„´Niemals wieder!´ – Christlich-Jüdischer Dialog und Antisemitismus 75 Jahre nach Auschwitz“

„´Niemals wieder!´ – Christlich-Jüdischer Dialog und Antisemitismus 75 Jahre nach Auschwitz“

Online-Veranstaltung mit Vorträgen und Podiumsgespräch

„Ein Dialog auf Augenhöhe“ sei elementar, lautete die einhellige Meinung der Teilnehmenden des gut 140-minütigen Vortrags- und Gesprächsabends „´Niemals wieder!´ – Christlich-Jüdischer Dialog und Antisemitismus 75 Jahre nach Auschwitz“. So hob der orthodoxe Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens hervor, dass wir uns jetzt „tatsächlich in einem echten historischen Moment“ befänden. „In 2000 Jahren christlich-jüdischer Geschichte sind wir eigentlich zum ersten Mal an dem Zeitpunkt angelangt, an dem wir wirklich auf Augenhöhe miteinander sprechen.“

Die Veranstaltung der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. in Kooperation mit der Karl Rahner-Akademie, dem Katholischen Bildungswerk, katholischen Stadtdekanat und der Melanchthon-Akademie war Pandemie-bedingt nur Online zu besuchen.

Teilnehmende

Der Theologe Norbert Bauer, Leiter der Karl Rahner-Akademie, nannte in seiner Begrüßung den Antisemitismus als unverändert greifbare Gefahr. Der Ruf „Niemals wieder!“ gelte auch für die beiden großen Kirchen. „Der Antisemitismus mit dem grausamen Tiefpunkt der Shoa hat auch Ursachen und Quellen in der christlichen Theologie und in dem Verhalten der Kirchen.“ Es habe lange gedauert, bis sie sich dieser Vergangenheit gestellt und deren Aufarbeitung versucht hätten. Neben diesen nach 1945 unternommenen Versuchen beschäftigten sich die Teilnehmenden insbesondere mit Erfordernissen von kirchlicher Seite, um „antijüdischen Tendenzen auch in den Kirchen“ sowie einem aktuellen, „offenen rassistischen Antisemitismus“ effektiv entgegentreten zu können.

Dr. Andreas Pangritz, bis 2019 zuletzt 15 Jahre Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Uni Bonn, unternahm aus christlicher, insbesondere protestantischer Perspektive einen komplexen, meinungsstarken und zitatenreichen Abriss zum christlich-jüdischen Dialog seit 1945. Dieser Dialog habe sich nach der Shoa zunächst primär im Rahmen des Kampfes gegen den Antisemitismus entwickelt. Jedoch habe dieser Kampf nicht im Zentrum theologischer Lehre oder kirchlicher Praxis gestanden. „Vielmehr sind Traditionen christlicher Judenfeindschaft in beiden großen christlichen Kirchen nach der Nazizeit bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts noch relativ ungebrochen weitergetragen worden.“

Antisemitismus

Zunächst hätten engagierte Einzelne und Gruppen innerhalb der Kirchen im christlich-jüdischen Verhältnis eine Umkehr und Erneuerung angestoßen. Zu diesen Pionierleistungen zählt Pangritz die 1947 auf einer internationalen Konferenz im schweizerischen Seeligsberg von Christen und Juden verabschiedeten zehn Thesen zur Antisemitismus-Bekämpfung. Ein unmissverständlicher, „neuer Ton“ findet sich laut Pangritz seitens einer offiziellen kirchlichen Instanz „immerhin im ´Wort zur Judenfrage´“ der EKD-Synode in Berlin-Weißensee im April 1950: „Wir bitten alle Christen, sich von jedem Antisemitismus loszusagen und ihm, wo er sich neu regt, mit Ernst zu widerstehen und den Juden und Judenchristen in brüderlichem Geist zu begegnen.“

In den 1960er Jahren sei eine Art ökumenischer Wettlauf über die Entwicklung eines Dialogs zwischen Juden und Christen in Gang gekommen, sagte Pangritz. Den Anstoß habe die Katholische Kirche mit der wichtigen Erklärung „Nostra aetate“ 1965 auf dem 2. Vatikanischen Konzil gegeben. Wegweisend sei auch der Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden der Evangelischen Kirche im Rheinland 1980. Dieser Beschluss und das in ihm enthaltene Schuldbekenntnis, dem eine Absage an jeden Antisemitismus innewohne, habe eine Serie gleichlautender Beschlüsse weiterer evangelischer Landeskirchen initiiert. Bereits im Juli 1961 sei die Gründung der Arbeitsgemeinschaft „Juden und Christen“ auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin erfolgt. Es sei das erste Gremium, dass sich kontinuierlich mit den Problemen des christlich-jüdischen Verhältnisses beschäftige und in dem Juden gleichberechtigt mitarbeiteten.

