“ FUN steht für „Familie und Nachbarschaft“ – das Projekt hat, auch in der FBS, schon eine längere Geschichte, die Wirtz in seinem Beitrag folgendermaßen darstellt: „Erfolgreiche Konzepte und Programme zur Stärkung elterlicher Erziehungskompetenz werden seit vielen Jahren in der Eltern- und Familienbildung umgesetzt. […] Um weitere Zielgruppen durch eine stärkere Handlungsorientierung und Verortung im Sozialraum anzusprechen, hat sich die Evangelische Familienbildungsstätte Köln bereits ab 1999 an der Erprobung des amerikanischen Programms „FAST (Families and Schools together)“ in Nordrhein-Westfalen beteiligt und dieses systemische, handlungsorientierte Programm in Kooperation mit einer Grundschule in Köln mehrere Jahre durchgeführt. Basierend auf Erfahrungen unter anderem mit diesem Programm, hat dann das „Landesinstitut für Qualifizierung“ des Landes NRW in Kooperation mit dem „Institut für präventive Pädagogik (praepaed)“ aus Münster das Programm „FUN – Familie und Nachbarschaft“ entwickelt. Die Evangelische Familienbildungsstätte Köln hat dieses Programm im Rahmen ihrer in Kooperation mit KiTas und Grundschulen angebotenen Bildungsangebote für Familien aufgenommen und an zahlreichen Standorten in Köln umgesetzt und dauerhaft installiert.“
Offensichtlich also eine lange Geschichte bis zur Entwicklung des – wohl kaum spaßig gemeinten – Programms. Doch worum geht es denn nun eigentlich? Was beinhaltet dieses Programm konkret?



Doppeldeutig: Der Begriff „Familienbildung“
Dazu erst einmal ein kleine Vorbemerkung an all jene, die bisher immer glaubten, die „Familienbildung“ der FBS sei nicht anders als im Sinne von Weiter-Bildung in der Vielzahl aller angebotenen Kurse für Mütter, Väter, Kinder und/oder eben die gesamte Familie zu verstehen. Das wäre ein fataler Irrtum. Schließlich ist der Begriff Familienbildung doppeldeutig: Er kann auch in einem weit essentielleren Sinn verstanden werden – nämlich als der notwendige Prozess, mit dem sich eine Familie bildet: gegründet wird und dadurch wächst, im Idealfall zusammenwächst, sich reibt und fördert. Natürlich kann das auch – ebenfalls ein Idealfall – beinhalten, dass alle Familienmitglieder voneinander lernen, sich also gegenseitig und aneinander weiterbilden. Doch das ist keineswegs der Regelfall. Familienbildung ist also weit mehr als Weiterbildung, meint den gesamten Prozess der Familienentwicklung. Wirtz beschreibt das so: „Bildung verstehen wir als den Prozess bewusster Auseinandersetzung mit sich und der umgebenden Welt mit dem Ziel, bereist Erlebtes aus neuen Perspektiven zu betrachten und daraus die Möglichkeit neuen Handelns zu entwickeln.“ Diese Vorbemerkung war notwendig, denn nur um Familienbildung in dem eben beschriebenen Sinn geht es im Folgenden. Dies ist das Hauptziel des Projekts FUN.



Bildung für und in Familie, neu definiert
Seine Definition von „Bildung“ setzt Wirtz folgendermaßen fort: „Neue Perspektiven lernen Menschen durch (moderierten) Austausch von Erfahrungen und Einschätzungen kennen. Bezüglich neuer Perspektiven in Fragen des Lebens in und mit Familien gibt es für Eltern keinen besseren Lernraum als den der Begegnung mit anderen Eltern, die sich mit gleichen Fragen beschäftigen.“ Damit nähern wir uns einer Antwort auf die Frage „Was beinhaltet dieses FUN-Projekt“ eigentlich? Wirtz betont, dass es ein weiteres Anliegen der FBS sei, Angebote für Familien und Eltern zu machen, die „unterschiedlichen sozialen Millieus angehören und in ihrem jeweiligen Alltags- und Kulturverhalten kaum Berührungspunkte haben.“ Für FUN gilt außerdem: „Erstens redet es nicht primär mit Eltern über Familie und Erziehung, sondern es agiert konkret mit kompletten Familien. Und zweitens wird in diesem Programm kooperierend zwischen pädagogischen Einrichtungen der Arbeit mit Kindern und der elternorientierten Familienbildung im Team ‚auf Augenhöhe‘ gearbeitet.“ Damit werde, so Wirtz sinngemäß weiter, die alte Dualität von Angeboten NUR für Eltern contra Angebote NUR für Kinder aufgehoben.



