Notkirchen als Ort der Zuflucht und der Gemeinschaft
Postkarten stammen aus der Fotosammlung der Ev. Gemeinde Köln

Notkirchen als Ort der Zuflucht und der Gemeinschaft

2020 erinnern wir uns zum 75. Mal an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Köln erlitt in den Jahren 1942 bis 1945 starke Zerstörungen durch Bombentreffer. Besonders schwer traf es Köln bei Angriffen im Herbst 1944 und 1945. Die Stadt glich einer Trümmerlandschaft.

Evangelisches Gemeindeleben

Auch das evangelische Gemeindeleben war durch die schweren Kriegsfolgen durcheinandergeraten. Die Mitgliederanzahl war von 52.000 auf 20.000 Mitglieder gesunken. Alle evangelischen Gotteshäuser in Köln – die Trinitatiskirche am Filzengraben, die Lutherkirche am Martin-Luther-Platz, die Kreuzkapelle in der Machabäerstraße, die Christuskirche in der Herwarthstraße sowie die Antoniterkirche in der Schildergasse und die Kartäuserkirche in der Kartäusergasse – lagen in Schutt und Asche. Das Zelebrieren von Gottesdiensten, Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen in den Kirchen war nicht mehr möglich.

Es fehlte auch an Geistlichen, die die verbliebenen und neu zugezogenen Gemeindemitglieder seelsorgerisch betreuen konnten. Von den ehemals neun Pfarrstellen waren nach den Kriegshandlungen nur noch zwei besetzt. Der aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte Pfarrer Ulrich Bergfried schilderte die verzweifelte Lage wie folgt:

„Als ich im Juli 1945, aus der Gefangenschaft entlassen, wiederkam, traf ich von unserem vor dem Krieg neun Köpfe zählenden Kollegenkreis noch glücklich einen Ganzen an: den Pfarrer Rost. Die anderen waren buchstäblich verstreut in alle Winde, gefangen, krank, an einem anderen Ort verpflichtet usw.“

Pfarrer Bergfrieds Worte verdeutlichen, wie schwierig die Erfüllung der Sehnsüchte der Gläubigen nach Trost und intensiver sowie angemessener seelsorgerischen Betreuung war. Um den Trost- und Haltsuchenden Menschen jedoch einen Ort zu schaffen, an dem sie in ihrem Glauben und in der Gemeinschaft Unterstützung finden konnten, wurden in unversehrten Gemeindehäusern, in Schulen, in Wohnhäusern oder Teilen des Kirchraums sogenannte Notkirchenräume geschaffen.

Notkirchenraum Christuskirche – Archivale des Monats

Die Archivale des Monats zeigt einen dieser Notkirchenräume in der Christuskirche. In der Nacht vom 20. auf den 21.04.1944 wurde die Christuskirche durch eine Luftmine und zwei Volltreffer bis auf den Turm, die Orgelempore und das gewölbte vierschiffige Souterrain zerstört. Pfarrer Rost und Pfarrer Dr. Bergfried richteten diesen Ort mit Unterstützung des Küsters durch das Aufstellen von Bänken und Herrichten eines Altars zu einem gottesdienstlichen Behelfsraum ein. Es war daher möglich, unter dem Turm am 19.08.1945 einen der ersten evangelischen Gottesdienste nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln abzuhalten.

Der Notkirchenraum bot ca. 60 Menschen Platz. Auf Grund des hohen und schnellen Zuwachses von Flüchtlingen und Ausgebombten stellte sich recht schnell heraus, dass der Platz nicht ausreichte. Pfarrer Wilhelm Rost trat daher 1949 für eine Erweiterung des Notkirchenraumes der Christuskirche vor dem Presbyterium der Ev. Gemeinde Köln ein. Nach Absicherung der finanziellen Kosten und nach dem Abtransport des Schuttes wurde eine Erweiterung vorgenommen, so dass ca. 240 Personen Platz fanden.

In seiner Sitzung vom 31.03.1950 beschloss das Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Köln den Wiederaufbau der Christuskirche und beauftragte das Architekturbüro Dr. Schulze und Dr. Hesse mit dem Bau, der 1951 feierlich eingeweiht wurde. Der Turm wurde dabei nicht abgerissen.

1982 wurde der Turm der Christuskirche unter Denkmalschutz gestellt. Er schließt sich heute an einen neuen Gebäudekomplex an, der sowohl das Kirchenschiff, die Gemeinderäume als auch Mietwohnungen, Büroflächen, eine Tiefgarage und einen Gemeindegarten enthält.

Text: Stefanie Schensar
Foto(s): Stefanie Schensar