Reaktionen „auf die Umkehr in den christlichen Kirchen”

Pangritz widmete sich auch positiven Reaktionen von jüdischer Seite „auf die Umkehr in den christlichen Kirchen“. In den letzten Jahren habe insbesondere auch die orthodox-jüdische Seite dialogbereite Erklärungen publiziert, so der evangelische Theologe. Beispielsweise die am 3. Dezember 2015 veröffentlichte Erklärung einer Gruppe von mehr als fünfzig führenden orthodoxen Rabbinern, darunter Ahrens. Unter dem Titel „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun“ verstehe sie sich insbesondere als Erwiderung auf die Neubestimmung des christlichen Verhältnisses zu den Juden in der Konzilserklärung „Nostra aetate“ anlässlich deren fünfzigjährigem Jubiläum.

„Neben Licht gibt es auch Schatten“, zeichnete Pangritz ein aktuell ambivalentes Bild. Doch gebe es auch ermutigende kirchenoffizielle Äußerungen. So hätten der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, am 27. Januar 2015 aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gemeinsam erklärt: „Wir wiederholen gerade an diesem Tag, die katholische und die evangelische Kirche treten in ökumenischer Gemeinschaft gegenwärtig und zukünftig entschieden jeder Form von Antijudaismus und Antisemitismus entgegen.“

Antisjudaismus

Dr. Jehoschua Ahrens, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, und derzeit Director Central Europe des Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation in Jerusalem, schilderte in einem längeren Impuls ebenso kenntnisreich die Entwicklung aus jüdischer Perspektive. Man müsse sich vor allem die Zeit vor 1945 anschauen, sagte er. Nämlich die Beziehungen zwischen Christen und den Juden als Minderheit in christlichen Gesellschaften seit fast 2000 Jahren. Aus jüdischer Perspektive sei es eine Geschichte der Ausgrenzung, der Verfolgung und natürlich immer wieder des Mordes, und mit der Shoa sogar der Vernichtung.

Diese lange Tradition, vom französischen Historiker Jules Isaac die „Lehre der Verachtung“ genannt, habe sich leider sehr früh in den Kirchen verankert. Dabei sei es nie nur um einen theologischen Antijudaismus gegangen. Schon im Mittelalter hätten sich rassistische Vorurteile, rassistischer Judenhass entwickelt. Natürlich hätten die Kirchen keine direkte Verantwortung für das, was später im Namen des rassistischen Antisemitismus geschehen sei, aber sie hätten mit ihrem Wirken einen Grundstein gelegt.

Verpasste Chancen

Es sei sicherlich auch eine Geschichte der verpassten Chancen, fasste Ahrens zusammen. Immer wieder wäre es möglich gewesen, dass Juden und Christen in einen Dialog miteinander hätten treten können. Jüdische Theologen hätten immer wieder Brücken gebaut, aber leider vergeblich gehofft. Bis heute seien Hass auf die Juden, ihre Verachtung und Ausgrenzung in Köpfen verankert. Das sei nicht verwunderlich ob der langen Zeit ihrer Kultivierung in den Kirchen und der Gesamtgesellschaft.

Der Kampf gegen den Antisemitismus und die Flüchtlingshilfe habe nach 1945 Juden und Christen in Europa zusammengebracht. Das Gespräch sei eigentlich erst mit der 1975 veröffentlichten evangelischen Studie „Christen und Juden I“ wiederaufgenommen worden. Es habe einzelne engagierte Personen und Kreise, es habe die Christlich-Jüdischen Gesellschaften gegeben, aber die Kirchen hätten sehr lange gebraucht, sprach Ahrens von der nächsten verpassten Chance. Was in „Nostra aetate“ und im rheinischen Synodalbeschluss ausgedrückt worden sei, hätte schon in den vierziger Jahren passieren müssen, so Ahrens. Das Unterbleiben habe auf jüdischer Seite natürlich für große Enttäuschung gesorgt. Später hätten die kirchlichen Erklärungen bei Juden Vertrauen für eine Zusammenarbeit aufgebaut.

Antisemitismus heute

Der Antisemitismus ist nicht verschwunden, betonte der Rabbiner. Im Gegenteil verstärke er sich im Augenblick. „Vielleicht nicht prozentual, aber wir sehen im Ausdruck wird er präsenter, wird vielleicht im negativen Sinn mutiger, lauter und vielleicht durch die Sozialen Medien befördert aggressiver und teilweise, wie man es merkt, leider auch physischer. Es bleibt nicht bei Worten, es folgen sozusagen auch die Taten.“ Dieser Aufgabe müssten wir uns also weiter stellen.

