Stadtsuperintendent Dr. Bernhard Seiger (Archiv)



„Bleibt im Vertrauen“ – Osterpredigt von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger

Die Predigt der Osternacht in der Reformationskirche in Bayenthal hat Stadtsuperintendent Bernhard Seiger im „Zeitgleich“-Audio-Gottesdienst gehalten. Auf Grund der staatlichen Maßnahmen, die die Ausbreitung des Corona-Virus eindämmen sollen, mussten bundesweit alle Veranstaltungen und Gottesdienste – auch in der Karwoche und an Ostern – abgesagt werden. Mit den Zeitgleich-Gottesdiensten der Evangelischen Kirchengemeinde in Köln-Bayenthal konnten Menschen auch in ihren Häusern zu den gewohnten Zeiten Gottesdienst mitfeiern.

„Wir sind nicht in unserer vertrauten, nächtlich dunklen Kirche versammelt, sondern sitzen zuhause“, begrüßte Pfarrer Seiger zu Beginn des Gottesdienstes die Zuhörerinnen und Zuhörer. „Auch sonst habe ich Sie am Anfang der Osternacht nicht gesehen, aber im Dunklen gespürt, dass Sie gekommen sind. Das Licht unserer Kerzen kommt ja immer erst später dazu.“

Die Evangelische Kirchengemeinde Köln-Bayenthal hatte Gemeindeglieder und Interessierte in den vergangenen Tagen eingeladen, kleine Osterkerze in der Kirche abzuholen und während der Osternacht beim Zeitgleich-Gottesdienst zuhause anzuzünden. „Zünden Sie sie gerne an“, lud Bernhard Seiger die Zuhörerinnen und Zuhörer ein. „Wir spüren hinein in diese Nacht, hören vertraute Texte und singen ein wenig. Gehen wir eine kleine Wegstrecke zusammen!“

 

Hier können Sie die Osterpredigt von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger anhören:

 

Hier können Sie die Osterpredigt von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger nachlesen:

 

„Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ (Markus 16, 3)

Liebe Gemeinde,

in dieser besonderen Nacht sind wir vor allem nachdenklich. Im Markusevangelium steht: „Maria Magdalena, die andere Maria und Salome kamen in der Osternacht zum Grab Jesu, sehr früh, als die Sonne aufging. Sie sprachen untereinander: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür.“ (Markus 16, 1-3)

Wir fragen wie die Jüngerinnen und Jünger: Wer wälzt uns den Stein vom Grab? Unsere Sorge ist die Last des Steines, den wir spüren. Die Enge, die Einschnitte. Die Trauer über das, was uns alles an Nähe und Gemeinschaft verschlossen ist.

Wir sind durch die Erlebnisse der letzten Wochen verstört. Wir erleben, dass etwas geschehen ist, das sich niemand hat vorstellen können. Dass unser Leben in zahlreichen Bezügen unterbrochen ist, dass Kontakte beschränkt werden in einem Ausmaß, das beispiellos ist. Wir kennen die Gründe und können sie nachvollziehen, weil es um die Gesundheit von hunderttausenden Menschen, um die Beherrschung einer weltweiten Epidemie geht. Die Verstörung ist da über das Ereignis, das vor keiner Grenze und keiner Regierung und keinem Menschen Halt macht.

Wie ein Stein verschließt das Virus und seine Ausbreitung die Lebensperspektiven. Wer wälzt diesen Stein weg? Wir erleben die Beklommenheit an diesem Karsamstag – und wollen doch so gerne hoffen und zuversichtlich sein und Fröhlichkeit finden.

In der Karwoche gibt es mehrere Stationen, die ein äußeres Geschehen beschreiben und zugleich den inneren Weg der Seele in verdichteter Weise abbilden.

Gründonnerstag:

Die Chance, die Kraft der Gemeinschaft zu finden. Die Aufgabe, Vertrautes loszulassen und sich auf Veränderungen einzulassen.

Karfreitag:

Der Tag der Entscheidung. Urteile über Leben und Tod werden gefällt. Die dunkle Kraft des Todes ist zu spüren. Der Karfreitag ist der Tiefpunkt, Symbol für andere Tiefpunkte des Lebens.

An diesem Punkt wird etwas endgültig. Alle Dinge, die im Leben vorkommen, werden in ihren Proportionen zurechtgerückt. Gott ist in dieses Ringen einbezogen. Er geht in Christus den Weg in die Täler mit. Es gibt keine Tiefe, in die er nicht mitginge.

Karsamstag:

Aushalten der Entscheidung, Aushalten des Schmerzes, Leben hat sich verändert. Es ist etwas zu Ende. Man muss das nicht gut finden. Es ist ein Trauern und Spüren eines Verlustes. Warten auf etwas Unbestimmtes, das kommt.

