Neues Pilotprojekt bietet Coaching für Pfarrerinnen und Pfarrer an

Neues Pilotprojekt bietet Coaching für Pfarrerinnen und Pfarrer an

„Der Pfarrberuf ist aufgrund verschiedener Entwicklungen in der Evangelischen Kirche im Rheinland grenzenloser geworden“, stellt der Lindlarer Gemeindepfarrer und ausgebildete Supervisor Friedemann Knizia fest. „Pfarrerinnen und Pfarrer befinden sich mehr und mehr in einer Zerreißprobe zwischen beruflichen Anforderungen und privater Abgrenzung“, sagt er.

Dass der Pfarrberuf zunehmend unter Druck gerät, hat auch die Rheinische Landeskirche erkannt und sich 2014 in einer Broschüre mit dem Titel „Zeit für’s Wesentliche“ mit den Perspektiven für Pfarrerinnen und Pfarrer auseinandergesetzt. Dabei ging es auch um die Frage, welche Unterstützungsleistungen man ihnen anbieten kann. Aus diesen Überlegungen resultierte 2015 die Idee zum Pilotprojekt „Coaching für Pfarrerinnen und Pfarrer“, das bis Dezember 2018 geplant ist. Bei diesem niederschwelligen Angebot finden Pfarrerinnen und Pfarrer individuelle Unterstützung, um Erwartungen und Ansprüche in ihrem Beruf zu klären. In der Beratung sollen praktisch-theologische Aspekte zum Berufsbild, der Blick auf Belastungsfaktoren, Bewältigungsstrategien und Berufzufriedenheit mit Coachingformaten verzahnt werden.

Kostenlos, unkompliziert, schnell
Schon lange beschäftigt sich Friedemann Knizia in Veröffentlichungen und in seiner Supervisionspraxis mit Coaching im Pfarrberuf. Jetzt hat er die Leitung des Projektes übernommen und berät an drei verschiedenen Standorten in Düsseldorf, Köln und Schweich seine Kolleginnen und Kollegen. „Niederschwellig bedeutet, dass das Angebot kostenlos ist, dass man unkompliziert und schnell einen Termin bekommt und dass die Wege kurz sind“, erklärt er. Das Coaching findet an neutralen Orten statt „fernab dienstrechtlicher Atmosphären, was klar signalisieren soll, dass es sich um Orte der Anonymität und Vertraulichkeit handelt“, so Knizia.

Balance zwischen Arbeit und Entspannung
Der Pfarrberuf habe ein ganz besonderes Anforderungsprofil, wodurch berufliche Erfordernisse und Ansprüche oftmals mit den privaten Bedürfnissen nach Entspannung, Freizeit und Familienleben kollidieren. Arbeitsverdichtung, Fusionen von Kirchengemeinden, Vertretungsprobleme, Neustrukturierung von Aufgabengebieten oder der Abbau von Gebäuden seien nur einige Beispiele dafür, dass der Beruf anstrengender und konfliktträchtiger geworden ist. Hier könne ein Coach vertrauensvoller Gesprächspartner sein, um berufliche und oft auch private Erfahrungen zu reflektieren, eigene Kompetenzen und Ressourcen zu erkennen und zu mobilisieren und so das Bedürfnis nach Entspannung und Sinn in eine Balance mit den beruflichen Ansprüchen zu bringen.

Den eigenen Stil im Pfarrberuf entwickeln
Häufige Beratungsthemen seien Leitungskompetenz, Konfliktfähigkeit, Rollenberatung und Burnout-Phänomene. „Je nachdem wie lange man den Beruf bereits ausübt, bzw. in welcher beruflichen Phase man sich befindet, können sich Probleme und Konflikte unterschiedlich darstellen“, berichtet Knizia aus seiner Beratungserfahrung. Deshalb sei die Beratung im Pilotprojekt „Coaching für Pfarrerinnen und Pfarrer“ in fünf Bereiche aufgeteilt: die Übernahme der ersten Pfarrstelle, ein Stellenwechsel, eine Bilanz nach den ersten hundert Tagen sowie nach zehn Jahren und die Entwicklung eines eigenen Profils.

Erwartungen und Selbstreflektion
„Es geht immer um Aushandlungsprozesse – zwischen Personen, aber auch mit sich selbst“, weiß der Coach. Ein Stellenwechsel greife oftmals tief in die Lebensplanung ein. Da sei eine berufsbiografische Begleitung hilfreich, in der man Unterstützung finde, um sich der eigenen Motive und Perspektiven bewusst zu werden. Für einen realistischen Blick auf den eigenen Pfarrberuf und die Entwicklung neuer Perspektiven sei eine Zwischenbilanz der bisherigen Arbeit immer ein geeignetes Verfahren des Coachings. „Das gilt für den Rückblick auf die ersten 100 Tage in einer neuen Pfarrstelle, in denen die Erwartungen der Gemeinde und ihrer Gremien mit den eigenen Vorstellungen an das Amt in Einklang zu bringen sind, ebenso wie für eine Selbstreflexion nach zehn Jahren“, so Knizia.

Positive Reaktionen auf das Pilotprojekt
Auf verschiedenen Wegen erfahren Pfarrerinnen und Pfarrer von Knizias Angebot. „Wenn die Personalabteilung im Landeskirchenamt sieht, dass etwa aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten einem Kollegen oder einer Kollegin Coaching gut täte, geben sie ihnen einen Hinweis auf das Angebot. Ich erfahre davon und nehme Kontakt mit ihnen auf“, erklärt er das Vorgehen. Andere melden sich direkt bei ihm, weil sie aufgrund von Veröffentlichungen von dieser Möglichkeit der Unterstützung erfahren haben. „Es wäre schön, wenn es immer selbstverständlicher würde, sich Hilfe zu holen“, meint er. Immerhin seien die Reaktionen auf das Pilotprojekt in der Landeskirche sehr positiv. „Viele stellen fest, dass diese Form der Beratung schon lange ‚dran’ und angemessen ist, sie finden es gut, dass so etwas passiert“, freut er sich.

Coaching als Instrument kirchlicher Personalentwicklung
Während des Projektzeitraums wird die Arbeit beschrieben und ausgewertet mit dem Ziel, Coaching ressourcenorientiert als Instrument der kirchlichen Personalentwicklung einzusetzen. „Andere Landeskirchen haben bereits interessante und wirksame Coachingangebote etabliert. Langfristig wäre es natürlich gut, wenn auch bei uns eine tragfähige und für unsere Landeskirche passende Struktur aufgebaut werden könnte,“ hofft Knizia auf eine solche Perspektive.

Informationen zu dem Pilotprojet „Coaching für Pfarrerinnen und Pfarrer“ erhält man unter www.ekir.de/coaching oder bei Friedemann Knizia in Lindlar, Telefon 02266/8580, E-Mail: coaching(a)ekir.de