Dass von der Kölner Historikerin und Judaistin Dr. Ursula Reuter moderierte Podiumsgespräch eröffnete Thomas Frings. Der katholische Theologe, seit 2018 Referent für den interreligiösen Dialog im Erzbistum Köln und beauftragt unter anderem mit dem Dialog mit jüdischen Gemeinden, erinnerte an eine Aussage von Papst Franziskus: „Ein Christ kann kein Antisemit sein. Unsere Wurzeln sind dieselben. Es wäre ein Widerspruch des Glaubens und des Lebens.“ Dieser Grundsatz müsse in weiten Teilen der Kirche, auch an der Gemeindebasis weiter verinnerlicht werden. Als eine Frucht der Dialogbemühungen nannte Frings die Fachtagung zwischen der orthodoxen Rabbinerkonferenz und der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin im November 2019. Die persönliche Begegnung, der Aufbau von Beziehungen seien ganz wesentlich für einen Dialog.

Dr. Marcus Meier, Geschäftsführer der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, betonte, es sei wichtig zu verstehen, woher die heute immer noch verwendeten zahlreichen überlieferten antijüdischen Darstellungen stammten. Er plädierte zudem für eine aktive Aufarbeitung und Kommentierung von antijüdischen Kunstwerke. Der Politikwissenschaftler sprach Untersuchungen an, nach denen Antisemitismus unter den Kirchgängern genauso verbreitet sei wie in der restlichen Bevölkerung. Laut Meier sei es zentral, dass die Kirchen das Thema in die Gemeinden trügen. Dass die Auseinandersetzung darüber mit Gemeindemitgliedern stattfinde, und nicht in Gremien und Leitungen stecken bleibe.

Die Bedeutung des Dialogs mit den Juden

Die Versuche der Juden, im Laufe der Geschichte immer wieder auf die Kirchen, auf die Gesamtgesellschaft zuzugehen, bezeichnete Ahrens für lange Zeit als eine fruchtlose Einbahnstraße. Glücklicherweise hätten die Kirchen in den letzten Jahrzehnten die Bedeutung des Dialogs mit den Juden verstanden. Die Kirchen hätten die „Lehre der Verachtung“ umgedreht, sprach Ahrens von einer 180-Grad-Kehrtwende. Solche Erklärungen seien immer erst der Anfang einer Diskussion inklusive Widerstände. Es benötige verständlicherweise noch eine lange Zeit, bis das „heruntertriggert“.

Den Fortschritt verband Ahrens auch mit der „mehr oder weniger klaren Ablehnung der sogenannten Judenmission“. Ohne diesen Verzicht der Kirchen könne es keinen Dialog auf Augenhöhe geben. Wenn wir als Religionsgemeinschaften überhaupt noch eine Rolle spielen wollten im Leben der Gesellschaft, wenn wir unsere Botschaft, unsere Werte vermitteln wollten, sei es umso wichtiger, „dass wir das gemeinsam tun“, so der Rabbiner. „Wenn es schon so aussieht als wenn wir im Konflikt sind, wie sollen wir von der Gesamtgesellschaft ernst genommen werden?“ Religionen hätten etwas einzubringen. Sie würden, habe er auch in Corona-Zeiten erfahren, gebraucht als ethisch-moralische Instanzen.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Aus jüdischer Sicht bedeute theologischer Dialog, den anderen wahrzunehmen, theologisch zu verstehen, Unterschiede formulieren zu können auf einem gleichen Level, so Ahrens. „Wir haben mehr gemeinsam, als uns trennt“, betonte er. Das bedeutet aber nicht, dass man Unterschiede beiseiteschiebe. Wir seien nicht eins und müssten das auch nicht. „Wichtig ist, dass wir gemeinsam handeln können.“

Einig war sich das Podium, dass die Judaistik in der Ausbildung von Theologen und Religionslehrern verankert werden müsse. Es bestehe erheblicher Verbesserungsbedarf, mahnte Pangritz an. Denn Pfarrer und Pfarrerinnen erfüllten innerhalb der Kirchen eine ganz wichtige Funktion als Multiplikatoren. Ahrens sagte, es auch wichtig, wer unterrichte. Aufgrund der Konfessionsbindung werde in den theologischen Fakultäten Judaistik leider nur von christlichen Lehrstuhlinhabern vermittelt. Dabei sollten das, wie im angloamerikanischen Raum, jüdische Theologen übernehmen.

Auf YouTube ist die Online-Veranstaltung unter dem Link https://youtu.be/HIB5GAxD-74 aufzurufen.

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