Familie und Nachbarschaft (=FUN), konkret
F
UN ist also ein interaktives Projekt – mit einem sehr konkreten Ansatz. Das sieht in der Praxis so aus: In der ersten Phase treffen sich sechs bis acht Familien – nach Möglichkeit aus ganz unterschiedlichen „Sozialräumen“ – mit einem „anleitenden Team“ acht Wochen lang wöchentlich für je drei Stunden und durchlaufen ein „wiederkehrendes Programm“, das Rituale zur Identifikation mit der Familie ebenso umfasst wie Übungen zur Kooperation und Kommunikation innerhalb der Familie, Gespräche und Gesprächsrunden in unterschiedlichen Besetzung mit Eltern und/oder Kinder, Spiele und gemeinsames Essen. Zweite Phase: Die Familien treffen sich nur noch einmal monatlich „zunehmend selbstorganisiert“. Das in der ersten Phase Erarbeitete soll dabei verfestigt und „unabhängig vom anleitenden Team gesichert“ werden. Als besonderes Merkmal dieses Prozesses stellt Wirtz heraus, dass „nicht in erster Linie mit Erwachsenen über Erziehung geredet, sondern mit Familien konkrete Situation erlebt und gestaltet werden.“

Perspektivenwechsel bei Eltern und „Erziehungsprofis“
Letzten Endes geht es in diesem Prozess wohl um einen – möglichsten nachhaltigen – Perspektivenwechsel: Zum einen stelle, das betont auch Wirtz, „das Prinzip, die Eltern sind für ihre Kinder/Familie verantwortlich“ für alle – flapsig gesagt – „Erziehungsprofis“ wie etwa Erzieher/innen oder Lehrer/innen eine wohl eher ungewohnte Perspektive, für manche wohl gar eine Herausforderung dar, die „zuweilen ein Umdenken“ erfordere, wie Wirtz festgestellt hat. Zum anderen findet natürlich auch der ein oder andere Perspektivenwechsel innerhalb der teilnehmenden Familien statt: Alle hätten berichtet, so Wirtz, dass „sich ihr Bewusstsein, eine durch innere Beziehungen gekennzeichnete und miteinander umgehende Familie zu sein (also mehr als eine Wohngemeinschaft), durch die Teilnahme am Programm bestätig und/oder weiterentwickelt“ habe. Außerdem sei es so, dass sich Veränderungen ergeben hätten, „durch kontinuierliche Entwicklungen, in denen die Eltern selbst erfahren, wie sich ihr konkretes Verhalten auf die Familie“ auswirke – so dass sie „nach und nach ihren eigenen Weg finden und festigen“ könnten.

Gesamtgesellschaftlicher Paradigmenwechsel?
Zu fragen ist, ob sich durch Projekte wie FUN auch ein Paradigmenwechsel innerhalb der Familienbildung – und daraus auch in Bezug auf unsere geamte Gesellschaft – ergeben könnte: weg vom getrennten, „angeleiteten“ und „konfrontativen“ Lernen, hin zu interaktiveren, integrativeren, vernetzteren und – aus Sicht der „Klienten“ – möglicherweise auch stärker selbstbestimmten Ansätzen als bisher.
Dieser Gedanke enthält auch einiges an sozialer Brisanz: schließlich geht es bei aktuell diskutierten Begriffen wie der „Bildungsgerechtigkeit“ nicht nur um Chancen von Kindern und Jugendlichen in Schule und Ausbildung, sondern auch um die Chance auf Teilhabe am sozialen Leben und um das Erwerben sozialer Kompetenz – Fundament für beides ist in der Familie, besser gesagt: eben deren Bildung (im Sinn von Entwicklung) zu finden.
Wirtz deutet das an: Einerseits betont er die Gefahr der „sozialen Abgrenzung von Familien untereinander und damit zur weiteren Auseinanderdriften sozialer Millieus“, andererseits beschreibt er die Realität von Familien, die „in ihrer Lebensrealität ständig mit der Komplexität ihres Daseins konfrontiert (Partnerschaft; Kinder; Schule; Arbeit; Geld….)“ seien. Darum sei es „nur folgerichtig, wenn wir auch Orte für Familien schaffen, an denen sie sich in ihrer Komplexität aufgehoben und angesprochen fühlen. Genau das bedeutet aber, dass die unterschiedlichen pädagogischen und sozialen Professionen – natürlich ohne notwendige Abgrenzungen etwa zwischen Bildung, Beratung und Therapie aufzugeben – sich zueinander in Beziehung setzen, aufeinander verweisen und da, wo es möglich ist, unmittelbar kooperieren.“

Text: AL
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