Osternacht:

Tasten im Dunkeln. Spüren der eigenen Verletzlichkeit. Ohnmacht wahrnehmen. Eine tastende Seele, die so gerne Licht hätte. Und Wärme und Nähe und neues Leben. Osternacht. Wir sind in dem Dazwischen. – Das Entscheidende können wir uns nicht selber sagen. Was haben wir, was wir nicht empfangen haben? Wer wälzt uns den Stein vom Grab? Wir können es halt nicht selber, wenn Dinge und Ereignisse größer sind als wir.

Können das die Optimisten? Optimisten, die sagen: „Es wird schon wieder alles gut werden. Bald ist die Krise vorbei. Es werden zwar jetzt mehr Menschen sterben als gewöhnlich, aber für die anderen wird es weitergehen. Die Börse wird sich erholen. Und danach werden wir wieder leben wie vorher.“ Stimmt das? Ist das nicht zynisch?

Zynisch mit Blick auf die Ärztinnen und Ärzte und die Pflegerinnen und Pfleger, die alle ihre Energie für ihren Dienst einsetzen? Das Leid vieler Kranker und Angehöriger von an Corona Verstorbenen steht uns vor Augen und es berührt uns. Wir haben das Elend in der Lombardei und in Spanien vor Augen. Und auch das Elend in machen Krankenhäusern und Pflegeheimen in Köln. Und wissen wir wirklich schon sicher, dass alles bald vorbei sein wird? Wer wälzt uns den Stein, die Last von der Seele?

Können wir uns das nicht nur schenken lassen? Das haben wir doch nicht in der Hand. So wie die Frauen am Grab. Sie kamen mit ihrem Öl, um ihrem geliebten Meister noch einen letzten Liebesdienst zu tun. Sie wollten das tun, was sie konnten, auch wenn sie nicht wussten, wie es genau gehen würde.

Wir tun alle auch ganz viel. Kümmern uns im Rahmen der Bedingungen um anvertraute Menschen. Erfinden uns und unsere Möglichkeiten neu. Lernen in rasantem Tempo dazu, telefonieren wieder viel, denken uns aus, wie die alte Nachbarin unseren Einkauf sicher vor die Wohnungstür bekommt. Es gibt für so vieles Wege und Lösungen, wenn man sich anstecken lässt. Wir entdecken die Nächstenliebe im Kleinen neu. Rücksichtnahme auf die Schwachen. Wir fragen nicht mehr wie gewohnt: Was brauche ich, ich, ich, sondern wir fragen: Was brauchen der oder die, die schwächer sind?

Die beiden Marias und Salome am Grab. „Sie wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war, denn er war sehr groß.“ (Vers 4) Sie verstehen es nicht. Warum das jetzt so ist. Sie sind da, mit all ihrer Unsicherheit und ihrem Tasten. Aber was sollen sie auch machen? Sie leben in dem, was ist, von Moment zu Moment und überlassen sich dem, was mit ihnen geschieht. Sie sehen einen Fremden. Das, was sie vorhatten zu tun, den Leichnam Jesu salben, geht jedenfalls jetzt nicht. Etwas anderes steht an. Hören. Neu sehen lernen.

Und sie hören eine Stimme die sagt: „Fürchtet euch nicht. Ihr sucht Jesus von Nazareth. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“ (Vers 6) Das ist ihnen wohl zu viel. Das überfordert sie gedanklich und emotional. Das gab es noch nicht. Und deshalb gehen sie auch zuerst verwirrt fort von diesem Ort.

Mit etwas Abstand wird diese Nacht zu einer unvergleichlichen Nacht. Sie merken: Da hat etwas angefangen. Wir haben unseren vertrauten Jesus anders erlebt als vorher.

Einer hat gesagt: Habt keine Furcht, sondern lebt. Geht weiter auf eurem Weg. Ich bin bei euch alle Tage. Ich bin an eurer Seite. Und ihr seid weiter behütet. Es gibt keine greifbare Sicherheit, aber es gibt ein Vertrauen in die Lebenskraft Gottes. Auf die könnt ihr setzen im Neuen. Bleibt im Vertrauen.

Ja. Es ist die Zeit, in der sich Beziehungen bewähren und in der Beziehungen neu werden – bei den Jüngerinnen und Jüngern und bei uns. Das sind Beziehungen zu den Menschen, die zu uns gehören. Und zu dem, der das Leben schuf. Der Glaube an Gott wird verwandelt am Grab Jesu, und er fängt irgendwie neu an. Auch bei uns, wo auch immer wir zuhören oder lesen.

Der Glaube ist nie ein Besitz. Wie die Liebe und die Zuneigung von Menschen nie ein Besitz sind oder etwas sind, auf das wir einen Anspruch haben. Aber sie können sich neu ereignen. Die Liebe und der Glaube. Das können wir aus dieser Osternacht mitnehmen. Es fängt etwas neu an, das uns nur geschenkt werden kann. Amen.

Text: APK
Foto(s): APK