Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche in Bergisch Gladbach

Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche in Bergisch Gladbach

Eine silberne Luther-Statue hatte Okko Herlyn mitgebracht. Als Gastprediger war der Theologe aus Duisburg zum Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche Bergisch Gladbach eingeladen worden. Der Professor an der Evangelischen Hochschule in Bochum tritt auch als Kleinkünstler auf und warf in der Hebborner „Kirche Zum Heilsbrunnen“ einen ungewöhnlich kritischen Blick auf den Umgang mit Martin Luther im Jahr 2017. Vor genau 500 Jahren hatte der Reformator seine Thesen veröffentlicht.

Von einem „wahren Luther-Hype“ sprach Herlyn, ja sogar von einer Art „Heiligsprechung“ des Mannes. Mit viel Pathos, mannhaft, stark und mutig werde er heute häufig dargestellt. „Ob er besonders mutig war, wissen wir gar nicht. Aber an einer Stelle war er mutig“, sagte Herlyn und meinte den Prozess vor dem Wormser Reichstag 1521, auf den Luthers Ächtung folgte. Dort berief sich Luther allein auf Gott. „Nicht, weil er ein Besserwisser oder Sturkopf war“, so Herlyn. Er habe sein Gewissen alleine an Gott ausgerichtet und daher seine Thesen nicht widerrufen. Das habe ihn frei in seiner Entscheidung gemacht.

Die Freiheit heute: „Aus 400 Brotsorten wählen?“
Für den „modernen Menschen“ sei das wohl schwer nachvollziehbar. Der sähe freiheitliche Errungenschaften eher in der Möglichkeit, aus 400 Brotsorten wählen zu können oder aus hunderten Fernsehprogrammen – ohne dabei die neuen Unfreiheiten zu spüren: „Wie abhängig sind wir eigentlich von den Verheißungen eines kurzweiligen, spaßigen Lebens?“ fragte er. Auch wenn die Begrifflichkeiten der Lutherzeit heute fremd klingen würden, so sei doch die Sache nicht verkehrt und sollte gerade im Reformationsjahr zur Geltung kommen. „Es soll auch heute das Motiv sein: Auf die Heilige Schrift zu hören.“ Und zwar im Alltag.

Mutig sein im Sinne der Reformatoren
Der Theologe berichtet von einem Mädchen, das eine Textilkette boykottiert, weil es von den unfairen Löhnen in der Produktion gehört hat. „Dazu gehört Mut. Genauso wie in der Kantine bei diskriminierenden Äußerungen zu sagen: Darüber will ich nicht lachen. Das sind die Aufgaben, die uns die Reformatoren mit auf den Weg gegeben haben und sie sind umsetzbar bis in die kleinsten Situationen unseres Lebens.“

Luther-Vermarktung – der richtige Weg?
Dazu brauche es keine Heldenverehrung, wie er sie derzeit an der Person Luthers feststelle. Sonderbriefmarken, Luther-Socken oder Einkaufchips mit dem Konterfei des Reformators würden ihm eher „mächtig auf die Nerven gehen.“ Die Besinnung auf Gott und die Heilige Schrift sei die Aufgabe im Reformationsjahr und das würde sich auch für die Gläubigen lohnen: „Die Gnade Gottes ist gratis.“